Loslassen einmal – nochmal

Regisseure und Eltern haben ja einiges gemeinsam. Sie müssen sagen wo’s langgeht, müssen trösten und motivieren und – wenn die Zeit gekommen ist – bleibt ihnen nichts anderes übrig, als den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Eigentlich kann man als Regisseur schon bei der Generalprobe nichts anderes mehr machen, als zuzusehen, zu loben und vielleicht noch einen klitzekleinen Hinweis in Sachen Lautstärke zu geben. Alles andere wäre kontraproduktiv – und ich spreche aus Erfahrung. An den Spielern so spät noch herumzukritteln schadet der Stimmung und macht eingeschlichene Fehler auch nicht wett. Nein, die Spieler müssen das machen, was sie eben machen. So gut wie möglich und im Idealfall so, wie vom Regisseur gewünscht. Wenn nicht – mei – Pech.

Das musste ich auch langsam lernen. Dass der Regisseur seine Inszenierung spätestens bei der Premiere loslassen muss. Er muss sie freigeben, im Vertrauen darauf, dass es schon gut gehen wird. So wie Eltern ihre Kinder irgendwann mal vertrauensvoll losschicken müssen.

Ich bin bei unserem aktuellen Theaterstück in einer seltsamen Situation. Denn statt wie sonst in gewohnter Position als Regisseurin oder Spielerin, assistiere ich zum ersten Mal meinem fünfzehnjährigen Sohn. Er wollte sich mal als Regisseur versuchen. Und – hey – kein Problem! Mutter hilft dir schon.

doof2Natürlich war ich nicht so naiv zu denken, wir würden nie aneinandergeraten. Und selbstverständlich sind wir das auch mal ganz gewaltig. Schließlich bin ich eine astreine Rampensau mit einem Mundwerk, das oft der Vernunft vorausgaloppiert. Und anfangs konnte ich den Drang, für mein Kind zu übernehmen nur schlecht unterdrücken. Aber mittlerweile gelingt mir das immer besser. „Frag den Regisseur“ ist mein neuer Lieblingssatz bei den Proben.

Und er antwortet. Manchmal mit Seitenblick zu mir – aber alleine. Für sein Stück verantwortlich. Ich hoffe – wenn bei der Premiere die Lichter auf der Bühne angehen – dass er dann auch loslassen kann. Und den Dingen vertrauensvoll ihren Lauf lässt.

Ich jedenfalls bin jetzt schon mächtig stolz.

 

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Generationen und Konflikt

An dieser Stelle sollte eigentlich ein Beitrag stehen, der sich mit der „Jugend von heute“ beschäftigt und mit der Frage, wie doof wir uns eigentlich anstellen, wenn sogar Fünfzehnjährige schon total politikverdrossen sind. Doch es kam was dazwischen. Ein You-Tube-Video eines 26-Jährigen mit blauen Haaren und ein Gespräch mit meiner Elterngeneration, das mich mit vielen Fragen zurückgelassen hat. An einem Freitag(-for-Future).

Also

Liebe Ältere: Mag ja sein, dass eure Generation vor vierzig/fünfzig Jahren keine zwei Autos pro Haushalt hatte, nicht so selbstverständlich in den Flieger gestiegen ist wie die Zwanzigjährigen heutzutage und im Februar keine Erdbeeren gegessen hat.

Das ist richtig. Das ist meine Generation. Leute in meinem Alter (nuschelnuscheleinundvierzignuschelnuschel) bringen ihre Kinder mit dem SUV zur Schule, fliegen übers Wochenende nach Mallorca, kaufen das ganze Jahr über Avocados und Orangen und finden, dass Geiz schon ganz schön geil ist. Ich fahre auch weniger mit dem Fahrrad, als ich könnte, kaufe Klamotten und Schuhe selten öko oder fair und lebe nicht wirklich plastikfrei. Eine Flugreise würde ich übrigens auch mal wieder echt schön finden.

Warum meine Generation sich in den jungen Jahren nicht ums Klima oder um Sozialpolitik gekümmert hat – ich weiß es ehrlich gesagt nicht wirklich. Vielleicht kommt es daher, dass ich einer Generation angehöre, die ein unglaubliches Freiheitsgefühl mit auf den Weg bekommen hat. Ich hatte noch ein bisschen Kalten Krieg und dann – BÄM – Wiedervereinigung. Tolle Sache. Großartige Sache! Bis heute hat das meinen Begriff von Demokratie geprägt. Ich bin in dem Wissen aufgewachsen, dass das Volk, wenn es will, mächtig ist. Mächtig genug, um eine Diktatur zu stürzen.

