eseliert

Es ist mir lange nicht aufgefallen, dieses Wort. Seit ein paar Wochen schon höre ich es bei den Theaterproben. „Ja, – ich hass‘ dich, du inhumane Menschheit, ich will dich fliehen, eine Einöde nehme mich auf, ganz eseliert will ich sein!“, schreit Titus Feuerfuchs in Johann Nepomuk Nestroys Posse „der Talisman“.

Doch seit einigen Tagen sitzt diese Formulierung in meinem Ohr und mag sich nicht recht woandershin eselieren. Warum nur? Es ist ja noch nicht einmal mein Text, der sich wie ein Las-Ketchup-Song in feinster Ohrwurm-Manier immer und immer wieder abspult.

Ich denke, es sind die Umstände. Ich habe mich den Sommer über durchaus ein wenig eseliert. Und ich fand’s nicht immer schlimm, muss ich gestehen. Eine etwas eselhaft sture Isolation war das. Langsam, bedächtig, ausdauernd.

Jetzt ist der Sommer vorbei und ich entdecke zunehmend, dass meine Esolation schonmal als eselhaft dumme Isolation betrachtet wird. Ich bin nicht locker genug um die Maske in Innenräumen einfach abzunehmen. Ich bin zu überängstlich um liebe Menschen zu umarmen. Verkrampft, spaßbefreit, obrigkeitshörig.

Das setzt mir zu. Weil ich mich selbst so nicht sehe und weil ich eigentlich nicht so sein will. Aber was ist die Alternative? „Bleib doch einfach zu Hause, wenn du so viel Angst vor ein bisschen Grippe hast“, lese ich hin und wieder. „Ja“, will ich dann schreien „du inhumane Menschheit, ich will dich fliehen, eine Einöde nehme mich auf, ganz eseliert will ich sein!“

Doch so ganz stimmt es nicht. Denn ich will schon raus. Raus auf die Bühne zum Beispiel. „Nein, Menschheit, du sollst mich nicht verlieren. Appetit is das zarte Band, welches mich mit dir verkettet, welches mich alle Tag‘ drei – vier Mal mahnt, daß ich mich der Gesellschaft nicht entreißen darf.“ Und mein Appetit auf Theater ist groß. Zumal mich dieses Theaterstück (eigentlich ist es eine szenische Lesung) kein bisschen in meiner Esolation stört. Denn wir spielen mit Abstand – und mit Hygienekonzept. Damit sich Spieler und Zuschauer sicher fühlen können. Entspannt, locker und gut unterhalten.

PS: Wer waren noch gleich „Las Ketchup“? Bittesehr:

Aserejé, ja deje tejebe tude jebere
Sebiunouba majabi an de bugui an de buididipí

Gern geschehen.

 

Aus dem Ärmel

He, ihr!

Ihr, mit der schönen Schrift, euch meine ich! Ihr kennt das, oder? Wann immer es eine Karte zu schreiben gibt, seid ihr dran. „Würdest du das machen? Du hast so eine schöne Schrift.“ Klar macht ihr das. Ihr könnt es, ihr wollt es, ihr macht es.

Oder diejenigen von euch, die gut im Organisieren sind: „Wer würde denn den Ausflug organisieren? Würdest du? Du machst das immer so gut.“ Klar macht ihr das. Ihr könnt es, ihr wollt es, ihr macht es. Selbstverständlich.

Ich kann gut Theaterstücke schreiben. Und wenn es darum geht, für ein neues Theaterprojekt mal was aufs Papier/auf die Bühne zu bringen, bin ich in meinem Element. Szenen für runde Geburtstage? Die Umsetzung einer Ballade für YouTube? Die Bearbeitung eines verstaubten Stücks? Klar doch! Seht ihr mich streberhaft die Hand heben und schnipsen? Jawohl, schnipsen! Hier, Frau Lehrerin, ich weiß was!

