Das weihnachtliche Stiefkind

Von all den Türchen im Adventskalender, hat es das 24. am schwersten. Das Warten ist vorbei, die Bescherung folgt, insofern ist nichts unwichtiger, als der Inhalt des letzten Türchens.

Bei uns zu Hause liegt der Inhalt noch tagelang rum, bevor einer sagt: „Wem gehört das? Räumt das mal weg!“, gefolgt von einem „Meins ist das aber nicht!“ und einem „Wahrscheinlich noch vom Adventskalender“.

Trotzdem bemühen wir uns jedes Jahr, den 24. mit etwas Besonderem zu füllen. Extratolle Schokolade, ein salbungsvoller Spruch, goldener Glitzer und Heiligkeit. Das geht mir bei meinem Wolperdinge-Adventskalender ganz genauso. Besonders soll es sein, zum Abschluss. Und eine Zusammenfassung irgendwie. Und ein weihnachtlicher Gruß natürlich.

Und doch wird der Inhalt des letzten Wolperdinge-Türchens untergehen, in den zahllosen Grüßen und Wünschen, in der Hektik und dem Gedudel, in den Vorbereitungen und den Feiern.

Das ist auch ganz in Ordnung so.

Ihr habt Wichtigeres zu tun, als euch von einem „Stille Nacht“ zum zeichnen oder dichten inspirieren zu lassen und das zu posten. Das meine ich ganz ohne Bitterkeit.

Lasst euch von „Stille Nacht“ zur Stille inspirieren. Zum Innehalten. An Weihnachten ist das schon schwer genug. Aber ich bin zuversichtlich, dass es euch gelingt. Und ich wünsche es euch sehr. Ob ihr nun glaubt, oder was ihr glaubt – mein Wunsch an euch ist wie immer. Wie immer für alle:

Let love rule.

Gesegnete Weihnachten!

Lukas LK21, 20-28

Über die Endzeit.

Ich habe diese Bibelstelle mal an einem ersten Advent oder so gehört – und mir nur die letzte Zeile behalten. Das mit der Wolke war mir zu g’spinnert, ehrlich gesagt.

Sich aufrichten, Haltung annehmen – daran bin ich hängengeblieben. Und es war für mich seitdem immer eine Erinnerung an die Person, die ich sein will. Eine Person mit Haltung. Aufrecht und deutlich. Und ich denke, für meine Verhältnisse bekomme ich das ganz gut hin.

Für meine Verhältnisse: Ein privilegiertes Leben in einem reichen, demokratischen Land. Aber wie aufrecht bin ich noch, wenn die Endzeit wirklich kommt? Kann ich dann noch Haltung haben?

Ich sehe die Bilder und Nachrichten von Menschen im Iran, die Haltung annehmen, sich aufrichten, für sich und andere einstehen – und dafür mit ihrem Leben bezahlen. Da ist so viel Mut, den ich nie hätte.

Ich sehe die Bilder und Nachrichten von Menschen aus der Ukraine, die mit der Waffe in der Hand für ihre Souveränität kämpfen. Nicht, dass ich ein Fan von Waffen oder Kampf bin – aber das kann ich nur fassungslos respektieren.

Für diese Menschen (und so viele andere auf der Welt) hat die Endzeit schon begonnen. Das Meer tobt und donnert bereits. Und sie richten sich auf.

Und da sind dann noch die Unglücklichen, die Traurigen. Die gebückt gehen, weil so viel auf ihren Schultern lastet.

Für mich ist es einfach, mich aufzurichten – ohne das alles. Und dafür bin ich dankbar.

Und jetzt wäre jede Überleitung zu meinem kleinen Adventskalender-Wochenrückblick schief. Aber auch hierfür bin ich dankbar (ja, die Überleitung knirscht – egal.)

12 Ganz weiß und ganz pelzig

13 Erd, schlag aus!

14 aufs glitzerblanke Eis

15 dein Kleid will mich was lehren

16 der Atem raucht

17 da bleibt ein goldener Schein zurück

18 richte dich auf

Friedlichen, guten, aufrechten 4.Advent euch!

Oh, diese Woche!

Die Vor-Christkindlmarkt-Woche ist immer ganz speziell. Mein Alltag wirbelt durcheinander, ich habe ständig das Gefühl, irgendwas zu vergessen oder vergessen zu haben*, laufe durch meine Tage und motze, auch wenn ich eigentlich auch voller Vorfreude bin.