Und ab da war ja eigentlich alles super. Friede, Freude, Eierkuchen. Außer in Jugoslawien. Aber da hat ja nach kürzester Zeit eh keiner mehr durchgeblickt. Was ich sagen will: Meine Generation hatte alles. Wir waren eine verzogene Generation voller Hedonisten, die nur um sich selbst kreisen durfte. Politik war was für die Alten und die Idealisten. Es funktionierte ja irgendwie, soweit ich das aus der Entfernung beurteilen konnte. Katalysatoren wurden eingeführt, FCKW verboten, Schwefelfilter vorgeschrieben. Ob es dafür harte Kämpfe gebraucht hat, weiß ich nicht. Es war mir wurscht. Nur ich war mir wichtig.

Eure Generation hatte diese Freiheiten nicht. Ihr seid anders aufgewachsen. Mitten im Kalten Krieg. Da war die Welt ganz klar aufgeteilt in Gut und Böse. Böse war die UdSSR und das damit verbundene kommunistische System. Gut waren die Westmächte, allen voran die USA und das damit verbundene kapitalistische System. Und „Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe“. Ihr habt den Kapitalismus als Segen verinnerlicht. Wirtschaftlich ging‘s damit ausschließlich bergauf. Wachstum war und ist für euch gut und notwendig. Ohne Wachstum kein Wohlstand. Das ist sicherlich auch richtig. Mir persönlich und meiner Familie geht es nur so gut, weil wir in einem wirtschaftlich starken Land leben.

Was viele in eurer Generation aber ignorieren ist, dass dieses Wachstum Opfer fordert. Die Opfer sind Menschen am „unteren“ Ende der Gesellschaft. Schwache, Kranke, schlecht Ausgebildete. Dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht ist ja nichts Neues mehr. Das kommt alle Nase lang in den Nachrichten und ist Thema unendlich vieler Studien. In unserem Niedriglohnsektor arbeiten Menschen für nix. Leiharbeiter sind moderne Sklaven. Ebenso wie Paketboten. Sogar Polizisten haben Zweitjobs. Damit müsste eigentlich alles gesagt sein. Unsere Regierung sagt dazu zum Beispiel im Fall der Paketboten: Nö, da kann man die Paketdienste nicht in die Pflicht nehmen. Das geht auf gar keinen Fall. Und wie lange hat sich die Union gegen den Mindestlohn gewehrt? Mit Händen und Füßen. Von unserem Gesundheitssystem oder dem Rentensystem will ich gar nicht erst anfangen. Stichwort: Private Vorsorge.

Privatisierung ist noch so ein Problem. Immobilien sind Spekulationsobjekte geworden. Das schnelle Geld für Kommunen und Spekulanten. Langfristig ein Desaster.

Ihr habt gelernt: Wer etwas leistet, kann sich auch etwas leisten. Das stimmt aber so nicht oder nicht mehr zu 100 Prozent. Es bewegt sich eher in die Richtung: Wer hat, der wird mehr haben und dessen Nachkommen werden auch haben. Auch das wird von vielen in eurer Generation ignoriert. Und ja, ich bin mir bewusst, dass ich bei denen bin, die profitieren, weil die Eltern „haben“.

Ein weiteres massives Opfer ist die Umwelt. Auch hier ist für unseren Wohlstand einiges draufgegangen. Gut, unsere Flüsse sind sauberer, als noch in den 80ern. Und auch die Luft. Also hier bei uns (und auch wegen dieser schlimmen Verbotspartei – wie heißt sie noch gleich…?). Woanders eher nicht. Wir beuten unsere Erde aus. Auch dazu gibt es Studien. Dieser Tag, an dem die Menschheit die Ressourcen eines ganzen Jahres aufgebraucht hat, war 2018 bereits am ersten August. Wir leben seit langem deutlich über unsere Verhältnisse. Wir alle. Unsere Geiz-ist-geil-Mentalität und euer bedingungsloser Glauben an Wachstum machen uns kaputt. Und sind zum Beispiel auch mitverantwortlich für die zahlreichen Migrationsströme aus Afrika. Nur so am Rande.

