Zufallsthema, Teil1: Faschisten im Kopf

Was fange ich nun damit an?

Als kreative Übung habe ich wahllos Begriffe zusammengestellt, um darüber zu schreiben. Die Kombination „Faschisten im Kopf“ macht den Anfang.

„Faschisten hören niemals auf, Faschisten zu sein, man diskutiert mit ihnen nicht, hat die Geschichte gezeigt“, singt Danger Dan in „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“. Und ich bekomme seit dem 25.September 2022 dieses Ohrwurm-Bruchstück nicht aus meinem Kopf.

Am 25.September haben die Italiener*innen die (Post-)Faschistin Giorgia Meloni an die Macht gewählt. Ich halte es bewusst so simpel, weil es so in seiner ganzen Schrecklichkeit vielleicht doch noch dem ein oder anderen bewusst wird.

Eine Frau, die nach eigener Aussage schon „rechts geboren“ wurde.

Eine Frau, die nach eigener Aussage ein entspanntes Verhältnis zum Faschismus hat.

Hier eine Definition aus dem Oxford-Wörterbuch

Eine Frau, die gegen queere Menschen und gegen Migranten hetzt. (Quelle, zum Beispiel hier)

„Italien zuerst“ – soso.

Ihr enger Vertrauter Ignazio La Russa wird Senatschef. Ein Mann, der Bilder und Statuen des Faschismus-Begründers und Diktators Benito Mussolini zu Hause rumstehen hat. (Man stelle sich mal vor, in Deutschland würde die Person mit dem zweithöchsten Amt im Staat freudig seine NS-Devotionalien und Hitler-Statuen zeigen und den Menschen in der Pandemie statt eines Handschlags den Hitlergruß empfehlen…) (gerne auch hier nachlesen)

Von ihren Koalitionspartnern Salvini und Berlusconi – ach, mir wird schon schlecht, wenn ich an die beiden nur denke – ganz zu schweigen.

Die Mehrheit der Italiener*innen hat diese Leute an die Macht gewählt. Was sagt das über die Italiener*innen aus?

Ich finde: Wer Faschist*innen wählt, ist entweder sehr sehr dumm – oder selbst Faschist*in. Etwas anderes lasse ich nicht gelten. Nicht in diesem Fall. Kein „die Menschen fühlen sich abgehängt und wollen der bisherigen Regierung und/oder der EU nur einen Denkzettel verpassen“ oder „die sind auf ihre bürgerliche Fassade reingefallen“. Frau Meloni hat nie einen Hehl daraus gemacht, wer sie ist und was sie denkt. Sie ist keine Wölfin im Schafspelz. Die Menschen haben bewusst die Wölfin gewählt. Ich finde das abstoßend. Keine Italienurlaube mehr demnächst. Denen gebe ich kein Geld mehr für überteuertes Eis in Florenz. (Ich weiß, wie armselig sich das liest)

„Aber halt“, meldet sich dann der Teil meines Hirns, der sich von der Tatsache, dass die Italiener*innen diese rechtsradikalen …äh… Personen gewählt haben, nicht völlig aus der Fassung hat bringen lassen. „Bestimmt sind nicht alle Italiener*innen so. Die Mehrheit wollte das doch sicher nicht.“ Äh… doch. Die rechten Parteien haben die Mehrheit der Wählerstimmen. Aber zur Sicherheit schmeiße ich mich ins Internet. „Bella ciao“, diese antifaschistische Partisanenhymne, müsste doch jetzt die Sozialen Medien dominieren (zur Abwechslung nach dessen Verwendung bei Querdenker-Protesten mal wieder mit Sinn). Wann, wenn nicht jetzt, wäre „bella ciao“ angebrachter?

Ich tippe und suche und finde – nichts. Keine Berichte oder Videos von Italienern, die auf den Straßen oder in Kirchen oder im heimischen Wohnzimmer ihren Widerstand singend kundtun. Das aktuellste Video zum Suchbegriff „bella ciao“ auf YouTube, ist das einer Iranerin. Sie singt zur Meldodie des italienischen Partisanen-Klassikers einen anderen Text. Gegen die Unterdrückung der Frauen/Menschen im Iran (ich möchte hier anfügen, wie mutig und berührend ich das finde. #frauenlebenfreiheit!).