In dieser Woche Zeit zu finden, meinen Adventskalender zu bestücken, war nicht einfach. Aber – oh – es hat sich so gelohnt! Weniger das, was ich gemacht habe, sondern das, was ihr gemacht habt. Deshalb hier in kleiner Ausschnitt:

…so schneit es nichts als Marzipan

Säume nicht

Auch wer zur Nacht geweinet

Dieses Tier mich lächeln machte

Die Zweiglein der Gottseligkeit

Es ist so schön, das alles zu lesen! Macht weiter so. Auch wenn zumindest meine Woche wieder spziell und mein Alltag geschrottet wird. Schließlich ist Christkindlmarktwoche.

*vergessen habe ich definitiv meine Öffnungszeiten anzupassen, oder hier auf dem Blog mal ne Marktinfo abzusetzen… ups.

Irgendwie für mich

Derzeit läuft mein Wolperdinge-Adventskalender. Jeden Tag gibt’s einen Satzschnipsel oder ein paar Wörter, zu dem alle herumspinnen und in welcher Weise auch immer kreativ sein können. Dass ich dazu auch meine Ideen beisteuere, ist klar. Und schon während der ersten Tage ist mir etwas aufgefallen: Es sieht ganz schön düster aus in meinen Assoziationen.

Zu „wenn das alles beginnt“ war ich gedanklich beim Weltuntergang, bei „was in unseren Herzen dunkel ist“ war alles schwarz und neidisch und bei „gekräuselt und gestutzt“ hielt sich meine Assoziation auch eher am Begriff „zurechtgestutzt“ fest.

Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Es ist viel Schwere um mich herum gerade. Trennungen, Tod, Krankheit, Überforderung. Und auch eine Art Melancholie, die mich öfter um diese Jahreszeit begleitet. Vielleicht ist das meine Art, damit umzugehen. Düsteres zu zelebrieren.

Und dann lese ich eure Einfälle in den Kommentarspalten.

Zu „wenn das alles beginnt“ steht da zum Beispiel:

Und zu „was in unseren Herzen dunkel ist“:

Und zu „gekräuselt und gestutzt“ will es auch nicht wirklich düster werden.

Sebst zum Splatter-Schnipsel „ohne Beine, Kopf, Gekröse“ erreicht mich das:

Ach Leute, das ist so schön! Es holt mich jeden Tag wieder aus meiner Melancholie. Macht weiter! Ob düster, oder lustig oder poetisch. Ich liebe es schon jetzt. Dieser Adventskalender sollte von mir für euch sein – aber er ist auch von euch für mich, irgendwie.

Was fällt dir denn ein?

Ein Adventskalender.

„Ist das ihr Ernst? Was fällt der denn ein? Als hätten wir vor Weihnachten nicht schon genug zu tun. Und jetzt sollen wir auch noch – was eigentlich?“

Malen, zeichnen, basteln, schreiben – das sollt ihr.

Mein diesjähriger Wolperdinge-Adventskalender ist wieder mit kleinen Aufgaben verbunden. Jeden Tag gebe ich euch einen Satz oder ein paar Wörter vor, die ich in einschlägiger Adventslektüre gefunden habe. Oder die mich adventlich angesprungen haben. Nicht immer ist der Weihnachtsbezug ersichtlich – aber das muss ja auch nicht sein. Diesen Satz, diese Wörter, etc. nehmt ihr und setzt euch hin. 10 Minuten, 20 Minuten, was gerade geht. Und dann schreibt, skizziert, kritzelt, malt, bastelt, fotografiert oder dichtet ihr was euch zu dieser Vorgabe einfällt. Auch das muss keinen Weihnachtsbezug haben, übrigens.

Ich mache dasselbe. Jeden Morgen lade ich eine neue Vorgabe und meine dazugehörigen Einfälle bei Facebook und Instagram (wolperdinge #wolperdingeadvent22) hoch (und zusätzlich gibt’s natürlich eine Station hier und in meinem Laden). Ihr könnt eure Einfälle, Texte, Skizzen, wasauchimmer gerne dazuheften. Ihr müsst aber nicht.