Mir ist bewusst, dass ich mich ab und zu ein wenig aufdränge… so sehr, dass für andere der Eindruck entstehen muss, dass ich jederzeit in der Lage bin, eine Szene aus dem Ärmel zu schütteln. „Schreibst du uns da was? Dir fällt schon was ein.“ Klar schreibe ich. Ich kann es, ich will es, ich schüttle die Ärmel. Manchmal fällt einfach so was raus. Meistens muss ich aber dran ziehen. Und das dauert. Es kostet Zeit und Kraft und Nerven. Und dann bereue ich ein klein wenig, dass ich immer so vorlaut rumschnipse. Derzeit ziehe ich gewaltig an einer Theateridee für eine kleine Produktion im Spätsommer. Und was soll ich sagen: Es ist verkeilt. Die Zeit drängt. Ich bejammere mich. „Oh, würde doch jemandem auffallen, wie hart das ist! Mein Talent ist kein Talent – es ist ein Fluch!“ (Dramatische Verzweiflungsgeste hier gedanklich einfügen)

Genau wie sich die Organisationstalente unter euch manchmal denken: „Warum muss das jetzt eigentlich ausgerechnet ich planen?“ Oder die mit der schönen Schrift nach der x-ten Karte aufstöhnen, die Hand ausschütteln und laut verkünden, dass es auf diesem Planeten wohl noch andere geben muss, die in Schönschrift aufgepasst haben.

Doch nach all den Schmerzen, der Jammerei und den verlorenen Nerven sind wir beim nächsten Mal doch wieder mit dabei. Schnipsen, schreiben, organisieren. Weil wir es können. Und mögen. Aber es ist nicht selbstverständlich.

Deshalb an dieser Stelle: Liebe Schönschreiberinnen, Organisatorinnen, Bäckerinnen, Buchhaltungsratgeberinnen, Korrekturleserinnen* und anderweitig talentierte Menschen in meinem Umfeld – Danke! Und jetzt: Weitermachen! Ich muss dann auch mal – Ärmel schütteln.

* liebe männliche Leser, ihr seid selbstverständlich nicht minder talentiert und der Einfachheit halber hier einfach mitgemeint.

 

 

Hautfarben

Da ist dieser Bekannte von mir – er ist verheiratet, hat drei Kinder, arbeitet als Handwerker und spielt unglaublich gerne Fußball.

Da ist dieser sehr gläubige Familienvater, der gerne Geschichten schreibt und mit mir Theater spielt.

Da ist dieser kluge, lustige, Kette rauchende Kellner.

Da ist dieser Straßenarbeiter mit dem nervigen Putzfimmel und einer glühenden Verehrung für Donald Trump.

Da ist dieser Ingenieur, der sensationell gut Musik macht und singt und an dessen Akzent man erkennt, dass er nicht in Niederbayern aufgewachsen ist.

Welche Hautfarbe haben sie?

Weiß, oder? Oder nicht?

Der Ehrlichkeit halber muss man sagen – es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Männer fast alle weiß sind. Ich lebe in einer niederbayrischen Kleinstadt – nicht in einer multikulturellen Metropole. Hier sind Menschen mit dunkler Hautfarbe eine kleine Minderheit. Dementsprechend ist auch mein Bekanntenkreis überwiegend weiß.

Genau wie bei vielen anderen in meinem Umfeld sehe ich schwarze Menschen vor allem im Fernsehen, beim Profifußball, in der Politik oder ich höre ihre Musik – weit weg. Ohne Kontakt. Aber vorurteilsfrei.

Diese Freiheit von Vorurteilen lässt sich bei manchen aber schwer mit in den Alltag nehmen. Eben weil die Realität in der Kleinstadt eine andere ist. Dunkelhäutige Menschen sind selten. Selten ist anders. Anders ist… anders. Gegen diese Scheu vor dem Anderen lässt sich schwer was machen.