Unsere Regierung und auch die Regierungen der vergangenen Jahre haben dagegen nichts oder wenig oder nicht genug unternommen. Lieber wurde und wird die Industrie gestärkt. Denn: Ohne Export sind wir praktisch tot. Deswegen Fleischerzeugung in der industriellen Landwirtschaft fördern. Das Fleisch ist nicht für uns – es geht in den Export. Die Gülle bleibt uns. Deswegen alle unsere Vorzeigeindustrien fördern (beziehungsweise größtmöglichen Schaden von ihnen abwenden) – Auto, Chemie, Energie. Koste es, was es wolle. Europa gehört zu den größten Plastikproduzenten weltweit. Deutschland verbraucht im europäischen Vergleich am meisten Verpackungsmüll. Für die weltweite Fleischproduktion wird Regenwald abgeholzt. In ganz großem Stil. Für Palmöl in unserer Nahrung und unseren Tanks wird Regenwald abgeholzt und ganze Länder quasi enteignet. Das wissen wir doch alle längst. Oder wir könnten es wissen. Aber wir ignorieren es. Wir ignorieren, dass unser Handeln Konsequenzen hat. Beschissene Konsequenzen. Und wir weigern uns, über Lösungen nachzudenken. Meine Generation aus schlichtem Desinteresse und eure Generation aus dem blinden Glauben ans Wachstum. Wie kann denn etwas schlecht für andere sein, wenn es uns doch so gut geht?

Und dann kommt „die Jugend“ daher und legt den Finger in die Wunde. Ob in einem You-Tube-Video oder bei Fridays-For-Future-Demonstrationen.

Sicherlich habt ihr Recht, wenn ihr sagt, dass man vielleicht noch nicht so den Weitblick hat, wenn man jung ist. Das stimmt. Es fehlt schlicht an Erfahrung. Aber wenn ich mir die jungen Leute jetzt so ansehe, finde ich sie alles andere als engstirnig und verantwortungslos. Zumindest einige in einigen Bereichen. Sie sind informierter, als andere Generationen vor ihnen. Sie haben das Internet. Sie können alles jederzeit erfahren und sie nutzen diese Möglichkeit mit einer Selbstverständlichkeit, die wir nicht haben. Und wenn mir die „Jungen“ in Videos und bei Demonstrationen vorwerfen, dass ich durch meine Ignoranz in den vergangenen Jahrzehnten mit daran schuld bin, dass jetzt einiges im Argen liegt, dann kann ich nur sagen: Stimmt. Mist. Wir haben gepennt. Wir haben es ignoriert. Also besser, wir unternehmen jetzt was. Loslos! Danke für den Weckruf, räumt ihr mal euer Zimmer auf und wir sehen zu, dass wir den Rest gebacken bekommen! Weil es tatsächlich unsere Aufgabe ist – nicht die der 16-Jährigen.

Die Reaktion von Leuten die etwas älter sind als ich, ist oft: Die kann man doch nicht ernst nehmen. Diese Kinder. Die haben ja keine Ahnung. Gleich abkanzeln. Klein halten. Halt den Mund, wenn sich die Erwachsenen unterhalten. Erzieht man so Kinder zu selbstbewussten Erwachsenen? Ich denke nicht. Ich ertappe mich auch oft dabei, wie ich meinen Kindern über den Mund fahre und ihnen ein „dafür bist du noch zu klein“ entgegnen will. Aber das geht so nicht. Das muss ich mir echt abgewöhnen.

Vor allem von CDU/CSU-Wählern kommt nach diesen Vorwürfen der „Jugend von heute“ nur ein beleidigtes Bellen. Unverschämt! Wir sind doch nicht an allem schuld! So ein blauhaariger Fatzke und so eine kleine Schwedin mit Zöpfen und Hang zum zivilen Ungehorsam wollen UNS Vorwürfe machen? UNS! Wissen die denn nicht, was wir alles geleistet haben in unserem Leben?

Nein, vielleicht wissen sie das nicht. Aber sie sehen die Konsequenzen. Auch die unschönen. Und sie verlangen von uns, dass wir etwas dagegen tun. Dass wir Lösungen finden, weil es in unserer Verantwortung liegt.

Das können wir meiner Meinung nach auf unterschiedliche Weise erreichen: Es nach bestem Wissen und Gewissen besser machen, unsere Kinder in diesem Bewusstsein erziehen und wählen gehen.

Und endlich bin ich beim Punkt: In den vergangenen Jahrzehnten wurden Deutschland und Europa von Parteien regiert, die ziemlich wenig dafür getan haben, Lösungen für die Probleme zu finden, die uns der Kapitalismus eingebrockt hat. Viel zu oft haben sie eigene oder Lobbyinteressen über das Gemeinwohl gestellt.