„Und was soll das?“

Naja, ich habe im vergangenen Jahr sehr sehr schöne und wirklich entspannende Momente damit verbracht, einfach vor mich hinzuschreiben, herumzuspinnen, ein wenig zu kritzeln. Mit und in der Schreibwerkstatt von Eva Honold, mit meinen Ist-das-Kunst-oder-kann-das-weg-Freund*innen von KWAK, mit den Theaterleuten oder mit guten Freund*innen. Wichtig ist, dass nur das zählt, was in diesem Moment passiert. Wichtig ist, dass ihr euch Zeit nehmt für euch. Zum Spielen. Zum Kreativ-sein. Nur 20 Minuten weg von allem. Mit Stift und Papier.

Obwohl Weihnachten mit großen Schritten kommt – oder gerade deswegen.

Und am Ende der Adventszeit habt ihr eine kleine Sammlung voller Ideen. Gute, nicht ganz so gute, unbedingt umzusetzende. Ein kleines Geschenk von euch an euch.

Ich hoffe, ihr macht mit.

Zufallsthema, Teil1: Faschisten im Kopf

Was fange ich nun damit an?

Als kreative Übung habe ich wahllos Begriffe zusammengestellt, um darüber zu schreiben. Die Kombination „Faschisten im Kopf“ macht den Anfang.

„Faschisten hören niemals auf, Faschisten zu sein, man diskutiert mit ihnen nicht, hat die Geschichte gezeigt“, singt Danger Dan in „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“. Und ich bekomme seit dem 25.September 2022 dieses Ohrwurm-Bruchstück nicht aus meinem Kopf.

Am 25.September haben die Italiener*innen die (Post-)Faschistin Giorgia Meloni an die Macht gewählt. Ich halte es bewusst so simpel, weil es so in seiner ganzen Schrecklichkeit vielleicht doch noch dem ein oder anderen bewusst wird.

Eine Frau, die nach eigener Aussage schon „rechts geboren“ wurde.

Eine Frau, die nach eigener Aussage ein entspanntes Verhältnis zum Faschismus hat.

Hier eine Definition aus dem Oxford-Wörterbuch

Eine Frau, die gegen queere Menschen und gegen Migranten hetzt. (Quelle, zum Beispiel hier)

„Italien zuerst“ – soso.

Ihr enger Vertrauter Ignazio La Russa wird Senatschef. Ein Mann, der Bilder und Statuen des Faschismus-Begründers und Diktators Benito Mussolini zu Hause rumstehen hat. (Man stelle sich mal vor, in Deutschland würde die Person mit dem zweithöchsten Amt im Staat freudig seine NS-Devotionalien und Hitler-Statuen zeigen und den Menschen in der Pandemie statt eines Handschlags den Hitlergruß empfehlen…) (gerne auch hier nachlesen)

Von ihren Koalitionspartnern Salvini und Berlusconi – ach, mir wird schon schlecht, wenn ich an die beiden nur denke – ganz zu schweigen.

Die Mehrheit der Italiener*innen hat diese Leute an die Macht gewählt. Was sagt das über die Italiener*innen aus?

Ich finde: Wer Faschist*innen wählt, ist entweder sehr sehr dumm – oder selbst Faschist*in. Etwas anderes lasse ich nicht gelten. Nicht in diesem Fall. Kein „die Menschen fühlen sich abgehängt und wollen der bisherigen Regierung und/oder der EU nur einen Denkzettel verpassen“ oder „die sind auf ihre bürgerliche Fassade reingefallen“. Frau Meloni hat nie einen Hehl daraus gemacht, wer sie ist und was sie denkt. Sie ist keine Wölfin im Schafspelz. Die Menschen haben bewusst die Wölfin gewählt. Ich finde das abstoßend. Keine Italienurlaube mehr demnächst. Denen gebe ich kein Geld mehr für überteuertes Eis in Florenz. (Ich weiß, wie armselig sich das liest)

„Aber halt“, meldet sich dann der Teil meines Hirns, der sich von der Tatsache, dass die Italiener*innen diese rechtsradikalen …äh… Personen gewählt haben, nicht völlig aus der Fassung hat bringen lassen. „Bestimmt sind nicht alle Italiener*innen so. Die Mehrheit wollte das doch sicher nicht.“ Äh… doch. Die rechten Parteien haben die Mehrheit der Wählerstimmen. Aber zur Sicherheit schmeiße ich mich ins Internet. „Bella ciao“, diese antifaschistische Partisanenhymne, müsste doch jetzt die Sozialen Medien dominieren (zur Abwechslung nach dessen Verwendung bei Querdenker-Protesten mal wieder mit Sinn). Wann, wenn nicht jetzt, wäre „bella ciao“ angebrachter?