Und so kommt es zum Beispiel immer noch vor, dass Leute meinen, es sei doch gar nicht schlimm, wenn man in Bayern zu einem „Neger“ eben „Neger“ sagen würde. Das sei halt bei uns so. Wäre doch nicht böse gemeint.

Lasst mich an dieser Stelle ein für allemal klarstellen: NEIN.

Diese Leute würden Menschen mit Behinderung niemals als „Spasten“ bezeichnen, sie würden ihren türkischstämmigen Automechaniker niemals „Kanake“ nennen und über Frauen nicht pauschal als „Schlampen“ reden. Das wäre ja schließlich grob unhöflich. Aber „Neger“ geht? Echt? „Das haben wir schon immer so gesagt“, „das ist ja nicht so schlimm“. Sitzt ja auch keiner mit am Tisch. Und man kennt auch keinen, bei dem man sich vorstellen müsste, wie er reagieren würde, säße er mit am Tisch. Und weil man in einer niederbayrischen Kleinstadt in einem ziemlich weißen Umfeld lebt, wird sich daran auch nicht so schnell etwas ändern.

20200605_091330Es ist nicht leicht Vorurteile abzubauen, wenn niemand da ist, der einem zeigt, dass die Vorurteile Bullshit sind. Der sich mit an den Tisch setzt.

Deshalb bleibt uns nur die Theorie. Lesen, Videos zum Thema ansehen, sowas eben. Und ein paar Grundsätze. Die heißen:

Es kommt nicht darauf an, wie jemand aussieht oder woher er kommt, sondern wie er ist. Deshalb verzichte ich auch darauf, euch zu sagen, welche Hautfarbe meine oben erwähnten Bekannten haben. Es ist schlicht egal.

Respektiert eure Mitmenschen.

Sad’s freindlich!

Let love rule.

#noracism

 

 

 

 

 

Das Beste draus

„Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!“ Ich habe mich schon öfter gefragt, wie wohl ein Notfall oder eine Krise aussehen müsste, in der ich schreien könnte: „Lassen Sie mich durch, ich bin Keramikerin!“ und die Leute würden erleichtert aufatmen. Es müsste eine Krise sein, in der zeitgleich sämtliches Industriegeschirr auseinanderfallen, sämtliche Glasbehälter zerbrechen und alle Platikschüsseln der Welt zerbröseln würden – dann wäre ich eine Retterin der Notleidenden. Ich muss nicht erst schreiben, dass das nie eintreten wird, oder?

Mein Beruf ist unnütz. Das wusste ich aber schon immer. Das ist ja nicht erst seit gestern so. Die Maschinen haben uns Keramiker schon so lange und so gründlich ersetzt, dass nicht einmal mehr der 3-D-Drucker noch Zerstörung anrichten könnte. Manchmal setzt es mir auch zu, nichts zu können, das „nützlich“ ist. Aber selbst schuld – Augen auf bei der Berufswahl. Und ich habe ab und zu absichtlich geblinzelt. Der Schönheit, der verlorenen Dinge wegen…

Schon in der Ausbildung sagte unser Lehrer zu uns: „Ihr werdet für eine Elite produzieren“ – Und er hatte Recht. Meine Keramik muss man sich leisten wollen und leisten können. Fällt diese kleine Nachfrage weg, bin ich am .. äh… Dings. Und außer mir wird es niemanden kümmern. Diese Tatsache begleitet mich schon mein ganzes Berufsleben.

Und das verschafft mir in der aktuellen Krise eine ganz seltsame Sichtweise. Ich beobachte erstaunt, wie perplex Menschen sein können, wenn sie realisieren, dass man sie gerade nicht braucht. Dass ihr Beruf nicht so wichtig ist, wie sie geglaubt haben. Und wie uns plötzlich auffällt, dass Sachen teurer werden und für Menschen mit Kurzarbeitergeld oder Lohnausfall nicht mehr erschwinglich sein werden. Flugreisen, Fleisch und Autos – nur noch etwas für Eliten… neben handgetöpferten Tassen, selbstverständlich.