Aber die Italiener? Nichts, das in meine antifaschistische Blase gespült worden wäre. Und im Rest von Europa? Ich lese, Bundeskanzler Scholz hätte zum Amtsantritt gratuliert und die EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen freue sich auf eine „konstruktive Zusammenarbeit“. Im Europamagazin der ARD heißt es, Meloni versuche jetzt, gemäßigt zu wirken. Die Wölfin versucht sich also einen Schafspelz anzuziehen und hier alle so: „Mei, die Meloni, das ist doch nur ein Schäfchen.“ Nein!

FASCHISTEN HÖREN NIEMALS AUF, FASCHISTEN ZU SEIN!

FASCHISTEN HÖREN NIEMALS AUF, FASCHISTEN ZU SEIN!

FASCHISTEN HÖREN NIEMALS AUF, FASCHISTEN ZU SEIN!

Nicht da – aber anders

Vor einigen Tagen war ich in einer Gärtnerei. Ich hatte mich im Vorfeld nicht über die Öffnungszeiten schlau gemacht und war deshalb ziemlich betreten, als da an der Tür der Zettel hing: Montag – geschlossen, Dienstag – geschlossen, Mittwoch – geschlossen, Donnerstag – 8Uhr bis 13 Uhr, Freitag – geschlossen. Es war Dienstag. Mist. Die Gärtnerin war aber trotzdem da. So ein Glück. „Wie schön, dass Sie sich jetzt für mich Zeit nehmen. Wo Sie doch eigentlich gar nicht geöffnet haben“, freute ich mich. „Wissen S'“, antwortete die Gärtnerin „ich bin halt oft unterwegs und nicht da. Aber wenn ich da bin bin ich da und dann ist das auch kein Problem“.

Und ich fand das sofort sympathisch und nachahmenswert. So eine Einstellung hätte ich auch gerne, bekomme ich doch oft genug zu hören, dass ich meinen Laden ja quasi nie geöffnet hätte. Zumindest dienstags nie. Stimmt. Dienstags war ich bisher immer anderswo arbeiten. Aber das weiß man ja nicht, wenn man vor meinem Laden steht. Man sieht die dunklen Schaufenster und die geschlossene Tür und denkt sich: „Die hat’s wohl nicht nötig zu arbeiten.“ Doch. Und deswegen war dienstags bisher zu.

Ab kommender Woche ist das anders. Ab kommender Woche gibt’s neue Öffnungszeiten! Ab kommnder Woche habe ich mittwochs geschlossen, um anderswo zu arbeiten.

Und ich freue mich schon auf die Massen an Menschen (es müssen wirklich Massen sein), die jetzt dienstags in meinen Laden kommen, erleichtert, dass ich endlich mal da bin! Naja, außer es stehen dringende Termine an, oder ich bin krank, oder ich bin unterwegs… Aber wenn ich da bin, bin ich da.

Der Elefant im Sprichwort

Eine Freundin von mir hasst Elefanten.

Zu groß sind sie, zu erdrückend. Andere Menschen finden Elefanten dagegen super. Sie sind exotisch, stark und – ja doch – knuffig irgendwie. Könnte sein, dass da Walt Disney mit seiner Dumbo-Verfilmung einige Weichen gestellt hat. Ich persönlich fühlte mich wegen der großen Ohren als Kind durchaus in einer Leidensgenossenschaft mit Dumbo und es wird mir ein elefantengleiches Gedächtnis nachgesagt, doch in Ton verewigen wollte ich diese Tiere bisher nie.

Mir fehlte der Bezug – der Aufhänger. Klar, als Keramikerin ist man sofort bei „der Elefant im Porzellanladen“ (hihi) aber… näh.

Bis mir dann die Bezeichnung „der Elefant im Raum“ begenete. Keine Ahnung mehr, wo. Ist auch egal.

Die Metapher kommt wohl aus dem Russischen und ist über den englischsprachigen Raum zu uns gekommen. „Der Elefant im Raum“ bezeichnet ein offensichtliches Problem oder Thema, das zwar im Raum steht, das aber trotzdem von den Anwesenden nicht angesprochen wird.

So weit, so gut. Diese Formulierung hat die letzten Jahre einen tiefen Elefantenschlaf in meinem Unterbewusstsein gehalten und ist vor ein paar Wochen wieder an die Oberfläche gekommen, wie ein Elefantenrüssel, der… ah, jetzt wird’s schon arg schräg und bemüht mit den Formulierungen.

