Sprachlos

Allgemeiner Theateraberglaube sagt: Es bringt Unglück sich für ein „Toitoitoi“ zu bedanken. Es ist der Tag der Premiere meines Theaterstücks und ich bekomme viele „Toitoitoi“. Weil ich mich nicht bedanken darf, antworte ich nichts und komme mir schrecklich unhöflich vor.

Schon die gesamte Probenzeit über muss ich seltsam wortkarg gewesen sein. Darüber haben sich zumindest meine Spieler beschwert. „Was bedeutet das, wenn die Regisseurin nichts sagt?“ „Hm, ich glaube ja, wenn sie nichts sagt, dann will sie nur nichts Schlimmes sagen.“

Kartoffelkathi

Probenfoto, aufgenommen von Konrad Götz

Ich versuche also, meine Sprache zumindest zur Premiere wiederzufinden. Den ganzen Nachmittag lege ich mir positive, motivierende Worte zurecht. Doch als die Nervosität auf ihren Höhepunkt zukriecht, uns nur noch wenige Minuten von der Feuerprobe trennen, schaffe ich es wieder nicht. Die Worte, die aus meinem Mund kommen, bleiben mager. Nicht im Geringsten geben sie wieder, was ich sagen will. Ich kann den Spielern nicht sagen, wie unglaublich es für mich ist, dass ich dieses Stück – mein erstes vollständig eigenes Theaterstück – mit ihnen auf die Bühne bringen darf. Meine Gedanken klingen schwülstig und emotional und auf keinen Fall aussprechbar. Ich gehe in den Zuschauerraum, plappere vor Aufregung wirres Zeug vor mich hin, bedanke (!) mich glatt noch für ein letztes „Toitoitoi“ und lasse den Dingen ihren Lauf.

Ab jetzt kann ich nur noch beobachten. Meine Spieler – aber vor allem das Publikum. Wie werden die Zuschauer reagieren? Wird mein Stück den vielen Vorschusslorbeeren gerecht? Im vollbesetzten Theatersaal ist es so still – man könnte eine Stecknadel fallen hören. Es läuft, denke ich mir. Die Spieler legen sich ins Zeug, schließen den Kontakt zum Publikum, holen alle mit hinein in die kleine Dorfwirtschaft, in der das Stück spielt.

In der Pause bekomme ich schon erste wortlose Umarmungen. Mein ehemaliger Musiklehrer ist so mitgenommen, dass er mir nur stumm den Arm tätschelt und nickt. Mein sonst nie um Worte verlegener Papa krächzt ein „toll“. Wow, denke ich mir. Krass. Doch dann legen Spieler und Zuschauer noch eine Schippe drauf. Die Luft ist stickig, die Atmosphäre dicht.

Der letzte Satz – drei lange Sekunden völlige Stille – Applaus. Begeisterter Applaus. Die Leute stehen auf und klatschen einen Beifall, der von Herzen kommt. Fassungslos versuche ich mir das, was passiert, einzuprägen. Damit ich es niemals wieder vergesse. Ich juble mit meinen Spielern, genieße die Euphorie und den Zauber des Moments.

Zuschauer umarmen mich, gratulieren, klopfen auf meine Schultern, wischen sich die Augen. Und ich? Ich bin so überfordert, dass ich gar nichts antworten kann. Zumindest nichts mit Substanz – oder Zusammenhang. „Danke“, sage ich ganz oft. Danke. Und eigentlich – nachdem das Adrenalin mein Gehirn über Nacht wenigstens zum Teil freigegeben hat und ich wieder klarer denken kann, erkenne ich – eigentlich ist es das, was ich die ganze Zeit über hatte sagen wollen. Danke.

Unbenannt

Danke. Danke. Danke. Danke. Danke. Danke.

Danke an alle Unterstützer – Familie, Freunde, Vereinskollegen. Danke, dass ihr an dieses Stück geglaubt habt, dass ihr an mich geglaubt habt. Danke an die vielen helfenden Hände. Danke an das tolle, wohlwollende Premierenpublikum.