Nicht, dass es mir gefallen würde, dass diese Pandemie den Graben zwischen Arm und Reich noch tiefer und dunkler werden lässt. Im Gegenteil. Aber es kann sein, dass dieses System uns „Unnütze“ fressen wird. Und es wird niemanden außer uns kümmern. Das klingt bitter – ist es auch. Aber halt! Nicht aus dem Fenster stürzen, bitte!

Es gibt auch Trost. Kürzlich habe ich die These aufgeschnappt, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt jederzeit gestaltend in seine Umwelt einzugreifen. Übersetzt: Wir sind von Natur aus in der Lage, das Beste draus zu machen.

Der Gedanke gefällt mir. Jetzt müssten wir nur noch wissen, was das Beste ist – in welche Richtung es gehen soll. Was ist wirklich wichtig?

Schon klar, handgetöpferte Keramik ist es nicht. Aber das geht schon klar. Ehrlich. Ich mache für mich das Beste draus.

 

Mit den Augen

„Heinz-Rüdiger, tu das nicht anklangen!“

So wird der kleine Heinz-Rüdiger in Gerhart Polts Film „Man spricht deutsch“ in einem wunderbaren Hochdeutschbayrisch gemaßregelt (übersetzt heißt es: „Heinz Rüdiger – fass das nicht an! Aber so ist es nicht lustig). In unserer Familie ist es ein geflügeltes Wort.

Zumal es das auf den Punkt bringt, was ich manchmal bei Kunden erlebe. Da steht die Mutter/derVater/der verantwortliche Erwachsene, hält gedankenverloren eine Keramiktasse in der einen Hand, streicht mit der anderen Hand über einen Teller, blickt über die Schulter nach unten uns sagt zum Kind: „Nichts anfassen, gell? Man schaut mit den Augen.“

„Keramik darf man anfassen“, springe ich dann oft ein. Keramik muss man anfassen. Wenn die Tasse gut in der Hand liegt, hat sie das Zeug zur Lieblingstasse. Drum prüfe, wer sich bindet.

Nun ist aber seit ein paar Wochen alles anders. Außerhalb der eigenen vier Wände mag man nichts mehr wirklich anfassen. Es könnte ja vorher jemand einen Virus draufgehustet haben. Dann kratzt man sich einmal kurz und – zack – ist man krank. Man pflückt Äpfel aus der Obstauslage und nimmt sie mit – selbst wenn man feststellt, dass sie nicht die schönsten sind. Egal. Zurückgelegt wird nicht mehr. Angefasst ist angefasst.

Was mache ich nun aber mit meiner Keramik, wenn mein Laden wieder öffnet? Wer wird sich eine Lieblingstasse zulegen, wenn man nicht prüfen kann, wie sie in der Hand liegt?

Man kann und darf selbstverständlich meine Ware in die Hand nehmen. Kaufen und mit nach Hause nehmen wäre noch besser. Aber ich würde darum bitten, den allersersten Eindruck mit den Augen zu erledigen.

Stellen Sie sich einfach vor, Sie wären wieder Kind und ein Erwachsener würde sich zu ihnen runterbeugen und mahnen: „Tu das nicht anklangen!“

Wetten, Sie müssen unter ihrer Maske grinsen?

 

 

Behütet

God bless you

Ein ehemaliger Bekannter von mir sagte das immer, wenn er sich verabschiedete oder sich für etwas bedankte. Thank you – God bless you. Goodbye – God bless you. Ich fand  und finde es nach wie vor ganz und gar wunderbar. Auch wenn er es für ihn nur eine Floskel gewesen sein sollte – für mich fühlte es sich gut an. Da wünscht mir einer Gottes Segen. Einfach so. Ohne Kirche, ohne Pfarrer, ohne Ostern. Ein kleiner Segen für zwischendurch sozusagen.