Ich tippe und suche und finde – nichts. Keine Berichte oder Videos von Italienern, die auf den Straßen oder in Kirchen oder im heimischen Wohnzimmer ihren Widerstand singend kundtun. Das aktuellste Video zum Suchbegriff „bella ciao“ auf YouTube, ist das einer Iranerin. Sie singt zur Meldodie des italienischen Partisanen-Klassikers einen anderen Text. Gegen die Unterdrückung der Frauen/Menschen im Iran (ich möchte hier anfügen, wie mutig und berührend ich das finde. #frauenlebenfreiheit!).

Aber die Italiener? Nichts, das in meine antifaschistische Blase gespült worden wäre. Und im Rest von Europa? Ich lese, Bundeskanzler Scholz hätte zum Amtsantritt gratuliert und die EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen freue sich auf eine „konstruktive Zusammenarbeit“. Im Europamagazin der ARD heißt es, Meloni versuche jetzt, gemäßigt zu wirken. Die Wölfin versucht sich also einen Schafspelz anzuziehen und hier alle so: „Mei, die Meloni, das ist doch nur ein Schäfchen.“ Nein!

FASCHISTEN HÖREN NIEMALS AUF, FASCHISTEN ZU SEIN!

FASCHISTEN HÖREN NIEMALS AUF, FASCHISTEN ZU SEIN!

FASCHISTEN HÖREN NIEMALS AUF, FASCHISTEN ZU SEIN!

Nicht da – aber anders

Vor einigen Tagen war ich in einer Gärtnerei. Ich hatte mich im Vorfeld nicht über die Öffnungszeiten schlau gemacht und war deshalb ziemlich betreten, als da an der Tür der Zettel hing: Montag – geschlossen, Dienstag – geschlossen, Mittwoch – geschlossen, Donnerstag – 8Uhr bis 13 Uhr, Freitag – geschlossen. Es war Dienstag. Mist. Die Gärtnerin war aber trotzdem da. So ein Glück. „Wie schön, dass Sie sich jetzt für mich Zeit nehmen. Wo Sie doch eigentlich gar nicht geöffnet haben“, freute ich mich. „Wissen S'“, antwortete die Gärtnerin „ich bin halt oft unterwegs und nicht da. Aber wenn ich da bin bin ich da und dann ist das auch kein Problem“.

Und ich fand das sofort sympathisch und nachahmenswert. So eine Einstellung hätte ich auch gerne, bekomme ich doch oft genug zu hören, dass ich meinen Laden ja quasi nie geöffnet hätte. Zumindest dienstags nie. Stimmt. Dienstags war ich bisher immer anderswo arbeiten. Aber das weiß man ja nicht, wenn man vor meinem Laden steht. Man sieht die dunklen Schaufenster und die geschlossene Tür und denkt sich: „Die hat’s wohl nicht nötig zu arbeiten.“ Doch. Und deswegen war dienstags bisher zu.

Ab kommender Woche ist das anders. Ab kommender Woche gibt’s neue Öffnungszeiten! Ab kommnder Woche habe ich mittwochs geschlossen, um anderswo zu arbeiten.

Und ich freue mich schon auf die Massen an Menschen (es müssen wirklich Massen sein), die jetzt dienstags in meinen Laden kommen, erleichtert, dass ich endlich mal da bin! Naja, außer es stehen dringende Termine an, oder ich bin krank, oder ich bin unterwegs… Aber wenn ich da bin, bin ich da.

Der Elefant im Sprichwort

Eine Freundin von mir hasst Elefanten.

Zu groß sind sie, zu erdrückend. Andere Menschen finden Elefanten dagegen super. Sie sind exotisch, stark und – ja doch – knuffig irgendwie. Könnte sein, dass da Walt Disney mit seiner Dumbo-Verfilmung einige Weichen gestellt hat. Ich persönlich fühlte mich wegen der großen Ohren als Kind durchaus in einer Leidensgenossenschaft mit Dumbo und es wird mir ein elefantengleiches Gedächtnis nachgesagt, doch in Ton verewigen wollte ich diese Tiere bisher nie.

