Des lieben Friedens

Ich habe sie alle geschrottet: Weihnachtsfeiern, Osteressen, Geburtstagstreffen, Grillpartys. Es läuft immer ähnlich ab. Irgendjemand in der Runde sagt irgendwas, das ich nicht so stehenlassen kann. Etwas Sexistisches, Diskriminierendes, Verächtliches oder allgemein Vogelwildes. Und ich schwöre, in dem Moment, in dem ich dem Mund aufmache und sage: „Ich sehe das ganz anders“, bin ich gefühlt der Arsch des Tages. Weil ich die Stimmung kaputt mache, indem ich eine sinnlose Diskussion anzettle. Das lässt man mich ganz deutlich spüren.

– Nur mal kurz innehalten und sacken lassen: Ich verderbe die Stimmung, weil ich jemandem widerspreche, der zum Bespiel findet, dass das N-Wort doch nichts Schlimmes ist. Ich – nicht der oder die andere. Am Tisch wird dann gerne mit den Augen gerollt und betreten zu Boden geblickt. Es war doch so schön und jetzt muss die sich wieder aufregen. Kann sie es nicht einmal gut sein lassen?

Doch, sie kann. Um des lieben Friedens Willen habe ich meiner Familie versprochen, mich nur noch einzumischen, wenn der Schmarrn zu groß wird. Und mittlerweile nicht mal mehr dann, wie ich feststellen musste.

Da hieß es neulich auf einer Party zum Beispiel: „Für mich ist es eben Vater-Mutter-Kind, nicht Mutter-Mutter-Kind. Das ist unnormal.“ Und ich sagte – nichts.

Auch nicht auf die steile These, dass sich werdende Mütter so verrückt machen ließen, dass es kein Wunder sei, wenn die Kinder dann nicht wüssten, ob sie Männlein oder Weiblein seien und deshalb aufs Gendern bestehen würden.

Ich hielt die Klappe. Um die Stimmung nicht zu zerstören. Die schöne Stimmung, in der man ganz ungeniert homophob oder transfeindlich sein kann.

Kurz war ich sehr stolz auf mich. Mittlerweile schäme ich mich. Ich hätte etwas sagen sollen. Aber ehrlich, ich hab auch nicht immer Lust, der Arsch des Tages zu sein. Warum übernimmt das denn zur Abwechslung nicht mal wer anders?

Vielleicht weil alle Anwesenden außer mir diese Einstellung gut finden? So wirkt das auf mich. Und auf diejenigen, die so einen Mist von sich geben, muss es auch so wirken: Ich spreche vor Gleichgesinnten. Hier denken alle so wie ich. Es ist richtig, was ich sage.

Obwohl es gut möglich ist, dass alle anderen gar nicht zustimmen, sondern einfach nur um des lieben Friedens Willen schweigen.

Und das ist beinahe ebenso beunruhigend, wie Zustimmung.

uuund weg.

„Wir waren ja schon so oft da, aber Sie haben nie geöffnet!“

Diesen Satz höre ich leider echt oft – aber ich weiß ehrlich nicht, was ich darauf sagen soll. Weil mir der Satz das Gefühl gibt, faul zu sein, nie zu arbeiten und ohne Ende Freizeit zu genießen. Aber das stimmt so nicht. Ich könnte jetzt erklären, dass ich ja noch einer zweiten Arbeit nachgehe, eine Familie zu Hause habe und alleine in meinem Laden bin. Bei Krankheit (eines Kindes) oder dringenden Terminen ist mein Laden eben zu. Ich habe keine Vertretung.

Aber meistens schaue ich nur geschmerzt und nicke. Wer möchte denn auch schon meinen Sermon hören?

Heute bin ich dagegen einfach lächelnd in meine Werkstatt gegangen, habe einen Zettel und einen schwarzen Stift rausgeholt..

Und habe ihn an meine Ladentür gehängt.

Der erste Urlaub, seit… Ich denke, ich hab mir den verdient. Bis dann!

Wia schaudn des aus?