Wir hier im aufgeklärten und traditionell wenig gefülsduseligen Niederbayern würden so etwas heutzutage nicht mehr machen, dachte ich. Uns gegenseitig einfach so Gottes Segen wünschen. Da musste schon einer kommen, dessen Muttersprache nicht aus niederbayrischen Grunzlauten besteht. Aber da habe ich mich getäuscht. Das gibt es bei uns auch. Genuschelt und verkürzt – aber es ist da.

Ein „Vergelt’s Gott“, wenn wir uns bedanken wollen heißt nichts anderes als „Gott soll es dir vergelten“. Und ein „Pfiadi“ zum Abschied ist nichts anderes als ein „Behüte dich Gott“. Wenn wir das sagen, meinen wir es mit Sicherheit auch nicht wirklich wörtlich – aber vielleicht sollten wir wieder.

An einem Ostern ohne Kirche und ohne Pfarrer.

(Ob und an wen ihr glaubt – mir ist es wie immer egal. Das hier kommt von Herzen:)

Es segne und behüte euch der allmächtige Gott

Der Vater, der auferstandene Sohn Jesus Christus und der Heilige Geist. Amen.

Frohe Ostern

P1030238

 

Kleines Online-Schaufenster

Ich hab mir gedacht, wenn die Kunden schon nicht zu mir in den Laden kommen (können), kommt der Laden eben zu den Kunden. Ja, ich weiß, dass das schon immer der Sinn meiner Homepage gewesen ist… aber mei. Also hier aus der Rubrik Geschirr: P1040844

Eierbecher mit weiß-blauer Glasur.

Noch mehr Geschirr findet ihr hier. Nicht alles ist immer auf Vorrat da. Aber alles kann bestellt werden.

Kommt unbeschadet durch diese Zeit!

Sternzeichen Kaninchen

Ich schaue keine Katastrophenfilme. Die lassen mich nicht schlafen und wenn doch, dann schicken sie mir schlechte Träume. So langsam beschleicht mich aber das Gefühl, dass es gut sein könnte, dass ich dem Katastrophenfilm nicht entkommen werde – und dass er nicht als Spielfilm um 20:15 Uhr laufen wird, sondern in den Nachrichten oder in meinem direkten Umfeld in „Realtime“, wie man so sagt. Ihr wisst, wovon ich rede und ja, ich weiß, wie sich das liest. Panisch. Aber bevor die Beschwichtigungen kommen: Spart sie euch, denn ich mache seit Tagen nichts anderes, als mich selbst zu beschwichtigen. Das klappt mal mehr, mal weniger gut.

Es klappt gut, wenn ich mit Freunden und Bekannten rede, wenn ich mit meinen Kindern einen Film schaue, oder mit meinem Mann ein leckeres Essen koche. Wenn ich einkaufen gehe und feststelle, dass kein Mangel herrscht oder wenn ich ein spannendes Buch lese.

Es klappt nicht, wenn ich in meiner Werkstatt sitze. Und da sitze ich wie das Kaninchen vor der Schlange. Regungslos – in Schockstarre. Und das ist mir völlig bewusst. Dabei könnte ich so viel machen. Der Ton wird mir so schnell nicht ausgehen und auch die Entwürfe nicht.  Zeit habe ich ohne Ende, da die Straßen vor meinem Schaufenster immer leerer werden und niemand in meinen Laden kommt, weil man sich mit einer Vase so schlecht den Hintern abwischen kann. Und hier nimmt die Fantasiespirale in die Endzeit Fahrt auf – habt ihr gemerkt, oder?

Aus meiner Starre löst sich fatalerweise nur meine Hand, um nach meinem Handy zu greifen. Gerade jetzt, wo ich mir doch vorösterlichen Internetverzicht auferlegt hatte. Aber es muss sein. Es ist eine Mischung aus Sensationsgier, Aktionismus und dem Bedürfnis nach Kontakt. Und es ist das allerletzte, das ich tun sollte.