Das konnte jeder beobachten. Die Arbeit der Union und der SPD und ja, auch der GRÜNEN war für jeden verfolgbar. Belege wären auch hier mit einem oder zwei Klicks zusammenzutragen.

Jetzt loszuschreien: „Damit haben die Wähler aber doch gar nichts zu tun!“, ist ehrlich ein bisschen irre!

Ich kann doch als Wähler nicht die Verantwortung abwälzen. Den Schuh muss ich mir anziehen. Denn wenn ich das nicht tue, dann würde ich ja zugeben, dass die Politik von anderen gesteuert wird, als vom Wähler. Und das wollen wir als Demokraten erst recht nicht hören, oder?

In diesem vieldiskutierten You-Tube-Video wurde nichts anderes gemacht, als über die Schattenseiten der jahrelangen Regierung von Union und SPD zu reden. Beweisbar. Nachweisbar. Diesen Schattenseiten müssen sich Unionswähler ebenso aussetzen, wie die GRÜNEN-Wähler sich ewig die Schröder-Koalition aufs Brot schmieren lassen müssen. Die Wähler müssen sich fragen, wie das ihr Wahlverhalten beeinflusst. Ob die Vorteile die Nachteile noch aufwiegen.

Verantwortung übernehmen – auch für das, was nicht so toll ist. Auch für das, was man verkackt hat. Oder was andere mit meiner Legitimation verkackt haben. Analysieren und Konsequenzen ziehen. Das verlange ich von Erwachsenen. Kinder und Jugendliche müssen das erst lernen.

 

PS: Ich verzichte hier auf die unterschiedlichsten Verlinkungen – ganz bewusst. Kann sich jeder selbst zusammengoogeln.

#fridaysforfuture

 

Schon wieder?

Momentan kommt es mir so vor, als würde ich ständig Abwesenheitsnotizen verfassen. Und ich höre schon die Stimmen derer, die demnächst wieder bei mir vor verschlossener Ladentür stehen: „Wann arbeitet die eigentlich? Nie ist die da.“

Aber es hilft nix. Ich bin in den kommenden Wochen ein paarmal außerplanmäßig weg.

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Glaubt mir, zwei der Termine sind von der Sorte, die man lieber schwänzen und stattdessen 200 Henkel ziehen möchte. Aber einer ist dabei, da könnte es sein, dass ich mich mein Leben lang in den Hintern beißen würde, würde ich den verpassen.

Ich bitte um euer Verständnis.

PS: Sonst bleiben die Öffnungszeiten gleich.

das ist doch echt kein Thema mehr

Bevor ihr weiterlest: Es ist mir völlig egal, wie ihr euch ernährt. Total. Fühlt euch frei zu essen, was auch immer ihr essen möchtet. Außer kleine Kinder – das würde ich dann doch eher nicht so gut finden. Aber im Endeffekt müsst ihr auch das für euch selbst entscheiden.

Ich habe für mich entschieden, dass ich versuchen möchte, vegetarisch zu leben. Und ich habe mir ehrlich nicht gedacht, dass das im Jahr 2019 überhaupt noch ein Thema ist. Ich habe Freunde, die sich vegetarisch oder vegan, gluten- laktose- oder zuckerfrei ernähren – wahrscheinlich viel mehr als ich weiß. Denn ich frage nicht jeden nach seinen Essgewohnheiten. Es ist also echt kein Aufreger mehr – dachte ich.

„Woran erkennst du einen Vegetarier? – Ganz einfach, er wird es dir erzählen“, lautet der gängige Spruch. Und ich habe das Klischee hiermit erfüllt. Tatsache ist, dass ich das aber gar nicht möchte. Nach 40 Tagen Fastenzeit ohne Fleisch, Fisch und Wurst habe ich ehrlich keinen Bock drauf zu sagen, dass ich mich als Vegetarierin versuche. Denn ich kann auf die dummen Sprüche (siehe oben) wirklich verzichten. Meine Freundin hatte mich vorab gewarnt: „Ständig wirst du blöd angeredet und muss dich rechtfertigen.“ „Kann ich mir nicht vorstellen“, habe ich geantwortet. Was soll ich sagen – sie hatte Recht. Wobei ich fairnesshalber auch sagen muss, dass ich schon massiv aufpassen muss, nicht vegetarisch-selbstgerecht zu werden. Ich sehe die Klippen und ich versuche sie zu umschiffen, so gut ich kann.