Manchmal, da fällt’s mir auf, dass in meinem Kopf eine andere Stimme spricht. Ja, das klingt ein wenig so, als wäre ich nicht ganz dicht, ich weiß. Aber soetwas wie Lebensweisheiten, Tipps oder Eselsbrücken, die mir mal gegeben wurden, spult mein Kopf gerne in der „Originalstimme“ ab. Heute hat sie gefränkelt – wie eigentlich immer, wenn ich Henkel ziehe.

Henkel ziehen gerhört zu den Aufgaben meines Berufs, die ich nicht mag. Weil man einfach so viel versauen kann. Und ist ein Henkel dann an der Tasse/ am Krug/ am Reindl, dann frage ich mich oft, ob mein ehemaliger Drehlehrer damit einverstanden wäre. „Wia schaudsn aus?“, würde er fragen, wäre ich immer noch in der Dreherei der Keramikschule. „Zeich amal her.“ In schönstem Fränkisch, selbstverständlich.

„Da muss ma scho schaugn, dass der Hengl genau gegenüber von der Schnaube is. – Am besten nimmst a graads Steggala. Sunsd werd des nigs.“ Also schaue ich, dass der Henkel gegenüber der Schnaupe ist, dass meine Markierungen ordentlich sind – „Zwa Driddl, an Driddl – der Goldene Schnidd hald“ und dass alles gut aufgerauht und vorbereitet ist. Dann geht’s ans Ziehen. „Glaichmäßich. Mit a bissele Drug. A weng schnella, sunst werd der so lädscherd.“ Beim Angarnieren, dann wieder die Frage: Hat er einen schönen Schwung, oder sieht er ungleichmäßig aus? Ist er zu nahe am Krug, oder zu weit weg? „Mei Hand soll den haldn kenna“. Und er hatte riesige Hände, mein Lehrer. Ist das Profil so, dass der Krug gut in der Hand liegt? Passt der Abschluss? „Grad ist der fei ned.“, höre ich die Stimme in meinem Kopf.

„Etz bist staad!“, antwortet meine eigene Stimme auf niederbayrisch. „Des basst scho so.“

Anmerkung: Ich liebe den fränkischen Dialekt. Wirklich. Ich bin mir bewusst, dass „mein“ Fränkisch kein „Originalfränkisch“ ist. Aber so frängld es hald in meim Schädl drin.

Social Verwirrung

Ach, ich hab es geahnt!

Diese Sozialen Medien sind ein gefährliches Suchtmittel. Denn sie sind wie gemacht für mich und meine mitteilsame Natur. Gut, ich versuche ein Auge drauf zu haben – aber ich nehm das schlechte Auge, das sieht nicht so viel.

Und eigentlich, eigentlich mache ich das ja nur wegen der Keramik und der Schreiberei, dem Theater und der anderen kreativen Dinge… genau. Die privaten Accounts MÜSSEN sein, sonst gehen die geschäftlichen ja nicht. Ihr merkt, ich lüge mir in die eigene Tasche.

Tatsächlich habe ich ich das aber ursprünglich wirklich begonnen, um meinen Wolperdingen (also der Keramik, der Schreiberei, dem Theater und den anderen kreativen Dingen) ein bisschen Publikum zu verschaffen. Das hat bisher auch alles ganz gut geklappt. Mit diesem Blog und der Facebookseite.

Jetzt wurde aber schon länger angemerkt, dass meine Zielgruppe sich die nächste Plattform Untertan gemacht hat: Instagram. Die Jüngsten sind längst schon weitergewandert – die nicht mehr so Blutjungen sind eingezogen und wollen – so wurde mir gesagt – auch gerne mit Wolperdingen versorgt werden.

Nun gut, also wühle ich mich durch „feeds“ und „storys“, like, abonniere… was man halt so macht. Und es überfordert mich total. Denn sobald ich etwas zu berichten habe, komme ich durcheinander.