Danke an meine Spieler. Ihr habt das für mich zu einem sensationellen Ereignis gemacht. Das Schulterklopfen, die Umarmungen, die Gratulationen – sie gehören alle euch!

Und nächste Woche holen wir uns Nachschlag!

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Fließbandjob gefällig?

Die Arbeit mit Ton ist ja wirklich unglaublich vielfältig. Schon alleine die Sparte in der ich mich bewege: Teller, Tassen, Schüsseln, Krüge… Ton aufbereiten, vorbereiten, bearbeiten, brennen, glasieren, dekorieren… Was gibt es da nicht alles zu sehen und zu erfahren für eine Praktikantin. Für meine allererste Praktikantin! (Ich bin also lesbar aufgeregt.)

Oh, ich will der Sechstklässlerin alles zeigen – alles was mir an diesem Beruf so gefällt. Doch dann grätscht mir die Vorbereitung für den Christkindlmarkt dazwischen. Und das ist – im Vergleich zu meiner sonst eher freien Arbeitseinteilung – Fließbandarbeit. Große Mengen an Tassen, Bierkrügen, Kerzenständern, Dekoration. Eins nach dem anderen, eins wie das andere.

Prakti2

Weihnachtssterne. Noch einen. Und noch einen.

Der Eindruck, den meine Praktikantin bekommen muss, ist: Uff, von wegen kreativ.

Aber, was soll ich sagen: Ich habe mit meiner ersten Praktikantin wohl einen Glücksgriff getan. Ohne zu zögern macht sie sich an die Aufgaben, die ich ihr stelle. Weihnachtsdekoration herstellen – wie Plätzchenbacken mit Ton.

Prakti1

Jede einzelne Kante entgraten.

Die einzige Abwechslung gibt’s zur Belohnung: Täglich eine kleine Übungseinheit in der „Königsdisziplin“ – dem Drehen an der Töpferscheibe (eigentlich ist es in meinen Augen gar nicht die Königsdisziplin. Aber in den Augen vieler „Nichttöpfer“ eben doch). Und das hat es in sich. Das ist gar nicht so leicht wie es aussieht.

Aber meine Praktikantin hängt sich rein. Ohne Rücksicht auf vermatschte Kleidung und schmerzende Finger.

Prakti3

Üben an der Drehscheibe

 

 

„Wenn ich noch ein wenig übe, kann ich’s vielleicht bis Freitag“, meint sie. Immer die gleichen Handbewegungen an der sich immerfort drehenden Scheibe – ist ihr das nicht zu eintönig? Manchmal ist vielleicht gerade das interessant.

Würde würde – halbe Sachen

„Kennst du das, wenn du das Gefühl hast, zu wenig zu machen?“, frage ich meine Freundin. „DU machst auf gar keinen Fall zu wenig!“, antwortet sie prompt und endgültig.

Aber das ist nicht das, was ich meine. Und ich kann es offensichtlich nicht in einem Satz beschreiben. Also dann eben länger:

Meine Freundin hat Recht. Ich mache viel. Aber nichts davon richtig. Nichts davon mit 100%. Ich teile meine Prozente auf – je nach Auftragslage, je nach Ideenlage, je nach Terminplan.

Und dann kommt es vor, dass ich eigentlich lieber an meinem zweiten Buch arbeiten würde, als Interviews über mein Theaterstück zu geben. Dass ich lieber den ganzen Tag proben würde, als Tassen zu henkeln oder dass ich lieber über Blogbeiträge sinnieren würde, als Kurse vorzubereiten. Die Flüchtlingshilfe, das Theaterprojekt, die Kunst, Unterrichtsvorbereitung, Selbstvermarktung.

Alle diese Dinge haben eigene Welten. Im Internet treffen sich Autoren mit Autoren, BloggerInnen mit BloggerInnen, Kunstlehrerinnen mit Kunstlehrerinnen, Theaterleute mit Theaterleuten und so weiter und so weiter. Im Fernsehen berichten sie von der Buchmesse, auf Kunstblogs vom neuesten heißen Keramikscheiß, in Magazinen von interessanten Theaterprojekten.