Offensichtliche Dinge oder Probleme, die wir nicht ansprechen. Da gab’s in letzter Zeit in meinem Umfeld so einiges. Und ich werde jetzt nicht verraten, was, denn es gibt Gründe, warum ich den Elefanten im Raum ignoriert habe. Meinstens, um niemand anderen zu verletzen. Manchmal, um nicht als blöde Meckerziege dazustehen oder um nicht als Klugscheißerin zu gelten.

Es hat sich also etwas aufgestaut – und es musste raus. Rein in den Ton.

Nicht ganz so groß, wie nötig. Dafür so groß wie möglich. Anzusehen sind zwei davon vom 26.Ausgust bis 04.September 2022 bei der Jahresausstellung der Gruppe Kunst. Und ja, ich weiß… sprechen wir nicht drüber, bitte.

Es geht nach oben

Wo zum Kuckuck ist sie, wo es so dermaßen heiß ist?

In meiner Werkstatt im niederbayrischen Kelheim – wo sonst? Und das ist auch nicht die Raumpemperatur, sondern die Temperatur in meinem Brennofen, während er sich gemächlich auf über 1200 Grad hochschuckert. Aber ihr wart vielleicht doch kurz bei dem Gedanken, dass diese Temperaturanzeige etwas mit dem heißen Sommer zu tun haben könnte, oder? Hat sie auch – nur irgendwie anders.

Es ist heiß – wem muss ich das erzählen. Und allen Klimawandelleugnern und „Früher war es auch schon warm“-Fuzzis sei gesagt: Wenn ihr euch nicht anständig informieren wollt, kann ich euch auch nicht mehr helfen. Fakt ist: Der Klimawandel ist real und extreme Hitzeperioden und Wasserknappheit werden sich häufen. Wir leben weit über unsere Verhältnisse, verbrauchen zu viel und… ach, kurz gesagt: Wir verkacken’s ordentlich.

Das alles wäre schon lange ein Grund, das eigene Verhalten zu ändern. Sich einzuschränken. Zu sparen. Aber wenn wir ehrlich sind: Naja, er ist halt nicht greifbar, dieser Klimawandel. Also nicht für uns satte Mitteleuropäer zumindest.

Wir reagieren erst, wenn wir die Konsequenzen unseres Handelns zu spüren bekommen. Wenn zum Beispiel aufgrund eines Krieges unsere Energiekosten explodieren, oder aufgrund der Dürre die Lebensmittelpreise steigen, oder aufgrund der Inflation alles teurer wird, oder aufgrund von Alldemscheißdreckzusammen wir unseren Status Quo nicht mehr werden halten können.

Von allen Seiten kommen jetzt die Spartipps. Und ich finde, das ist auch richtig so. Ich finde, wir hätten uns schon viel eher damit beschäftigen können, wie wir Energie einsparen können, wie wir weniger Benzin verbrauchen, oder wie wir insgesamt ressourcenschonender leben können.

Da nehme ich mich nicht aus. Bei mir waren beispielsweise bisher die Schaufenster bis spät in die Nacht noch hell erleuchtet und der Brennofen in meiner Werkstatt lief eben, wann er laufen musste – zur Not auch halb leer. Ja, der Brennofen mit seinem Starkstromanschluss und seiner verschwenderischen Leistung von 13,5kW ist jetzt so etwas wie mein Energiesorgenkind.

Im Ernst: Ich weiß nicht, wo das alles noch hinführt. Kann sein, dass ich den Preis für das Luxusprodukt „handgemachte Keramik“ anheben muss, um weitermachen zu können. Kann auch sein, das die Kunden dann entscheiden, dass sie beim Luxusprodukt „handgemachte Keramik“ noch Einsparpotenzial haben. Kann sein, dass ich dann durchs Raster falle.

Aber noch stehe ich. Und heize den Ofen hoch. 1240 Grad und es wird noch heißer…

Die Krise

Nein, es geht nicht um Gas, nicht um Geld und nicht um Politik. Es geht um ein seltsames Gefühl, das mit Midlife-Crisis beschrieben werden könnte, es aber auf keinen Fall wird, weil das ja hieße man wäre alt und schwach und lächerlich.

Ich bin nicht alt und schwach und vielleicht höchstens ab und zu mal lächerlich. Und trotzdem… ich glaub‘ ich hab die Krise.