So habe ich zum Beispiel neue Sachen in meinem Laden. Neuer Ton, neue Glasuren. Wie hier auf dem Blog versprochen. Oder war es auf Facebook? Ich erinnnere mich nicht mehr… egal. Die neuen Sachen sind da. Dazu ein Foto bei Instagram, ein kleiner Post auf Facebook, ein Blogbeitrag. Hierhin verlinkt, da ein Hashtag, dort ein @. Und bitte nicht immer das Gleiche. Das langweilt.

Also, welches Foto zeige ich euch? Das hier?

Das war schon auf Instagram. Oder? Oder Facebook? Oder? Ich habe nichts drüber getwittert, soviel ist sicher (und es wäre auch egal, da hab ich eh keine Reichweite).

Auf jeden Fall: Das sind meine neuen Sachen. Die ersten ihrer Art. Details davon gibt’s auf Facebook, ab und zu auch mal ein Foto davon auf Instagram (@wolperdinge). Und definitiv alles zum Anfassen in meinem Laden.

„Wann hast du denn eigentlich immer geöffnet?“, sagte letztens eine Kundin. „Du brauchst wirklich einen Google-Eintrag.“ Einen was? Jetzt auch noch Google? Ich bin mir nicht sicher… ich glaube ich… entschuldigung, ich muss kurz… das Internet löschen.

Was dauert denn da so lange?

Der Sommer ist da, die Corona-Infektionszahlen sind niedrig und die Leute haben wieder Lust auf nen Einkaufsbummel in der Altstadt. Was für ein Glück für mich! Hätte ich doch, ja hätte ich noch was zu verkaufen.

Doch doch, ich hab schon noch was. Aber die Auswahl an Tassen, Tellern und Schüsseln ist in den vergangenen Monaten arg geschrumpft. Das Schaufenster zieren immer noch Teller mit Herbstmuster – das kann jetzt bis Herbst auch so bleiben.

Die Tatsache, dass meine Ware langsam ausdünnt, liegt daran, dass ich dabei bin, meine Produktion umzustellen. „Während des Lockdowns geht das schonmal. Hab ja eh nicht geöffnet, kommen eh nicht so viele Kunden“ – dachte ich. War aber nicht so. Die Kunden kamen trotz Maskenpflicht und click and collect and meet and greet. Wieder großes Glück für mich!

Aber jetzt stehen da halt die neuen Glasuren und die Rohlinge aus neuem Ton. Und die wollen alle ausprobiert werden. Alle. Und dann muss es mir auch noch gefallen. Und dann muss es auch noch durch einige Tests.. Was soll ich sagen, ich bin mittendrin.

Und ich bin noch nicht zufrieden.

Es kann also noch dauern. Mein Laden füllt sich nur langsam. Ich baue auf eure Geduld. Es wird superschön, das verspreche ich!

„Nur die Russen haben Vorurteile!“

Ich habe einen weiblichen Körper, identifiziere mich als Frau und steh‘ auf Männer.

Ja. Und? Wieso sag ich das? Stimmt, das muss ich gar nicht. Das bekommt ja jeder irgendwie mit. Wenn ich im Badenazug mit meinem Mann händchenhaltend durchs Freibad laufe, zum Beispiel. Wenn ich anderen Menschen von meinen Urlaubsplänen mit der Familie erzähle, oder mit Freundinnen Serien mit wilden Highlandern… äh… ansehe.

Ich habe eine Weile gebraucht, um herauszufinden, dass das alles Outings sind. Also wäre ich zum Beispiel homosexuell und würde mit meiner Freundin händchenhaltend durchs Freibad laufen: Die Menschen um mich herum würden das als Outing betrachten. Oder darauf warten, dass ich es bestätige. Oder mich dafür ablehnen. Oder und.

Und manchmal kämen dann Kommentare wie: „Mir ist es ja egal, was und mit wem die es treibt. Aber das ist doch ne Privatsache. Die soll das mal nicht so vor sich hertragen. Muss sie ja nicht jedem ungefragt aufs Auge drücken, was sie ist.“

Als oben beschriebene cis-Frau (ich denke, das ist der korrekte Ausdruck – aber es gibt noch viel für mich zu lernen) kenne ich solche Sprüche nur aus dem Internet. Ich musste sie mir nie live ahören und sie bezogen sich nie auf mich. Aber ich weiß, dass es Menschen gibt, die so etwas aushalten müssen. Oder die aus Angst davor, so etwas aushalten zu müssen, sich gar nicht erst trauen, sich so zu zeigen, wie sie sind.