Das lässt mich schrumpfen.

Würde ich nur eine Sache machen und nicht so viele,

würde ich diese eine Sache mit voller Kraft angehen,

würde ich dann nicht in dieser einen Sache gut sein?

Wahrscheinlich, jammert mein geschrumpftes Ich und startet gleich durch! Mit dieser einen Sache! Mit dieser einen! Aber moment mal – mit welcher?

Fakt ist, ich kann mich nicht festlegen. Denn sich für eins zu entscheiden hieße auch, sich gegen alle anderen zu entscheiden. Und das bringe ich nicht über mich. So viele Begabungen ich auch haben mag – Entscheidungen zu fällen ist keine davon. Und so bewege ich mich weiter in diesen vielen, verschiedenen, geschlossenen Welten wie ein Alien. Nie ganz dabei und oft nicht den blassesten Schimmer, über was alle reden (was zur Hölle ist eine „Blogtour“? – kann mir das mal einer erklären?), aber immer mit der Hoffnung, dass irgendwas irgendwo schon eine Entscheidung für mich trifft, der ich dann nur noch folgen muss.

„Du weißt, dass das so nicht funktioniert?“, fragt meine Freundin. Ja, ich weiß.

Langsam wird’s mal Zeit

You don’t know what you’ve got, til it’s gone. Man weiß nie etwas wirklich zu schätzen, bis man es verloren hat. Stimmt meistens. Wer freut sich schon jeden Tag an seiner Gesundheit, an seinen Freunden, seiner Familie, dem Job, dem Dach über dem Kopf und dem Gefährt unterm Hintern? Und ehrlich: Dieses „sei dankbar für das, was du hast“ ist ein Ratschlag, den man spätestens beim zweiten Mal zu hassen beginnt. Bei mir löst der allerhöchstens Kalenderspruchaggressionen aus.

Und trotzdem. Es wird Zeit.

Ich habe heute ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk bekommen. Ich weiß, das klingt jetzt vielleicht ziemlich unspektakulär, aber: Ich habe neue Regale in meinem Laden. Und ich freue mich wie Bolle!

Vor über vier Jahren habe ich meinen Laden mit gebrauchten Metallregalen eingerichtet. Wackelig, nicht optimal – aber völlig ausreichend für meine Zwecke. Doch wenn man was, das nicht ganz optimal ist, vier Jahre lang, fünf Tage die Woche betrachtet, geht’s irgendwann einfach nicht mehr. Aus „nicht ganz optimal“ wird „das kann auf gar keinen Fall mehr so bleiben“.

Jetzt bin ich in der glücklichen Lage, einen Papa zu haben, der

1. Schreiner ist

und 2. anfängt zu planen und zu bauen, sobald ich auch nur erwähne, dass die alten Regale nicht mehr das non-plus-ultra sind.

Heute haben wir die neuen Regale aufgebaut. Mein Laden ist jetzt narrisch schön und übersichtlich und lichtdurchflutet. Schaut:

vorher

vorher

nachher

nachher

Und um den Moment nicht zu verpassen: Ich bin sowas von dankbar! Für die Regale, den Papa, die Mama, meine ganze Familie, die Freunde, die Gesundheit, den Job, die Talente, das Dach über dem Kopf und das Gefährt unter dem Hintern. Ich hoffe, dass mir nie was davon verlorengeht!

PS: Ich könnte jetzt ewig so weitermachen. Dankbar sein für alles Mögliche. Da fängt man EINMAL an und kann einfach nimmer aufhören. Wahrscheinlich wird deshalb so wenig gedankt. Weil man dann irgendwann vor lauter „dankbar sein“ einfach zu nix Anderem mehr käme.