Ausgelöst durch den Umstand, dass mein großes Kind mit dem Abitur fertig ist – just in dem Jahr in dem mein Abiturjahrgang sich zum 25.Jubiläum trifft. Für beide Ereignisse brauchte es Vorbereitungen. Wie ich feststellen musste, Vorbereitungen, die sich ähneln. Da ging es um Abistreiche, Abifeiern, Abizeitungen – immer verglichen und abgeglichen mit meinen Erinnerungen. Jeder zweite Satz zu meinem Kind begann mit „also wir hatten ja damals…“, abschließend garniert mit einer Anekdote von vor 25 Jahren. Dass das kein Spaß ist, weiß ich selbst. Denn innerlich kann ich über mein Verhalten nur den Kopf schütteln. Warum mache ich das? Was soll das? Ich klinge wie in der Midlife-Crisis! Bäm, da ist es, das schlimme Wort.

Ein Wort, das auch bei meinem Klassentreffen am vergangenen Wochenende niemand in den Mund nehmen wollte. Wir doch nicht. Wir aber mal wirklich nicht. Wir sind jung und dynamisch und… begannen aber trotzdem jeden zweiten Satz mit „Weißt du noch?“

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, meine ehemaligen Mitschüler*innen zum Thema „Midlife-Crisis“ auszuquetschen – aber ehrlich, ich hab’s vor lauter Spaß total vergessen. (Ehrlich, es war mir wiedermal ein Fest, Leute!)

„Ist es nicht erstaunlich, dass ich mich nicht an den Titel des Buchs erinnern kann, das ich gerade lese – aber die Theatertexte aus der 12. Klasse noch fehlerfrei herunterzitieren kann?“ – hörte ich mich meine ehemaligen Klassenkamerad*innen fragen. „In dieser Zeit, in diesem Alter wirst du halt geprägt“, kam die Antwort.

Na gut, es gibt auch einige Dinge, an die ich mich lieber nicht erinnern will. Denn eigentlich war mir in dieser Zeit so ziemlich alles peinlich. Also alles. Ich war jung und ignorant und lächerlich. Und – ich hatte die Krise. Das zumindest geht aus dem Artikel hervor, der über mich in meiner alten Abizeitung steht. (Vielen Dank auch, Grasi!)

Kuck an. Hat sich nicht so viel verändert – und doch alles.

Aber was ich eigentlich sagen will:

Damals – vor 25 Jahren, als Chrisu-die-Krise, jung, ignorant, lächerlich – hatte ich eine wirklich gute Zeit.

Warum sollte das jetzt – als Christine-die-Midlife-Crisis, (gar nicht mal so) alt, (gar nicht mal so) schwach, (vielleicht ab und zu) lächerlich – nicht auch so sein?

Was ist, wenn wir uns diese Zeiten in unserem Leben, in denen sich vieles verändert, nur immer schlecht reden, weil wir Angst vor der Lächerlichkeit haben – es aber genau diese schrägen Momente sind, an die wir uns später gerne erinnern? Ich will das mal so sehen wollen.

Denn dann hab ich sie jetzt eben – die Krise! Mit allem, was dazugehört. Yoga, VHS-Kurse und Selbstfindung beim Töpfern. Halt nein, das ist ja mein Beruf…

Viele Reden, kurzer Sinn

Eine Schulaula, voll besetzt. Technische Probleme mit dem Mikrofon. Hektisches Fotografieren der Eltern – entgegen aller vorheringen Hinweise, das bitte zu unterlassen. Grußworte. Reden. Zeugnisübergabe. Applaus.

Darauf lassen sich die meisten Schulabschlussfeiern herunterbrechen, denke ich. Und es sind überwiegend auch eher langweilige Veranstaltungen. Doch das fällt zum Glück nicht auf, weil die Gäste so aufgeregt sind, dass es eh wurscht ist. Der Sohn, die Tochter, man selbst hat das Abitur (die Mittlere Reife, den Quali, wasauchimmer) geschafft! Der Rest ist Nebensache. Und so erwartet man sich auch nicht recht viel von den Grußworten und den Festreden.