„Naja, aber das ist doch nicht mehr so. Wir sind doch tolerant.“ Ja, das stimmt schon irgendwie. Glaube ich. Da kann ich nicht mitreden, weil es mich (siehe oben) nicht, oder als Frau im Verhältnis nur kaum betrifft. Aber wo ich mitreden kann ist, dass ich wahrnehme, wie mein Umfeld immer noch mit Vorurteilen kämpft.

Der Schwule trägt gerne die Hand im „Teekännchen“ und bespringt alles Männliche, das nicht bei 3 aufm Baum ist.

Lesben sind Mannweiber mit Kurzhaarschnitt. Kampflesben eben.

Transmenschen sind psychisch gestört.

Asexuelle Menschen müssen nur mal richtig… äh, den/die Richtige/n finden.

Der sieht aber gar nicht männlich aus. Der ist bestimmt homo.

An der ist aber auch ein Junge verlorengegangen.

Lauf nicht so schwul! Biste behindert? Warum wirfst du wie ein Mädchen?

Neulich habe ich in einer Doku über Rassismus den Satz gehört: „Wir haben alle unsere Vorurteile. Wir sind damit aufgewachsen. Wichtig ist nur, zu entscheiden, welche Vorurteile wir behalten wollen und welche wir loswerden müssen.“

Und sofort hatte ich Moop Mama im Kopf: „Ich? Ich habe keine Vorurteile! Nur die Russen haben Vorurteile!“

Und die Ungarn, die natürlich auch.

Ich habe mir gestern aus alten T-Shirts eine Regenbogenfahne genäht. Ein bisschen aus Aktionismus, ehrlich gesagt. Aber auch weil ich es wichtig finde, zu zeigen, dass unsere Familie solidarisch ist mit Menschen, die sich, sobald sie sich outen, mit Diskriminierung herumschlagen müssen. Immer noch. Weil, wenn schon die UEFA… ach lassen wir das. Die Jugendlichen in meinem Haushalt haben mich für die Fahne gefeiert (ehrlich, die sind stolz auch mich. Haaach!). Und gemeinsam mit meinem Mann habe ich sie gestern vor’s Haus gehängt. Also die Fahne, nicht die Jugendlichen.

„Schau mal!“, hab ich eine Nachbarin zu ihrer Begleitung sagen hören „Das mach ich jetzt auch gleich. Ich häng unsere Regenbogenfahne auch gleich raus.“ Mein Mann und ich haben uns angegrinst und er hat mir die Worte aus dem Mund genommen: „Hättest du gedacht, dass DIE ne Regenbogenfahne hat? Die sieht gar nicht so aus…“

Nur die Russen haben Vorurteile, nicht wahr?

cancelled heston

Alles fing mit Charlton Heston an.

Es war Anfag der 2000er und ich sah den (Dokumentar-)Film „Bowling for Columbine“. Darin geht es grob gesagt um das Verhältnis der Amerikaner zu ihren Waffen. Und darin sieht man eben diesen Schauspieler Charlton Heston, wie er 10 Tage nach dem Amoklauf an der Columbine Highschool in Littleton 1999 im benachbarten Denver auftritt. Es ist eine Veranstaltung der Waffenlobby NRA (National Rifle Association). Dort reckt er marzialisch ein Gewehr in die Luft und schreit „From my cold dead hands!“

Das war zuviel für mich. Da stand dieser Schauspielgigant meiner Osterferien, ein Held, ein Moses, ein Juda Ben Hur und machte Werbung für Waffen, während im Ort nebenan kurze Zeit zuvor 12 Schüler und ein Lehrer mit ebensolchen Waffen zu Tode gekommen waren. Ich schwor mir, Charlton Heston sollte nie wieder über meinen Bildschirm flimmern. Kein „Ben Hur“ mehr, kein „Die Zehn Gebote“, kein „Planet der Affen“. Der Held war gefallen. Gestolpert über seine in meinen Augen unerträglichen Ansichten als Privatmann. Nimm das, Charlton!