Margeriten

„Da! Frühstück!“

Es ist ein Krieg der Essreligionen. Und ich bin der Überläufer zu einer verfeindeten Splittergruppe. Und das Allerschlimmste: Ich versuche damit tatsächlich einer Überzeugung gerecht zu werden. Nachdem ich mich in einer Kabarettsendung zur Massentierhaltung so dermaßen wiedergefunden habe, dass ich mich vor dem Fernseher in Grund und Boden geschämt habe („…. aber sagen Sie, war das Schwein auch wirklich glücklich? Ich möchte nur Fleisch von glücklichen Tieren kaufen“), ist mir klar geworden: Du kannst nicht immer nur so öko daherreden. Du weißt, es geht besser – ohne viel Aufwand – dann mach es halt einfach. Basta. (Und wieder hier der Hinweis: Ich habe das für mich entschieden. Sonst nix. Und jaaaaa, ich weiß, dass „nur“ fleischlos auch nicht wirklich öko ist.)

Mein Mann mag kein Blaukraut. Mein Vater mag keinen Milchreis. Meine Kinder essen keinen Rosenkohl (die Liste wäre länger, würde aber das Thema total sprengen). Das geht für alle in Ordnung. Bei Familienessen oder im Restaurant ist das für niemanden ein Thema. Doch wenn ich in der Pizzeria eine „Vegetariana“ bestelle, kommt prompt ein: „Du bist aber keine Vegetarierin, oder?“ Als wäre das etwas höchst Unanständiges. Ja, hier in der Kleinstadt ist das wohl manchmal so (nur falls sich mitlesende Städter mittlerweile zum zwölften Mal fragen, wo denn verdammich nochmal das Problem ist). Die Speisekarten empfehlen hier für Vegetarier überwiegend „Käsespätzle“. Damit muss ich mich jetzt abfinden. Genauso, wie ich auf der Karte über das heißgeliebte Lendensteak hinweglesen muss. Ja, ich liebe Lendensteak mit Kräuterbutter. Ich wünschte, ich könnte sagen, ich mag kein Fleisch. Aber das stimmt nicht.

Vermutlich wäre das auch für mein Umfeld leichter. Dann müssten wir keinen heiligen Krieg führen. Und bevor ich rumlüge und sage, dass so eine Bolognesesoße einfach nicht nach meinem Geschmack ist, würde ich vorschlagen: Wir hören einfach auf mit dem Krieg. Ich esse, was ich esse und ihr esst, was ihr esst. Fleisch, kein Fleisch, nur Fleisch, mit Zucker, ohne Zucker, Laktosefructoseglucosewasauchimmer. Außer ihr wollt Kinder essen. Dann müssten wir vorher zumindest nochmal drüber reden. Peace.

 

Geflatter

Frühling lässt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte;

Süße, wohlbekannte Düfte

Streifen ahnungsvoll das Land

Ich bin total einer Meinung mit Eduard Mörike. Alle Jahre wieder. Ich liebe diese Jahreszeit. Wenn die Sonne uns alle aus unseren muffigen Buden holt, die Bäume fast platzen, weil sie so im Saft stehen und die Vögel einem mit lautem Gezwitscher zeigen, was man vermisst hat. Ich liebe den Frühling! Und ich hasse ihn. Weil der Frühling einem sagt, dass alles möglich ist. Und das ist toll UND nicht so toll, für jemanden wie mich, der sich schwertut mit Entscheidungen. Denn zu allem, was möglich ist, möchte ich losbrüllen „jawoll, das machen wir!“ Bis ich dann vor einem Berg von Möglichkeiten stehe und nicht weiß, wo ich anfangen soll.

Nun gut, ganz doof bin ich nicht. Ich wusste ja, dass mir das hin und wieder passiert. Weil Frühling ja doch öfter vorkommt und mir diese Entscheidungsnot auch sonst nicht fremd ist, habe ich mir eine Strategie zurecht gelegt. Wann immer ich nicht weiß, was ich machen soll, dann zeichne ich. Und zwar nicht irgendwas – denn das würde ja wieder Entscheidungen verlangen – sondern zu einem ganz bestimmten Thema. Und zwar so lange, bis sich die anderen Möglichkeiten entweder erledigt haben, oder unausweichlich geworden sind.