Mir fehlte der Bezug – der Aufhänger. Klar, als Keramikerin ist man sofort bei „der Elefant im Porzellanladen“ (hihi) aber… näh.

Bis mir dann die Bezeichnung „der Elefant im Raum“ begenete. Keine Ahnung mehr, wo. Ist auch egal.

Die Metapher kommt wohl aus dem Russischen und ist über den englischsprachigen Raum zu uns gekommen. „Der Elefant im Raum“ bezeichnet ein offensichtliches Problem oder Thema, das zwar im Raum steht, das aber trotzdem von den Anwesenden nicht angesprochen wird.

So weit, so gut. Diese Formulierung hat die letzten Jahre einen tiefen Elefantenschlaf in meinem Unterbewusstsein gehalten und ist vor ein paar Wochen wieder an die Oberfläche gekommen, wie ein Elefantenrüssel, der… ah, jetzt wird’s schon arg schräg und bemüht mit den Formulierungen.

Offensichtliche Dinge oder Probleme, die wir nicht ansprechen. Da gab’s in letzter Zeit in meinem Umfeld so einiges. Und ich werde jetzt nicht verraten, was, denn es gibt Gründe, warum ich den Elefanten im Raum ignoriert habe. Meinstens, um niemand anderen zu verletzen. Manchmal, um nicht als blöde Meckerziege dazustehen oder um nicht als Klugscheißerin zu gelten.

Es hat sich also etwas aufgestaut – und es musste raus. Rein in den Ton.

Nicht ganz so groß, wie nötig. Dafür so groß wie möglich. Anzusehen sind zwei davon vom 26.Ausgust bis 04.September 2022 bei der Jahresausstellung der Gruppe Kunst. Und ja, ich weiß… sprechen wir nicht drüber, bitte.

Es geht nach oben

Wo zum Kuckuck ist sie, wo es so dermaßen heiß ist?

In meiner Werkstatt im niederbayrischen Kelheim – wo sonst? Und das ist auch nicht die Raumpemperatur, sondern die Temperatur in meinem Brennofen, während er sich gemächlich auf über 1200 Grad hochschuckert. Aber ihr wart vielleicht doch kurz bei dem Gedanken, dass diese Temperaturanzeige etwas mit dem heißen Sommer zu tun haben könnte, oder? Hat sie auch – nur irgendwie anders.

Es ist heiß – wem muss ich das erzählen. Und allen Klimawandelleugnern und „Früher war es auch schon warm“-Fuzzis sei gesagt: Wenn ihr euch nicht anständig informieren wollt, kann ich euch auch nicht mehr helfen. Fakt ist: Der Klimawandel ist real und extreme Hitzeperioden und Wasserknappheit werden sich häufen. Wir leben weit über unsere Verhältnisse, verbrauchen zu viel und… ach, kurz gesagt: Wir verkacken’s ordentlich.

Das alles wäre schon lange ein Grund, das eigene Verhalten zu ändern. Sich einzuschränken. Zu sparen. Aber wenn wir ehrlich sind: Naja, er ist halt nicht greifbar, dieser Klimawandel. Also nicht für uns satte Mitteleuropäer zumindest.

Wir reagieren erst, wenn wir die Konsequenzen unseres Handelns zu spüren bekommen. Wenn zum Beispiel aufgrund eines Krieges unsere Energiekosten explodieren, oder aufgrund der Dürre die Lebensmittelpreise steigen, oder aufgrund der Inflation alles teurer wird, oder aufgrund von Alldemscheißdreckzusammen wir unseren Status Quo nicht mehr werden halten können.

Von allen Seiten kommen jetzt die Spartipps. Und ich finde, das ist auch richtig so. Ich finde, wir hätten uns schon viel eher damit beschäftigen können, wie wir Energie einsparen können, wie wir weniger Benzin verbrauchen, oder wie wir insgesamt ressourcenschonender leben können.

Da nehme ich mich nicht aus. Bei mir waren beispielsweise bisher die Schaufenster bis spät in die Nacht noch hell erleuchtet und der Brennofen in meiner Werkstatt lief eben, wann er laufen musste – zur Not auch halb leer. Ja, der Brennofen mit seinem Starkstromanschluss und seiner verschwenderischen Leistung von 13,5kW ist jetzt so etwas wie mein Energiesorgenkind.