Schulen geschlossen, Musikunterricht abgesagt, Fallzahlen aus Italien, Verschwörungstheorien, Fallzahlen aus Bayern, Rettungspakete für die Wirtschaft, Petitionen, Fallzahlen aus dem Landkreis, Geschlossene Grenzen, eine lange Diskussion über den Sinn von Theaterproben, wenn es keine Aufführung geben wird…

Mein ganz persönlicher Katastrophenfilm spielt sich in meinem Handy ab, bereit, herauszuhüpfen und zusammen mit diesem verkackten Virus den Rest meines Hirns in Matsch zu verwandeln – so oder so.

Ich habe versucht, diese Starre zu durchbrechen. Mit Arbeit. Ich habe meine Werkstatt aufgeräumt – und es wieder gelassen. Ich habe eine To-do-Liste geschrieben – und sie unbeachtet weggelegt. Ich habe gezeichnet und getöpfert – ohne die übliche beruhigende Wirkung zu spüren.

 

Aber ich schreibe. Zumindest das hier. Und ich stelle fest – es sortiert mich. Zumindest soweit, dass ich sagen kann: Ich habe Angst. Angst, Menschen an dieses Virus zu verlieren. Ich mache mir Sorgen um meine Arbeit und meinen Laden. Und ich befürchte, dass unser Gesundheitssystem in die Knie gehen könnte.

Deshalb verkriecht sich das Kaninchen jetzt, wann immer es geht in seinem Bau bei seinen Lieben.

Und hofft auf das Beste. Das Allerbeste – was immer das auch sein wird.

Passt gut auf euch.

#bleibtzuhause #flattenthecurve

Disziplin – geliebter Feind

Ich halte mich ja für völlig disziplinlos. Beziehnungsweise hielt ich mich bis vor Kurzem dafür. Aber nach genauerer Betrachtung stimmt das gar nicht. Und diese Erkenntnis macht etwas mit mir.

Disziplinlosigkeit war bisher eine gute Erklärung für einiges in meinem Leben, das erfolglos verlief. Diät? Ich könnte ja abnehmen, wäre ich nur ein klein wenig disziplinierter. Das zweite Buch? Wäre schon längst fertig, würde ich mich nur regelmäßig damit beschäftigen. Flüchtlingshilfe? Ich könnte wieder dabei sein, würde ich mir wöchentlich mal ein bisschen Zeit abknapsen. Bügelwäsche? Wäre ein Klacks, würde ich mir jede Woche ein paar Teile vornehmen. Internetblog? Würde besser laufen, würde ich… undsoweiterundsoendlos.

Nun ist es aber mittlerweile so, dass auch die Disziplin-Haben-Seite einiges vorzuweisen  hat. Also auch etwas, das übers Zähneputzen hinausgeht.

Ich mache Sport. Sechsmal die Woche mindestens ne halbe Stunde. Seit eineinhalb Jahren. (Das wäre jetzt der richtige Platz für ein Vorher-Nachher-Foto. Aber der Einfachheit halber gibt es nur ein Foto, das mich zeigt, wie ich aussehe. Vorher und Nachher. Also seit etwa zwei Jahren. Wobei… ich hab tatsächlich ein wenig zugenommen. Stellt euch das Vorher-Foto einfach dünner vor.)

Ich esse seit einem Jahr weder Fleisch noch Fisch.

Ich spiele jeden Tag eine halbe Stunde auf meinem neuen, heißgeliebten Klavier.

Ich schaffe meinen (mittlerweile massiv muskulösen) Hintern täglich zur Arbeit.

– Letzteres hab ich nur wegen der Alliteration geschrieben. Sorry –

Und ich versuche mich ökomäßig soweit zu verbessern, dass es für mich und andere echt schon anstrengend ist.