Leider blieb er nicht der einzige auf meiner „Nimm-das“-Liste. Wenn auch der, dessen Boykott ich seither und auch posthum am konsequentesten durchziehe. Es folgten Mel Gibson und Kevin Spacey, Xavier Naidoo, Monika Gruber und Clint Eastwood. Selbst den wundervollen, wundervollen, wundervollen John Cleese kann ich nicht mehr ansehen, ohne mir mindestens einmal zu denken: Der hat für den Brexit gestimmt. (Trotzdem kann ich’s bei dem nicht sein lassen. Brexit hin – Brexit her. Es ist John Cleese.)

„Cancel Culture!“ Würden jetzt vielleicht einige schreien. Und ja, ich boykottiere die Arbeit dieser Menschen, weil sie mir gezeigt haben, dass sie als Privatpersonen – meiner Meinung nach – fürchterliche Pfosten sind. Ich mag sie mir nicht mehr anschauen. Und das ist mein gutes Recht. Ich muss sie mir nicht anschauen. Bei anderen Schauspielern zappe ich weg, weil ich sie in ihren Rollen einfach nicht mag. Da können sie noch so tolle Leute sein (sorry, Tom Hanks). Oder bei Kabarettisten, die ich nicht witzig finde – ganz unabhängig von ihrer Privatmeinung (not sorry, Dieter Nuhr).

Künstler – ob Schauspieler*innen, Sänger*innen oder Kabarettist*innen – sind sehr angewiesen auf ihren Marktwert. Und der fußt darauf, dass die Leute sie gerne sehen. Soll heißen: bekommen sie Applaus für ihre Arbeit, werden sie engagiert. Schalten die Leute weg, wenn sie ins Bild kommen, gelten sie schnell als Kassengift. Produzenten versprechen sich dann keinen Gewinn mehr mit ihnen und die Karriere bekommt einen Knick. Das ist natürlich eine krasse Sache. Denn für die Öffentlichkeit immer den perfekten aber nicht zu perfekten Typen zu geben und nur bloß nicht anzuecken aber doch ein wenig, damit die Karriere nicht knickt, stelle ich mir extrem schwer vor.

Deswegen will ich das in den meisten Fällen lieber gar nicht wissen. Ich will meine Helden behalten. Aber manchmal kommt man nicht drumrum. Da hilft auch Wegsehen nicht. Und es schmerzt mich wirklich, dass ich mir jetzt jedesmal, wenn ich an Weihnachten „Love, actually“ ansehe, denke: Heike, echt, das wäre nicht nötig gewesen. Oder dass ich nicht vergessen kann, wie Richy Müller in Tüten atmet. Oder dass mir das tolle „Babylon Berlin“ vorerst versaut ist.

Meine „Nimm-das“-Liste ist ein wenig länger geworden. Aber ich bin mir ziemlich sicher, es juckt die #allesdichtmachen-Helden ebensowenig, wie es Charlton Heston gejuckt hat. Er hat seinen Applaus ja noch bekommen. Von den Waffenfans in den USA. Und der Rest auf meiner Liste bekommt ja auch noch Applaus – von irgendwoher.

In der Zwischenzeit

Es gibt Zeiten, da ist es mit den Töpfersachen wie auf einer Busreise vor Reiseantritt. Die meisten sind da – pünktlich zu bestellten Termin – um in den Ofen zu wandern und gebrannt zu werden. Und dann müssen sie rumstehen und auch noch auf den letzten Topf warten, der trocknen muss. Der hat’s zeitlich nicht auf die Reihe bekommen und einen noch nicht durchgetrockneten Boden oder einen noch anzuschlickernden Henkel. Das dauert und hält die ganze Gruppe auf.