Wir bauen für Sie…

Wer momentan in der Kleinstadt meiner Wahl unterwegs ist, weiß was ich meine und bekommt bereits von der Überschrift Tobsuchtsanfälle oder Heulkrämpfe – oft auch beides. Wie man das hinkriegt? Ganz einfach. Mit Baustellen. Zweidreivierfünf werden’s in und um Kelheim schon sein. Und da, wie anderswo bereits erwähnt, der Kleinstädter ansich lieber Auto statt Radl fährt, kommt, was kommen muss: Das totale Verkehrschaos.

Verkehrsstaus, wohin man auch abbiegt, wild plärrende Lastwagenfahrer (deren Navi vor Verzweiflung selbstständig aus dem Führerhaus gehüpft ist), verschreckte Radfahrer (weil auf die ja jetzt wirklich niemand mehr Rücksicht nehmen kann), Einzelhändler mit panischer Angst vor Umsatzeinbußen, chaotische Busfahrpläne (falls vorhanden) und entsetzlich blanke Nerven überall.

Nach anfänglicher Überforderung, zwischenzeitlichen Wutausbrüchen und überstandener Verzweiflung, übe ich persönlich mich mittlerweile in zweckoptimistischer Selbsttherapie.

Denn eigentlich ist so eine Baustelle ja eine Verbesserung, eine Reparatur. Wie bei einem selbst eben auch. Meine Güte, in meinem Leben gibt es momentan so viele Baustellen. So viele Reparaturarbeiten, so viele neue Projekte.

Ja, wenn’s viele Baustellen sind, kommt’s anderswo zum Stau. Zu Fertiggerichten, verschluderten Emails und Freunden in der Warteschleife.

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Natürlich kann man nicht überall gleichzeitig mit Hochdruck arbeiten, denke ich, wenn ich die bauarbeiterlosen, stummen Maschinen sehe. Das kann ich schließlich bei meinen Baustellen auch nicht. Ich kann nicht gleichzeitig ein Theaterstück inszenieren und ein neues Buch schreiben. Alles nacheinander.

Selbstverständlich kann es mal zu Verzögerungen kommen. Nicht alles ist zum angesetzten Termin fertig. Das ist auch auf meinen Baustellen so. Mein Mittagessen kommt selten pünktlich auf den Tisch und die getöpferten Adventskränze stehen manchmal erst zum zweiten Advent im Schaufenster – ab und zu  ist man eben faul. Was solls?

Und schließlich will man ja ein schönes Ergebnis. Eine schöne neue Asphaltdecke, schnelles Internet oder einen knackigen Po in den neuen Jeans. Das macht sich eben nicht von allein.

Ich übe mich in Verständnis. Meine Stadt und ich – wir verstehen uns. Mi Baustelle es su Baustelle.

Aber ehrlich: Das Üben bringt nichts. Rein gar nichts. Zweckoptimismus ist einfach nicht mein Ding. Also KOMMT IN DIE GÄNGE UND MACHT DAS FERTIG! UND ZWAR PRONTO! Sonst….. AAAAAARGH!

Klappe zu – Klappe auf

Ich rede viel. Zuviel, sagen Menschen, die meine negativen Eigenschaften herausstellen wollen. Ja, stimmt. Da kommen ziemlich viele Wörter in ziemlich kurzer Zeit aus meinem Mund. Außer…

…wenn ich schlagfertig sein sollte (zwei Stunden später fällt mir dann ein, was ich hätte antworten sollen).

…wenn ich auf der Bühne meinen Text vergessen habe (weil ich einfach davon ausgehe, dass es nicht mein Text ist, der fehlt).

…wenn ich beim Frisör sitze (und da ich dort auch nicht belabert werden will, ist mein Hauptkriterium für die Frisörwahl mittlerweile die Schweigefähigkeit der Frisörin).

…wenn ich an meinem Marktstand stehe.

