Einfach annehmen

Auf der Theaterbühne kannst du sein was du willst: Ein mordendes Monstrum in Pink, ein spießiges Hausmütterchen das sich aus Langeweile mit Zombies unterhält, ein Mannweib mit einer Leidenschaft für romantische Musicals. Wenn du es richtig machst, wird dir das Publikum begeistert folgen, die Zuschauer werden dir alles glauben, nichts wird ihnen unnormal erscheinen.

Eure Schlussfolgerung ist richtig: Es ist November, ich spiele wieder Theater (Genaueres findet ihr hier). Meine Rolle ist diesmal die einer strengen, überkorrekten, ganz und gar unbayrischen Männerhasserin. Klingt gar nicht nach mir? Das ist ja das Schöne.  Der Charakter ist in der ursprünglichen Fassung für einen Mann geschrieben. oisAus Männermangel – wie bei vielen Laienbühnen – muss den Job eine Frau übernehmen. Und um nicht falsch verstanden zu werden: Ich spiele keinen Mann – sondern die Rolle ist jetzt weiblich. Ich habe mir die Rolle zurechtgestutzt und an die Charaktereigenschaften angeglichen, die ich ihr gerne geben möchte. Nur so habe ich eine Chance, die Leute zu überzeugen meine Rolle so hinzunehmen wie sie nunmal ist. Ich denke, das klappt ganz gut – wenn man den bisherigen Reaktionen des Publikums glaubt.

Und während ich meine Männerrolle zur Frauenrolle umbastle, begegne ich in meinem schnöden Alltag Menschen, deren Realität es ist, männlich zu weiblich zu machen – oder umgekehrt (ich entschuldige mich für die flapsige Formulierung – ich ahne, dass es weit komplizierter ist als das). Da ist diese Frau, die vor einigen Jahren noch ausgesehen hat wie ein Junge. Da ist diese Person, die sich die Brüste abbindet, weil sie mehr Junge sein möchte als Mädchen. Da ist dieses Kind, das seinen Jungennamen nicht mehr tragen möchte und gerne in Kleidern herumläuft.

Und obwohl diese Menschen ganz sie selbst sind und sich nicht verstellen, wie ich es auf der Bühne tue, lässt sich hier „das Publikum“ nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Hier folgen „die Zuschauer“ den Charakteren nicht. Sie nehmen eine Abweichung von „der Norm“ ungern hin. Aber warum ist das so? Hängt es schon wieder mit den Schubladen zusammen, in die wir Menschen andere Menschen stecken, um uns nicht zu überfordern? Wahrscheinlich. Und wahrscheinlich ist es auch problematisch, dass diese „nicht der Norm entsprechenden“ Menschen im echten Leben stehen – nicht auf der Bühne. Man kann sie nicht im Theater zurücklassen. Man muss sich mit ihnen beschäftigen.

Oder vielleicht sollte man sich stattdessen besser mit sich selbst beschäftigen? Sein Gehirn ausmisten und neue Schubladen schaffen. Gleich neben der für skurrile Theatercharaktere könnte dann vielleicht eine sein mit der Aufschrift:  Nicht genau einzuordnen – aber muss ja nicht sein. Mensch.

 

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