Ich als „Reiseleiterin“ hab dann ein schlechtes Gewissen. Gegenüber den Kunden, die auf ihre Bestellungen warten – obwohl sie mir versichern, dass es nicht eilt. Irgendwann ist es auch mal gut, ich weiß.

Andererseits habe ich in der Zwischenzeit auch ein wenig Leerlauf. Den könnte ich jetzt füllen mit Werkstatt putzen, Laden frühlingshaft dekorieren oder Gartenkeramik herstellen. Aber – nein. Ich mache etwas, auf das ich mich seit Wochen freue und das ich ehrlich gesagt ohne Leerlauf und Lockdown nicht machen würde:

Ich teste neuen Ton. Ich hab mir Material bestellt, das ich unbedingt ausprobieren will. Das ist aufregend. Eine Reise mit einem neuen Ziel. Meine kleine Individualreise. Die Busreisen kommen noch früh genug wieder. Wenn der Topf dann endlich mal trocken ist. Montag wahrscheinlich. Wahrscheinlich kann der Bus Montag endlich losfahren.

Instant Ostergefühl

Eine Freundin schickt mir ein Bild mit einem selbstgefärbten Osterei und fragt: „Und? Schon in Osterstimmung?“

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist 20210402_161231.jpg.

– „Naaaah“, denke ich nach kurzem Überlegen. Wirklich nicht. Wieder nicht. Meine Kinder sind in einem Alter in dem sie Glaube und Kirche als lächerlich empfinden. Oder einfach nur als unwichtig und/oder langweilig. Mein Mann war da eh immer ziemlich locker. Außerdem fällt das traditionelle Osterfrühstück in unserem teils veganen Haushalt diesmal irgendwie flach. Genauso wie die Osteressen bei der Verwandtschaft. Und Gottesdienste zu Ostern? Ich bin mir nichtmal sicher, ob ich ohne Corona in die Ostermesse gehen würde. Da hat die Kirche einfach zuviel verbockt (und verbockt noch immer) – sogar für meine Begriffe.

Diese Art der Osterstimmung habe ich also nicht. Ich warte auch nicht auf sie. Ich weiß aber, dass mich eine andere Osterstimmung begleitet. Sie schlummert in mir und ich möchte euch davon erzählen:

Die Christkönigskirche in meinem Heimatort Saal an der Donau im März 2004. Etwa 20 Menschen lehnen an der Wand hinter dem Altar. Über ihnen das riesige Wandbild eines auferstandenen Jesus Christus. Und vor ihnen die leere Bühne der Passionsspiele. Die Aufführung ist zuende, der Chor singt (so gut er eben kann – ganz freundlich ausgedrückt) „Sei gegrüßt Herr Jesu“ und die Spieler*Innen stehen da, schauen vor sich hin, lächeln, weinen. Es gibt keinen Applaus. Nur dieses Lied.

Ich lehne ebenfalls an dieser Wand. Neben mir Jesus, Maria Magdalena, Judas – gespielt von meinem Papa, Petrus und so viele andere. Ich bin Veronika (die mit dem Schweißtuch, ihr wisst schon) und ich gehöre zu denjenigen, die weinen. Ich befinde mich in einem emotionalen Ausnahmezustand. Wenige Wochen zuvor ist mein erstes Kind zur Welt gekommen. Zehn Tage nach diesem wohl einschneidensten Erlebnis meines Lebens hat meine Schwester den Kampf gegen den Krebs verloren. Leben und Tod – alles innerhalb weniger Tage. In meiner Erinnerung ist es ein nebeliger Brei aus Anstrengung, Liebe und Tränen. Mittenreinverflochten sind diese Passionsspiele, von denen ich immer noch nicht weiß, ob sie mich einfach nur überfordert oder irgendwie gerettet haben.