Soll ich, oder soll ich nicht? Klappe auf oder Klappe zu? Ich versuche nach nunmehr zehn Jahren Markterfahrung auf mein Bauchgefühl zu hören. Wenn potenzielle Kunden an meinen Stand kommen, schauen, nochmal schauen, den Kopf schräg legen und ein „schön“ murmeln, gehe ich nicht davon aus, dass Ansprache gefordert ist. Ich als Kunde mag das nämlich auch nicht. Ich würde mich gestört fühlen, wenn ich neben der kniffligen Aufgabe zu entscheiden, ob dieses oder jenes Produkt für mich interessant sein könnte, auch noch Smalltalk führen müsste. Im schlimmsten Fall würde ich mich genöigt fühlen, etwas zu kaufen. Gut, aus der Verkäuferperspektive wär’s dann ein Erfolg. Aber ich baue darauf, dass sich meine Kunden melden, wenn sie etwas wissen wollen.

Dass andere Verkäufer ganz andere Bauchgefühle haben, merke ich manchmal, wenn ich meinen „Nachbarstandlern“ zuhöre:

Nachbar (zu einem potenziellen Kunden): „Das ist schön, oder? Blumenmuster.“

Kunde: „Was kostet denn das?“

Nachbar: „Das ist wunderschön, oder?“

Kunde: „Jaja. Und das kostet wieviel?“

Nachbar: „17 Euro. Aber das ist es auch wert. Jeden Cent. Weil das Qualitätsarbeit ist. So viele in meine Branche machen nicht so tolle Sachen. Bei mir gibt es einzigartiges Design.“

Kunde: „Hm.“

Nachbar: „Ja und außerdem ist es eines meiner Lieblingsstücke. Weil es ein Unikat ist. Das gibt es nirgendwo mehr in dieser Art. Das würde Ihnen bestimmt toll stehen. Ich sag ja immer…

Ehrlich, es verwundert mich, wenn ich dann nebenan das Geld klimpern höre. Und wenn es bei mir dann mal nicht so dolle klimpert, frage ich mich schon, ob ich auch offensiver auf meine Kunden zugehen sollte.

Ich (zu einem potenziellen Kunden): „Der Bierkrug ist schön, oder? Für Bier.“

Kunde: „Was kostet der denn?“

Ich: „Da steht sogar was drauf. Ist das nicht witzig?“

Kunde: „Jaja. Und der kostet wieviel?“

Ich: „19 Euro. Aber das ist er auch wert. Jeden Cent. Weil das Handarbeit ist. So viele Töpfer machen nicht so schöne Bierkrüge. Bei mir gibt es…

– nein, ich kann das nicht!

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Ich hoffe lieber darauf, dass es unter den Kunden auch welche gibt, die – wie ich – nicht belabert werden wollen. Die streichen dann über eine Tasse, nehmen sie vorsichtig in die Hand, tragen sie ein wenig herum und fragen dann:

„Ist die spülmaschinenfest?“

Ich: „Ja.“

Kunde: „Die ist total schön.“

Ich: „Danke.“

Kunde: „Wieviel kostet die?“

Ich: „12 Euro.“

Die vielen Wörter hebe ich mir lieber auf – um Menschen damit zu nerven, die meine negativen Eigenschaften herausstellen wollen. 😉

Erben der Macht – Narben und Namen

Ich versuche nicht tiefzustapeln, okay?

Jeden Tag mindestens einen Satz. Mal sehen, ob du durchhältst. Was vor mehr als drei Jahren als Fastenvorsatz begonnen hat, hat jetzt eine Ebene erreicht, die mir die Handflächen kribbeln lässt. Ich habe ein Buch geschrieben und man kann es kaufen.Deckb

Ja, es ist ein eBook. Ja, es ist „selbstverlegt“. Ja, ich kenne alle Bedenken in diesem Zusammenhang – ich habe sie selbst. Aber das macht mir ausnahmsweise gar nichts aus.