Vergangenes Jahr habe ich Gesichter aufs Papier gebracht. 100 Stück. Dieses Mal sind es Körper. Und weil ich Dinge auch ein bisschen können möchte, habe ich auf dem Flohmarkt ein Zeichenbuch erstanden. Mittlerweile weiß ich auch, warum es da auf dem Flohmarkt rumlag: Es empfielt dir schon in Kapitel 2 ein Aktmodell zu buchen. Na prima. Aktmodelle für spontane Entscheidungsschwächen zu buchen ist… äh… eher irgendwie unpraktisch. Ich stell mir doch keine Nackerten auf Standby in meine Werkstatt. Ha! Obwohl… lassen wir das!

Also hab ich mich mit Zeitungsausschnitten, Werbeanzeigen und (tatsächlich!) Pilatesbüchern beholfen. Es ist mühsam. Und fad. Und wie ich da so rumsitze und eine Frau skizziere, die mit lustlosem  Gesichtsausdruck eine schaukelnde Rolle rollt (ich kann es nicht anders beschreiben), fällt mein Blick auf einen Tonhaufen in meiner Werkstatt, der nach dem Einsumpfen auf seine Weiterverarbeitung wartet. Und, was soll ich sagen: Da sitzt einer!

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Nicht nackert und irgendwie mehr Golem als Mensch – aber doch in deutlicher Pose. Also für mich.

Zack, schon hat mich die Inspiration gepackt. Der Stift kratzt übers Papier, die Finger vergraben sich in der Matsche und Kurzgeschichten über kleine, süße Golems flattern durch mein Gehirn, wie ein blaues Frühlingsband.

 

 

 

Ob der Golem sich aus einer schnellen Idee zu einem handfesten Projekt entwickelt? Ich glaube eher nicht. Schließlich gibt es noch so viele andere Möglichkeiten. So unendlich viele! Und sie alle sind für mich. Der matschige Golemhaufen ist aber trotzdem eine Erwähnung wert.

Aller Anfang kribbelt an den Füßen

Neulich war ich in der örtlichen Zeitung. Mit grauenvoller Frisur – aber mit ganzseitigem Bericht. Der Anlass: Ich möchte eine Idee verwirklichen, die sich schon seit mindestens zehn Jahre mit mir herumtrage: Ein Haus für Kunsthandwerker und Künstler – mitten in meiner kleinen, trägen Kleinstadt Kelheim.

Oh, wie riecht das nach wunderbarem, kreativem Austausch, nach Hippie-Flair und Kulturtraum. Wenn ich nur dran denke, kribbeln mir die Fußsohlen.

Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich, dass da so nicht sein wird. Es wird Arbeit sein. Und anstrengend. Und nicht von jetzt auf gleich gehen. Aber trotzdem kribbeln mir die Fußsohlen. Und nein, das ist kein Fußpilz. Ja, ich bin mir sicher. Es ist die Aufregung.

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Ich will das machen. Ich hab sogar ein kleines… äh… Exposé geschrieben. Und wenn ihr euch da angesprochen fühlt: Ich bin hier und sowas von bereit loszulegen!

Ein Haus für Kunst und Kunsthandwerk mitten in der Kelheimer Altstadt wäre ein Gewinn für Bewohner und Touristen.

Aus den unterschiedlichsten Gründen verschwindet immer mehr Einzelhandel aus der Innenstadt. Geschäftsflächen stehen leer und bieten keinen schönen Anblick. Zeitgleich sind aber viele Kelheimer auf der Suche nach Räumlichkeiten.

So gibt es zum Beispiel einige Künstler, die Atelierplätze oder Ausstellungsmöglichkeiten suchen, Kunsthandwerker bräuchten Platz für Kurse und Workshops sowie eine Verkaufsfläche, Bands einen Probenraum und eine Auftrittsmöglichkeit, Vereine einen Veranstaltungsraum.

Was alle diese Gruppierungen nicht haben sind die finanziellen Mittel, sich eigene Räumlichkeiten anzumieten. Denn ein Atelier ist nicht vergleichbar mit einem Laden, der regelmäßig und zuverlässig Umsatz macht. Darüber hinaus betreiben viele Künstler und Kunsthandwerker ihre Kunst nur als Hobby oder nebenberuflich. Sie hätten es schwer, vernünftige Öffnungszeiten anbieten zu können. Und eine „Verkaufskraft“ einzustellen wäre, wie oben beschrieben, finanziell nicht machbar.