Passionsspiele sind ja aus der Sicht eines Theatermenschen eine schwierige Sache. Wie der „Brandner Kaspar“, nur schlimmer. Der Text ist Bibeltext – von Generationen von uninspirierten Priestern emotionslos vorgetragen und im Kopf eines jeden Kirchgängers verankert als geleierte Pflichtübung. Die Rollen sind ohne Tiefgang. Sie entwickeln sich kaum. Vor allem nicht die zahllosen Randfiguren – und die beginnen schon beim „Lieblingsjünger“ Johannes. Wir versuchen, diese millionenfach heruntergebetete Geschichte zum Leben zu erwecken. Es ist vielleicht (oder mit Sicherheit!) nicht das beste Theater, aber ein paar Momente lang haben wir die Zuschauer im Sack. Etwa wenn Jesus im Tempel ausflippt, wenn er am Ölberg darum bittet, verschont zu bleiben, wenn Judas an seiner Schuld verzweifelt (ich bin vielleicht befangen, aber… Wahnsinn!), oder bis ins Mark gehende Hammerschläge in der Kreuzigungsszene durch das Kirchenschiff hallen. Wumm! Wumm! Wumm!

Von meinem Platz aus kann ich sehen, dass da nur ein Techniker mit einem Hammer auf ein Stück Holz schlägt. Trotzdem jagt es mir Schauer über den Rücken. Und obwohl ich die meiste Zeit der Kreuzigungsszene nur hoffe, dass uns unser Jesus nicht vom Kreuz auf den harten Kirchenboden kippt, schaudert mich bei dem verzweifelten „Eli, Eli, lema sabachtani?“ (Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?).

Diese Momente sind mein Ostern. Seit 17 Jahren. Und ich kann sie jederzeit wieder hervorholen. Oder sie holen mich. Wann immer ich die Leidensgeschichte höre, wann immer irgendwo auch nur ein Ton des Schlussliedes erklingt, wann immer ein Priester in der Kirche sagt: „Fürchtet euch nicht“ – für mich ist das Ostern. Meine Osterstimmung. Leben und Tod, Tod und Leben. Eine kalte Kirchenwand im Rücken, das Bild des auferstandenen Jesus über mir, die Worte „Seht, ich bin bei euch – alle Tage bis zum Ende der Welt“ im Ohr.

Vielleicht ist für euch Ostern etwas ganz anderes. Vielleicht ist es lächerlich oder egal. Vielleicht ist es ein Osterfrühstück mit der Familie – was auch immer. Das geht für mich vollkommen klar. Für mich ist es das:

Leben und Tod, Tod und Leben. Der Sieg der Liebe über den Tod. Die Gewissheit, dass Liebe immer stärker ist. Immer.

Frohe Ostern.

Bowl – was?

Wann ich merke, dass ich alt werde? Wenn ich mich so Sätze sagen höre wie: „Also das haben wir ja schon gemacht, da warst du noch…“ oder „…da gab’s noch gar kein…“ oder „…da hieß das einfach…“

Aber mal ehrlich: „Bowl-eating“?

Für die ebenso alten Menschen hier: Das ist, wenn man sein Essen aus einer Schüssel isst. Total hip, habe ich mir sagen lassen. Also, das geht so: Man isst sein Essen aus einer Schüssel. Den Porridge (Haferbrei), den Salat, die Suppe, das Süßkartoffelcurry – einfach alles. Naja, wahrscheinlich Sauerbraten nicht. Aber Sauerbraten ist auch nicht hip. War es nie, wird es nie sein. Und niemand will Fotos von einer Sauerbratenbowl in den sozialen Medien sehen.

Und? Cool, dieses Bowl-eating, oder? (Sagt man noch „cool“, eigentlich?)

Neulich hatte ich den Auftrag eine solche „Bowl“ zu machen. Und ja, ich habe ein bisschen die Augen verdreht. Ich bin professionelle Schüsselmacherin. Ich fertige sie in allen möglichen Formen. Meistens unten schmal, oben weit – selten umgekehrt. Diese sollte ein wenig bauchiger sein. Also gut.

Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich mich in die Form sofort verlieben würde.

Deshalb gibt es bei mir ab sofort auch solche „Bowls“ – also Schüsseln. Und was ihr da reinkocht oder rausesst ist mir total egal. Ich hab schon aus Schüsseln gegessen, da wart ihr noch…