Denn ich habe diese Geschichte zuerst nur für mich geschrieben. Einen Roman, der mir gefallen könnte: Liebe, Verrat, leidende Männer, starke Frauen – sowas eben. Und als meine beste Freundin sich bereiterklärt hat die Kapitel gegenzulesen, habe ich auch geschrieben, was ihr gefallen könnte: Liebe, Verrat, leidende Männer, starke Frauen – sowas eben. Ich musste außerdem feststellen: Ich mag viele Kommata, möglichst überall – sie nicht. Als das Buch dann endlich, endlich fertig war (und zumindest 80% der überflüssigen Satzzeichen beseitigt), fand ich es schade, drei Jahre Arbeit einfach so als Dateileiche auf meinem Rechner einzulagern.

Der Plan war also, den Roman auf meinen Blog zu stellen. Glücklicherweise (und in diesem Fall ist es tatsächlich ein Glück) kenne ich mich mit Dateiformaten, Speichermöglichkeiten, Links und Clouds nicht so übermäßig gut aus. Ich musste mich durchfragen, bei Leuten die sich auskennen. Dann ging alles ziemlich schnell. Ein Hinweis, ein Link – schon war ich im Reich der „Selbstverleger“.

eBook? Selbstverlag?  – Eine Möglichkeit. Aber ich weiß nicht …

„Dir mangelt es entweder an Geschäftssinn oder an Mut“, analysierte mich meine Freundin treffend wie immer.

Na gut. Dann eben Augen zu und durch. Hier ist es. Ich würde mich freuen, wenn ihr es lest. Und noch mehr würde ich mich freuen, wenn es euch gefällt.

Und weil in einem Buch, das man nur für sich selbst und die beste Freundin schreibt, logischerweise die Danksagungen fehlen – hier noch kurz:

Du liebe, wunderbare Freundin! Ich, entschuldige, mich, für, jedes, einzelne, überflüssige, Komma. Und ich bewundere dein Durchhaltevermögen und deine Bereitschaft, mein „Geschreibsel“ zu lesen. Du verpackst deine Kritik so, dass ich nicht den Mut verliere – und das ist weiß Gott ein Kunststück. Danke.

Verweigerung

Gerade hast du das doch noch gekonnt! Ich verstehe das nicht! Es kann doch nicht so schwer sein, sich diese vier Gedichtzeilen zu merken!

Es tut mir weh, das zu schreiben, ehrlich. Ich weiß ja, dass diese Sätze so schrecklich weil so demotivierend sind. Niemand erreicht jemals irgendwas mit solchen Sätzen. Schon gar nicht bei einem Kind, das sich durch die 4. Klasse kämpft. Und doch habe ich diese Sätze zu meinem Kind gesagt. Eben weil die 4. Klasse ein Kampf ist. Für alle. Für die Kinder, die Probe um Probe schreiben, für die Lehrer, deren Handlungsspielraum Grenzen hat – und für die Eltern, die sich von ihrem Bullerbü-Traum verabschieden müssen und kapieren, dass ihre Kinder mit den gleichen Maßstäben gemessen werden, wie Erwachsene. Vor allem von ihnen.

Du kannst alles schaffen, wenn du es wirklich willst – das klingt toll. Nach Freiheit und Gleichheit und Selbstbestimmung. Aber übersetzt heißt das doch auch: Wenn du es nicht schaffst, hast du dich einfach nicht genug angestrengt. Und das klingt mächtig nach Burnout.

Ich will nicht zu (küchen)psychologisch werden (weil ich mich da ja gar nicht auskenne). Ich will nur sagen: Mein Kind und ich haben gekämpft. Es war so anstrengend und ich wundere mich, dass sich mein Kind dieser Anstrengung nicht entzogen hat. Dass es mir nicht das Heft vor die Füße geknallt und geschrien hat: „Lern doch du die wichtigsten Gebirgszüge Deutschlands! Lass mich damit zufrieden – ich scheiß drauf!“ Ich hätte es verstanden, wirklich. Und doch bin ich froh, dass es nicht so gekommen ist.

Ich kenne Kinder, die sich diesem Druck verweigert haben. Die einfach nichts lernen wollten. Und für ihre Mittelfinger-hoch-Haltung muss ich ihnen Respekt zollen. Auch wenn ich weiß, dass die Eltern eine weit härtete Zeit hatten als ich. Respekt also auch an sie. Ich hätte das nicht so durchgestanden.