Das klappt alles ganz gut. Ich kann also diszipliniert sein. Das findet der ehrgeizige Teil meiner Persönlichkeit klasse. Und ausbaufähig. Die Fastenzeit steht an und bietet einen Anlass, mich noch ein wenig weiter zu optimieren:

40 Tage ohne Auto

40 Tage lang täglich an meinem neuen Theaterstück arbeiten

40 Tage lang Körper zeichnen

40 Tage lang mal strukturiert Hausarbeit machen

Schön und gut – wäre da nicht dieser andere Teil in mir, der Selbstoptimierung gruselig findet. Dieser Teil ist ein guter Bekannter des Inneren Schweinehunds und unterfüttert sämtliche Faulheit mit intellektuell klingenden Ausreden. Meine Lieblingsausrede: Ich mag meine Tage nicht so durchtakten, dass ich keinen Freiraum mehr habe. Ich bin kreativ. Kreativität braucht Zeit. Dass mir diese Zeit nicht der Sport oder die Schreiberei klaut, sondern primär mein Smartphone, lasse ich unerwähnt.

Deshalb versuche ich mich diese Fastenzeit selbst zu überlisten. Ich werde meinen Aufenthalt im Internet drastisch reduzieren. Mal sehen, wie viel Zeit für Selbstoptimierung dabei rausspringt. Und sollte ich mich doch versehentlich mal in Kommentarspalten oder YouTube-Videos verlieren – nicht wundern: Ich hab halt einfach keine Disziplin.

 

 

Versteckt im Internet

„Bei welcher Partei ist der? Ach, die reißen bei der Wahl doch sowieso nichts. Die sind viel zu klein. Der ist doch die ganze Aufregung nicht wert.“

Doch, das ist er. Rechte Hetzer sind die Aufregung immer wert. Egal welcher Partei sie angehören.

„Der? Ein Rechter? Wie kommst du denn da drauf?

Nun, ich habe Internet.

In Zeiten von Social Media präsentieren sich Kommunalpolitiker – und solche die es werden wollen – genau wie ihre Bundes- und Landeskollegen gerne auf allen möglichen Plattformen im Internet. Und manchmal bekommt man da einen ganz erstaunlichen Einblick: Da wird hier mal der Klimawandel geleugnet, dort gegen Flüchtlinge gehetzt (Verzeihung, das heißt „asylkritischer Beitrag“) und wenn die angestachelte Leserschaft munter mitmacht und zum Beispiel Flüchtlinge ins Gas wünscht, oder ihnen ein „drittes Auge schießen“ möchte, dann wird das auf der eigenen Seite ganz einfach toleriert. Keine Widerworte. Hier nur mal ein Beispiel von der Facebookseite eines Kreisrats. Allerdings schon vor einiger Zeit gepostet.

(Wenn man es dann selbst nicht mehr aushält und Widerworte gibt, wird man umgehend blockiert und anschließend beschimpft) Hier aus einer anderen Kommentarspalte:

Hetze6

Klingt unglaublich? Ist aber so. Passiert nicht irgendwo in Berlin sondern genau so vor unserer kleinstädtischen Nase.

Im März stehen in Bayern Kommunalwahlen an und nach außen hin geben sich alle Kandidaten bürgernah, engagiert und harmlos. Doch es lohnt bei manchen der Blick ins Internet, um ihnen die Maske von der rassisitischen Fratze zu reißen.

Es ist alles nicht strafbar, es ist doch alles ganz harmlos. Das wird man doch noch schreiben dürfen. – Ja, darfst du (rein rechtlich). Aber dann schreib es doch auch auf deine Wahlplakate! Mach deine Menschenverachtung richtig öffentlich. Stell dich an deinen Infostand und sag: „Ja, ich bin ein Rassist – ich applaudiere, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken. Und jetzt wählt mich!“ Nur zu.