Eine kleine Auswahl aus der Abiturientenverabschiedung meines Kindes:

„Sie sind die Elite Deutschlands“

„Jetzt beginnt eine aufregende Zeit.“

„Schön war’s.“

„Freunde gefunden… gelernt… gelacht… sich auch mal geärgert… aber trotzdem…“

„Bildung ist nicht gleich Wissen.“ (anscheinend das neue „nicht für die Schule lernen wir…“)

„Vielen Dank an alle, die uns auf unserem Weg begleitet haben.“

„Besuchen Sie Ihre alte Schule vielleicht mal wieder. Wir würden uns freuen.“

„Feiern S‘ g’scheit!“

Und dann mittendrin zwei Formulierungen aus zwei unterschiedlichen Reden, die trotz der ganzen Stolzhormone zu mir durchgedrungen sind:

Die erste (sinngemäß): „Und denken Sie dran, Sie müssen nicht studieren. Ziehen Sie ruhig auch einen handwerklichen Beruf in Betracht.“

Die zweite: „The Road Not Taken von Robert Frost ist eines der wohl am häufigsten fehlinterpretierten Gedichte.“ Konkret ging es um diesen letzten Absatz:

(von http://www.poetryfoundation.org
Übersetzt von Paul Celan:
Dies alles sage ich, mit einem Ach darin, dereinst
und irgendwo nach Jahr und Jahr und Jahr:
Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander,
und ich – ich schlug den einen ein, den weniger begangnen,
und dieses war der ganze Unterschied.

von denkzeiten.com)

Der wohl häufig so interpretiert wird, dass der weniger ausgetretene Weg, der bessere sei und… blabla… dingenskirchen… stimmt das wohl nicht.

In meinem Kopf vermischen sich diese beiden Formulierungen und nerven mich mit der Frage, welche Wege ich in meinem Leben genommen habe und welche ich meinen Kindern empfehlen würde.

Als unstudierte Handwerkerin mit durchaus gutem Abitur würde ich aus meiner Erfahrung heraus meinem Kind raten: NEIN! Zieh erstmal keinen handwerklichen Beruf in Betracht. Wenn du kannst, studiere! Studiere was auch immer. Aber studiere. Ich weiß, das ist eine ziemlich unpopuläre Einstellung und klingt nach Eislaufmutti mit unverwirklichten Träumen. Ja, stimmt schon irgendwie. Tatsache ist aber: Ich habe mich nach dem Abitur für einen handwerklichen Beruf entschieden (den ich wirklich wirklich mag! Ehrlich!) und habe den Weg betreten „that has made all the difference“. Einen Weg zurück zum Studium gab es nicht mehr. Und das hat mich in meinen beruflichen Ambitionen schon so oft ausgebremst, dass ich es gar nicht mehr zählen kann.

So kann man zum Beispiel als ausgebildete Rundfunkredakteurin beim Bayrischen Rundfunk nur einen Redakteurs-Job ergattern, wenn man studiert hat. Egal was! Wirklich und ehrlich wahr: EGAL WAS! (Und um einem das zu sagen, lassen sie einen extra in München antanzen)

So kann man als Quereinsteigerin an einer staatlichen Schule nur unterrichten, wenn man studiert hat. Nicht unbedingt Pädagogik, aber halt was anderes.

So bringt einem die Zusatzausbildung zur Theaterpädagogin nur wirklich was, wenn man schon mal ein paar Semester (vorzugsweise) Pädagogik studiert hat.

Und das ist nur ein kleiner Teil meiner Erfahrungen. Und die möchte ich meinem Kind ersparen. Deshalb: Wenn du kannst, Kind, studiere. Uns wenn’s dir keinen Spaß macht, kannst du immer noch töpfern.

Wobei auch dafür eine Stelle im Gedicht steht:

(von Paul Celan übersetzt mit:
Doch wissend, wie’s mit Wegen ist, wie Weg zu Weg führt,
erschien mir zweifelhaft, daß ich je wiederkommen würde.

von denkzeiten.com)

Will sagen (wenn ich es nicht falsch interpretiere): So einfach ist das nicht, mit den Entscheidungen. Denn sind sie mal getroffen, gibt es kein Zurück.

So ist das eben im Leben und das ist die meiste Zeit auch ganz okay so. Aber es fällt uns besonders in den Momenten auf, in denen wir andere Menschen sehen, die alle diese Entscheidungen noch vor sich haben. Bei Schulabschlussfeiern zum Beispiel. In vollen Schulaulen, mit quietschenden Rückkopplungen und gezückten Handykameras liegen sie in der Luft – diese Möglichkeiten!