Mein Kind hat sich nicht geweigert. Ich habe mich nicht geweigert. Aber wenn ich eine Sache aus dem vergangenen Jahr gelernt habe – außer vier Gedichtzeilen und den wichtigsten Gebirgszügen Deutschlands – dann ist es, dass man den Mittelfinger viel öfter in die Luft recken sollte. „Ich weigere mich!“ – schreien Madsen. Und obwohl es in ihrem Lied „Nachtbaden“ um ganz etwas anderes geht, singe ich diese Textzeile den letzten Monaten ziemlich oft.

Ich habe sie gesungen, als ich rund um Ostern (nach dem ganzen Übertrittsgedöns) drei große schwarze Vasen hergestellt habe. Und mit einem lauten „Ich weigere mich!“ Habe ich die Gefäße oben verschlossen. Man kann sie nicht füllen. Sie wollen nicht gefüllt werden. Sie sind einfach so, wie sie sind. Und das muss reichen. Kunstvasen2017

So wie sie sind, sind sie noch bis zum 3. September 2017 bei der Ausstellung der Gruppe Kunst in Kelheim zu sehen.

Meine Vasen sind mein Anfang. Und ich hoffe, ich kann noch zu mehr Mut aufbringen.

Vase oder nicht Vase? – Vase.

„Hört endlich auf, Vasen zu töpfern!“ So oder so ähnlich lautete die Kernsaussage eines Artikels, den ich vor Jahren mal irgendwo gelesen habe (und von dem ich nicht dachte, dass ich ihn mal in meinem Blog zitieren würde – sonst hätte ich mir neben der Aussage auch den Link gemerkt). Der Autor des Artikels beschwerte sich darüber, wie langweilig es doch sei, dass sich Keramikkünstler ständig nur mit der Gestaltung von Gefäßen beschäftigten. Auf Ausstellungen sehe man kaum anderes als Vasen, Schalen und Töpfe. Uninnovativ, lahm, altbacken.

Ja, stimmt schon irgendwie. Als Keramikkünstler kannst du dich entscheiden zwischen Skulptur und Gefäß. Das war’s dann eigentlich schon. Also größtenteils. Und ja, Vasen sind alles andere als neu und niedagewesen. Ganz im Gegenteil. Das Gefäß ist der Ursprung der Keramik. Der Sinn. Die Daseinsberechtigung. Alles begann (schätzungsweise) doch damit, dass die Menschen entdeckten, dass eine bestimmte Erde sich erst formen lässt und dann im Feuer hart und unveräderlich wird. Bis zur Serienproduktion von Gefäßen war’s da dann nicht mehr weit hin. Und wenn man’s genau nimmt, hat sich eigentlich bis heute nicht so viel an der Töpferei verändert.

Ich glaube, das ist der Grund, warum so viele Keramikkünstler um die Vase nicht drumrum kommen. Weil sie etwas Wesentliches ist. Der Kern des Töpferwesens. Das mag nicht sehr innovativ sein. Vielleicht sogar altbacken. Aber es steckt in uns drin. Und von Zeit zu Zeit muss sich jeder Künstler damit auseinandersetzen, was in einem steckt. Gruppe Kunst 2017

So. ich hoffe, dieser Blogbeitrag taugt als Ausrede dafür, dass es sich bei meinem diesjährigen Beitrag zur Jahresuasstellung der Gruppe Kunst um Vasen handelt. Im Zweifel habe ich eben einfach nur mein innerstes Töpferwesen erforscht. Was ich gefunden habe, könnt ihr demnächt hier lesen – oder euch bei der Ausstellung selber nen Reim drauf machen.