Im Ernst: Ich weiß nicht, wo das alles noch hinführt. Kann sein, dass ich den Preis für das Luxusprodukt „handgemachte Keramik“ anheben muss, um weitermachen zu können. Kann auch sein, das die Kunden dann entscheiden, dass sie beim Luxusprodukt „handgemachte Keramik“ noch Einsparpotenzial haben. Kann sein, dass ich dann durchs Raster falle.

Aber noch stehe ich. Und heize den Ofen hoch. 1240 Grad und es wird noch heißer…

Die Krise

Nein, es geht nicht um Gas, nicht um Geld und nicht um Politik. Es geht um ein seltsames Gefühl, das mit Midlife-Crisis beschrieben werden könnte, es aber auf keinen Fall wird, weil das ja hieße man wäre alt und schwach und lächerlich.

Ich bin nicht alt und schwach und vielleicht höchstens ab und zu mal lächerlich. Und trotzdem… ich glaub‘ ich hab die Krise.

Ausgelöst durch den Umstand, dass mein großes Kind mit dem Abitur fertig ist – just in dem Jahr in dem mein Abiturjahrgang sich zum 25.Jubiläum trifft. Für beide Ereignisse brauchte es Vorbereitungen. Wie ich feststellen musste, Vorbereitungen, die sich ähneln. Da ging es um Abistreiche, Abifeiern, Abizeitungen – immer verglichen und abgeglichen mit meinen Erinnerungen. Jeder zweite Satz zu meinem Kind begann mit „also wir hatten ja damals…“, abschließend garniert mit einer Anekdote von vor 25 Jahren. Dass das kein Spaß ist, weiß ich selbst. Denn innerlich kann ich über mein Verhalten nur den Kopf schütteln. Warum mache ich das? Was soll das? Ich klinge wie in der Midlife-Crisis! Bäm, da ist es, das schlimme Wort.

Ein Wort, das auch bei meinem Klassentreffen am vergangenen Wochenende niemand in den Mund nehmen wollte. Wir doch nicht. Wir aber mal wirklich nicht. Wir sind jung und dynamisch und… begannen aber trotzdem jeden zweiten Satz mit „Weißt du noch?“

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, meine ehemaligen Mitschüler*innen zum Thema „Midlife-Crisis“ auszuquetschen – aber ehrlich, ich hab’s vor lauter Spaß total vergessen. (Ehrlich, es war mir wiedermal ein Fest, Leute!)

„Ist es nicht erstaunlich, dass ich mich nicht an den Titel des Buchs erinnern kann, das ich gerade lese – aber die Theatertexte aus der 12. Klasse noch fehlerfrei herunterzitieren kann?“ – hörte ich mich meine ehemaligen Klassenkamerad*innen fragen. „In dieser Zeit, in diesem Alter wirst du halt geprägt“, kam die Antwort.

Na gut, es gibt auch einige Dinge, an die ich mich lieber nicht erinnern will. Denn eigentlich war mir in dieser Zeit so ziemlich alles peinlich. Also alles. Ich war jung und ignorant und lächerlich. Und – ich hatte die Krise. Das zumindest geht aus dem Artikel hervor, der über mich in meiner alten Abizeitung steht. (Vielen Dank auch, Grasi!)

Kuck an. Hat sich nicht so viel verändert – und doch alles.

Aber was ich eigentlich sagen will:

Damals – vor 25 Jahren, als Chrisu-die-Krise, jung, ignorant, lächerlich – hatte ich eine wirklich gute Zeit.

Warum sollte das jetzt – als Christine-die-Midlife-Crisis, (gar nicht mal so) alt, (gar nicht mal so) schwach, (vielleicht ab und zu) lächerlich – nicht auch so sein?

Was ist, wenn wir uns diese Zeiten in unserem Leben, in denen sich vieles verändert, nur immer schlecht reden, weil wir Angst vor der Lächerlichkeit haben – es aber genau diese schrägen Momente sind, an die wir uns später gerne erinnern? Ich will das mal so sehen wollen.

Denn dann hab ich sie jetzt eben – die Krise! Mit allem, was dazugehört. Yoga, VHS-Kurse und Selbstfindung beim Töpfern. Halt nein, das ist ja mein Beruf…