Alles sauber

Vor Kurzem hatte ich einen kleinen Ausflipper auf facebook.

Ich hatte das Gefühl, die Hausarbeit wächst mir über den Kopf, die Termine sind zu viel und sowieso bin ich total überfordert – mit allem.

„Schreib dir doch einen Essensplan“, kam der Ratschlag. Ein guter Ratschlag. Sofort habe ich mich hingesetzt und geplant. Denn das mache ich mittlerweile in vielen Bereichen. In der Werkstatt (was töpfere ich heute?), in der Schule (was töpfern die Kinder heute?), in Sachen Fitness (wie hoch hüpfe ich heute?), sogar was den Haushalt angeht hab ich mir die Hilfe einer Instagramseite namens „ordnungnebenbei“ geholt. Letztere schreibt mir einen Wochenplan mit Aufgaben wie: „Lichtschalter putzen“ oder „eine Badschublade ausmisten“ oder „Winterkleidung verräumen“. Eine super Sache ist das mit diesen Plänen. Endlich sind die kaputten, rosaroten Haarklammern von vor 12 Jahren da, wo sie hingehören – im Mülleimer.

Und so zerteile ich meine Tage in dafür vorgesehene, supereffektive Zeiteinheiten. 20 Minuten hier putzen, 45 Minuten da einkaufen, eine halbe Stunde im Garten, 40 Minuten Sport, 45 Minuten Mittagspause, 60 Minuten Internet (haha, das ist gelogen!), mittwochs bügeln, freitags fernsehen. Das macht unser Haus sauber(er zumindest), den Garten passierbar und meinen Körper definiert.

Wenn dann noch Zeit übrig ist, dann – so der Plan – mache ich das, was ich am besten kann. Würde ich diese Zeit in den Terminplaner eintragen, stünde da „kreativ sein“. Und, was soll ich sagen, das funktioniert ja mal GAR NICHT.

Denn während ich versuche, meine alltägliche Überforderung mit Plänen in den Griff zu kriegen, lässt sich meine kreative, gedankliche Überforderung überhaupt nicht ordnen. Im Gegenteil. Je mehr ich meinen Alltag strukturiere, desto wütender wird das Chaos in meinem Kopf. Ich will alles machen und alles gleichzeitig und alles sofort. Ich will schreiben und töpfern und – oh bitte – Theater spielen! Malen vielleicht noch. Linolschnitt sowieso.

„Und dann auch mal nichts tun und vor sich hinschauen“, soll Astrid Lindgren gesagt haben. Das auch noch. Wann soll ich das denn noch machen? Vor dem Lichtschalter putzen oder danach?

Ich male mir Mindmaps – denn es ist ja nicht so, als würde ich die Kniffe nicht kennen.

Aber auch das bringt keine Zeile aufs Papier und kein Dekor auf meine Keramik. Und so mache ich weiter das, was ich schon immer gemacht habe. Ich wurschtle. Ich wurschtle mich durch. Aber wenigstens mit sauberen Lichtschaltern.

Große Gefühle gesucht

„Das mit dem Glauben ist so eine Sache, manchmal packt einen Ostern an, manchmal nicht.“

Das schrieb Astrid vergangenes Ostern in meine Kommentare. Ich habe mir die Reaktionen auf meinen Blogeintrag „Instant Ostergefühl“ nochmal durchgelesen, weil ich auf der Suche bin. Auf der Suche nach Ostern. Wieder einmal.

Astrids Satz entlockte mir ein geseufztes: „Nein, auch heuer packt es mich nicht an.“

Und gleich darauf ein: „Stimmt doch gar nicht.“

Es packt mich doch an. Weil ich merke, wie ich um mein Ostergefühl kämpfen muss. Wie schwierig es ist, Ostern zu feiern. Wie kann ich an einem Tisch sitzen und (immer noch veganen) Osterzopf essen, dem selbstgebackenen Osterlamm den Hintern abschneiden, die Worte des Papstes aus dem Fernseher scheppern hören, wenn ich gleichzeitig weiß, dass das niemandem in meinem nahen Umfeld etwas bedeutet? Nichtmal mir? Es ist nur Hefeteig, lammförmiger Kuchen und ein alter Mann in einem Kleid. Die Bibel: Nur ein Märchenbuch.