Toskana mit Klumpen

„Europa kann das nicht aufhalten – gar nicht. Es gibt keine Lösung: Nicht durch Entwicklungshilfe, nicht durch Abschottung, nicht durch wirtschaftliche Aufbauhilfe“, weiß der Experte im Radio und meint damit die vielen vielen Menschen aus Afrika, die sich auf den Weg durch die Wüste und übers Mittelmeer machen, nur um schlussendlich in Italien zu stranden. „Wie deprimierend. Er könnte doch zumindest sagen, wie er sich eine Lösung vorstellt“, schnaube ich und rutsche auf meinem Autiositz herum. Wir sind auf dem Weg in den Familienurlaub nach Italien. „Wenn es doch aber keine Lösung gibt“, antwortet mein Mann und beendet damit das Thema. Wir sind froh, am Brenner nicht im Stau zu stehen.

Endlich angekommen ist das Hotel spitze, der Strand atemberaubend, die Urlaubsstimmung wie auf Knopfdruck da. Eine Woche weg von allem! Mit Enthusiasmus strecke ich meinen eingecremten, blassen Körper auf der hoteleigenen Strandliege aus und lese mich in einem Buch fest – für etwa drei Minuten.

Dann will mir jemand Sonnenbrillen verkaufen, zwei Minuten später soll ich mich für Strandkleider erwärmen und kurze Zeit darauf für Badetücher, Sandspielzeug und Lenkdrachen. No grazie. Die Verkäufer sind allesamt dunkelhäutig und unterhalten sich untereinander in einer Sprache, die nicht italienisch ist. Einige meiner Bekannten aus Westafrika klingen ähnlich, wenn sie miteinander sprechen. „Mama, sind das Flüchtlinge?“, fragt meine Tochter. „Ich weiß es nicht“, antworte ich. Strandverkäufer hat es in Italien schon immer gegeben.

Dann aber, bei den drei mühsam erkämpften Tagesausflügen in umliegende Städte (Mutter kann nicht nur am Strand rumliegen – Mutter braucht Kultur! – Die Kinder nicht) gibt es kein Vorbeischauen mehr. Obdachlose, überwiegend dunkelhäutig. Bettelnd, berauscht, in Gruppen – bedrohlich? Ich halte meine Handtasche fester und schäme mich. Ich schäme mich so sehr, dass ich weinen mag. Denn diese Jungs haben für mich ein Gesicht:

Das Gesicht des Asylbewerbers aus Sierra Leone, dessen Anlaufstelle ich eine Zeit lang gewesen bin. Bevor er nach Deutschland gekommen ist, hat er in Italien ein Jahr lang auf der Straße gelebt.

Das Gesicht eines Senegalesen aus meiner Flüchtlingstheatergruppe, der nach Italien zurückgehen musste und dort jetzt obdachlos ist.

Das Gesicht meines Freundes aus Westafrika, den ich sehr vermisse und den ich nicht wiedergesehen habe, seit sein Antrag auf Asyl abgelehnt worden ist. Wo ist er? Ich weiß es nicht. Es könnte der nächste sein, der an der Straßenecke mit einer Mütze in der Hand um Geld bettelt.

Ich reiße mich zusammen und folge meiner Familie durch die etruskischen Gassen. Was könnte ich denn schon groß tun, um diesen Menschen zu helfen? Zu Hause wüsste ich das. Zu Hause würde ich in den Flüchtlingshelfermodus schalten. Aber hier? Ich habe Urlaub. Ganze acht Tage. Darf ich mir das nicht gönnen? Ich bin unsicher, grüble. Doch, ich darf, beschließe ich. Weil niemandem geholfen ist, wenn ich es nicht tue. Also geht es wieder an den wunderbaren Strand mit den warmen Wellen und den kitschigen Sonnenuntergängen.

Toskablog

Aber neben Pizza und Pasta liegt auch ein schwerer Klumpen in meinem Magen. Weil es für diese Menschen doch eine Lösung geben muss. Für sie und für alle Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen – warum auch immer. „Wenn es doch aber keine Lösung gibt“, höre ich die Stimme meines Mannes in meinem Kopf. Vielleicht stimmt das wirklich. Und das macht es für niemanden leichter.