Aus diesem Dilemma könnte ein Kunsthandwerkerhaus der Ausweg sein.

Vorstellbar wäre ein Haus, unter dessen Dach sich diese Künstler und Kunsthandwerker zusammentun können: Ein Haus mit zwei bis drei festen Werkstätten für Handwerker und Künstler, die die kontinuierliche Basis des Hauses bilden. Ihre Waren verkaufen sie in einem angeschlossenen Laden und durch den Zusammenschluss der Handwerker können auch normale Öffnungszeiten garantiert werden. In Einzel- oder Gemeinschaftsateliers können sich lokale Künstler einmieten – ob über einen längeren Zeitraum oder kurzfristig – hier sind verschiedene Modelle möglich. Ausstellungen finden dann in einem Veranstaltungsraum oder im Ladengeschäft statt. In ein bis zwei großen Räumen und auf einer zum Haus gehörenden Außenfläche können die Künstler und Kunsthandwerker Kurse und Workshops anbieten.

Die „erweiterte“ Version beinhaltet einen Veranstaltungsraum, ähnlich einer Begegnungsstätte oder eines Bürgerhauses, in dem Konzerte oder Lesungen stattfinden können, der aber auch Vereinen offensteht. Eine Möglichkeit, Gäste zu bewirten wäre das Sahnehäubchen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass solche Veranstaltungsorte unglaublich schnell ausgebucht sind.

Die Kelheimer Bürger hätten also durch ein Kunsthandwerkerhaus in der Altstadt einige Vorteile: Sie hätten die Möglichkeit sich selbst künstlerisch auszudrücken oder handwerklich zu arbeiten. Sie hätten eine wunderbare Einkaufsmöglichkeit und könnten Ausstellungen, Kurse und Konzerte besuchen. Die Altstadt hätte einen Farbtupfer, der nicht nur ein kommerzielles, sondern auch ein kulturelles und soziales Angebot beinhaltet.

Es würde die Altstadt wieder ein wenig beleben und für die zahlreichen Touristen, die nach Kelheim kommen auch attraktiv machen. Innenstädte mit den immergleichen großen Ketten sind für Touristen uninteressant. Kelheims Gästeführer werden oft gefragt, wo man denn etwas kaufen könne, das typisch ist für die Region – und einzigartig. Ein Kunsthandwerkerhaus könnte das Angebot in Kelheim erweitern.

Natürlich muss so ein Projekt einige Hürden überwinden.

So muss das Gebäude, das ein Kunsthandwerkerhaus werden soll, durchaus viel können. Es sollte viel Platz haben, gut geschnitten sein und am besten noch vorhandene Werkstattstrukturen besitzen. Wo mal Maschinen gestanden haben, können auch wieder welche stehen. Wo einmal Gäste bewirtet wurden, können wieder welche bewirtet werden. Es muss nicht frisch saniert und rein sein, aber nutzbar.

Außerdem ist da dann noch die Frage der Finanzierung. Wie bereits beschrieben ist es schwierig bis unmöglich, ein solches Projekt als Privatperson alleine zu stemmen. Denn hohe Gewinne sind nicht zu erwarten. Deshalb wäre eine Zusammenarbeit mit der Stadt von großem Vorteil. Überall in Deutschland gibt es bereits Künstlerhäuser oder Ateliergemeinschaften, die der Stadt gehören, oder von der Stadt betrieben werden. Auch Vereine betreiben solche Häuser. Unterstützt durch staatliche Mittel oder finanzkräftige Gönner. Die Finanzierung ist der schwierigste Teil des Projekts und die verschiedenen Möglichkeiten müssen durchdacht und auf Kelheim zugeschnitten sein.

Und zu guter Letzt ist es notwendig, Menschen zu haben, die sich für dieses Projekt stark machen. Künstler und Kunsthandwerker, die die verlässliche Basis bilden und bereit sind, auf sie zukommende Anstrengungen zu meistern. Aber auch Unterstützer die ein solches Projekt gut finden und sie als Bereicherung für Kelheim sehen.

Für das Projekt „Kunsthandwerkerhaus“ suche ich also:

Künstler und Kunsthandwerker, die bereit sind, Kelheim einen Farbtupfer zu verpassen. Die sich dafür gerne miteinbringen und Ideen schmieden, bis sie umsetzbar sind. Die bereit wären, sich möglicherweise in einem Verein zu engagieren und dafür die Möglichkeit bekommen, ihre Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Und ich suche:

Immobilienbesitzer, die sich vorstellen können, einem solchen Kunsthandwerkerhaus einen Platz zu bieten. Die ein Projekt unterstützen möchten, das ein Gewinn für die Stadt ist, auch ohne große finanzielle Gewinne. Die Leben in der Altstadt wollen, statt Leerstand.

Das Projekt ist noch in der absoluten Anfangsphase. Es ist noch nicht recht viel mehr als eine Idee. Ob sie Realität wird, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Diese möchte ich jetzt Schritt für Schritt angehen.

er sitzt bequem, der Floh im Ohr

Schon komisch, was einem so im Gedächtnis bleibt. Und auch ganz schön aussagekräftig. Ich war dabei Krüge zu drehen, um das Sortiment in meinem Laden weiter zu vervollständigen. Und – ja, auch wenn das total unprofessionell ist – ich benutze für meine Krüge fast nie eine Vorlage. Ich mag das: Die Form einfach so machen. Meistens bauchig. Aber immer dann, wenn ich mit der Schiene dem Krug seine endgültige Silhouette verleihe, habe ich die Stimme meines ehemaligen Lehrers im Kopf:

„Aus meiner Erfahrung kann ich genau sagen, welche Form die einzelnen Damen entwerfen werden. Die runderen zeichnen runde Gefäße, die schmaleren, schmalere Gefäße.“

Ich erinnere mich noch, dass ich damals auf mein Zeichenbrett gestarrt habe und die Gewissheit hatte, unglaublich fett zu sein. Plötzlich wollte ich keine schönen, runden Formen mehr zeichnen. Ich wollte schmale, elegante Gefäße entwerfen. Als ob ich dadurch dünner werden würde. Klingt total bescheuert? Naja, das ist es ja auch.

Bescheuert und darüber hinaus auch noch unwahr. Als Beweis (und den brauche wahrscheinlich nur ich) kann man einfach mal im Internet nach „Niki de Saint Phalle“ suchen. Eine schlanke Künstlerin, die für ihre runden, fülligen „Nanas“ berühmt wurde. Aber alleine, dass ich diesen Beweis anführe… ich schüttle gerade über mich selbst den Kopf.

Das sitzt so tief. Dieser Lehrer, der nicht gerade ein leuchtendes Beispiel der Freundlichkeit gewesen ist und der sich niemals um die Sympathie seiner Schüler bemüht hat – der setzt mir so einen Floh ins Ohr? Dass ich den sich da hinsetzen habe lassen, ist ganz alleine meine Schuld. Mittlerweile hat er ’ne Couch und einen Fernseher, auf dem den ganzen Tag GNTM läuft. Meine damaligen Klassenkameradinnen hätten (oder haben vielleicht sogar – daran erinnere ich mich nicht, leider) ganz anders reagiert. Sie hätten den Floh vertrieben.

Meine wunderbare Astrid aus dem Westerwald hätte gesagt: „Watt! Hat misch der grad Fett genannt? Isch glaub et hackt!“

Und Ulrike hätte den Mann mit einem Kraftausdruck bedacht und gesagt: „Was der sagt, glaubt doch eh keiner.“

Und vielleicht hätte die dünne Martina von ihrem Zeichenbrett aufgeblickt, „ach der spinnt doch eh“ gemurmelt und weiter an ihrem hohen, schlanken Gefäß gezeichnet.

Nur bei mir sitzt dieser Floh. Um ihn loszuwerden, habe ich extra einen hohen, schlanken Krug gedreht. Einen. Und dann noch vier bauchige. Und alle fünf gefallen mir. Ällerbätsch! Nimm das, Floh! P1040521

Bei dem hohen, schlanken Krug denke ich mir allerdings, dass er bestimmt meiner Freundin Annika gefallen wird. Groß und schlank, wie sie ist…

Ach was, Floh. Setz dich wieder hin und nimm dir nen Keks.

In der Zwischenzeit

Es wäre so viel zu erzählen. Von meiner Arbeit und wie ich mich nach dem Brand wieder aufrapple. Von meinem VHS-Kurs, der bald beginnt. Oder von meinen Projekten, die in meinem Kopf und in meinen Notizheften herumschwirren. Aber das muss ich ein andermal tun. Es gibt noch andere Dinge im Moment.

Ich habe es schonmal geschrieben. Ich kann es nicht besser schreiben. Aber es ist das, was mich wieder umtreibt. Das Ausmaß der Verzweiflung