Ob es mich heuer in einen Gottesdienst zieht? Eher nicht. Zuviel Aufwand und dann auch immer noch Pandemie und Krieg, die Kirche im allgemeinen und alles andere auch. Kann sein, dass ich einfach zu faul bin. Ich will nicht um mein Ostergefühl ringen müssen. Ich will, dass es einfach ist. Ich sehne mich nach Einfachheit und Neuanfang.
Und meine Sehnsucht treibt mich in eine Kirche. Einfachheit. Hier muss sie sein. Wenn ich unter den Augen des Gekreuzigten keine Ostergefühle entwickle, wann und wo dann?

Kreuzwegstation zwölf in der Pfarrkirche Sankt Jakobus Kelheimwinzer


„Ostern ist nicht immer gleich der tolle Neubeginn, oft schneits mehr als an Weihnachten, die Passion ist gerade erst zwei Tage her, das muss man erst mal verdauen, da kann man sich nicht gleich losfreuen. Zumal, wenn es vielleicht gar nichts zum Freuen gibt“, schreibt Astrid weiter.

Vielleicht erwarte ich mir einfach zu viel von Ostern. Aber andererseits: Das wichtigste Fest einer Weltreligion, einer Weltreligion deren Teil ich bin – das ist doch eine große Nummer. Die kann ich doch nicht einfach so runterschrauben. Ich will nicht die Nummer kleiner! Ich will die ganz große Nummer. Und Weltfrieden, verdammt!

Heuer gibt es wohl beides nicht. Aber ich kann um beides kämpfen. Um Ostern und Frieden.

Und dann entdeckte ich das hier – auf meiner Suche nach Ostern, in einer Kirchenbank unter den Augen von Station zwölf des Kreuzwegs. In einem Gotteslob:

Na dann,

Let love rule

und irgendwie frohe Ostern.

Versteckte Botschaft

Ich schwöre, vor einem Jahr waren die noch nicht da!

Vor unserem Haus wachsen Tulpen.

Ja, das ist jetzt auf den ersten Blick nicht soo verwunderlich, ich weiß. Aber wenn man die Geschichte dazu kennt, dann irgendwie doch.

Vor etwas mehr als 16 Jahren, als wir in unser Häuschen zogen, schaute ich eines Morgens aus dem Fenster und entdeckte meinen Schwiegervater im Vorgarten. Er kniete auf dem Boden und wühlte in der Erde. Mit der Präzision eines Metallbauers setzte er nach einem sehr symmetrischen Plan und einem ausgeklügelten Farbkonzept Blumenzwiebeln. Es sollte eine Überraschung für mich sein. Eine Freude für unsere kleine Familie. Denn unser Garten sah bis dato so aus, wie Gärten von frisch sanierten alten Einfamilienhäusern eben aussehen – nach einer Mischung aus Urwald und Mondlandschaft.

Sein Konzept ging auf und im folgenden Frühjahr erblühten Tulpen und Narzissen in allen Farben. Die Nachbarschaft beneidete uns und ich musste immer wieder lächeln, weil die Symmetrie meinem Schwiegervater so entsprach.

Im Laufe der Zeit sprossen aber aus den Blumenziwebeln nur noch ganz vereinzelt Tulpen und Narzissen. Als mein Schwiegervater vor einigen Jahren starb, waren es vielleicht noch vier oder fünf Blumen pro Frühjahr.

Nun hatten wir 2020 einen weiteren Umbau. Die Fassade und das Dach wurden neu gemacht, der Kran, das Gerüst und die Pflasterarbeiten vernichteten unseren Vorgarten gründlich. Alles nur noch ein Haufen steinige Erde. Wir pflanzten im vergangenen Frühjahr eine Blumenwiese drauf. Das war unüberlegt – aber das ist eine andere Geschichte. Tulpen sah ich zu der Zeit keine einzige mehr.

Bis vor einigen Wochen. Auf einem sehr unsymmetrischen Fleckchen wachsen derzeit wild ein paar weiße und rote Tulpen. Keine Ahnung, wie das herging. Botaniker hätten vielleicht eine Antwort. Aber ich leite mir das lieber anders her:

Ich möchte gerne daran glauben, dass Menschen, die uns in ihrem Leben mit Liebe betrachtet haben, das auch nach ihrem Tod tun. Manchmal höre ich ein Lied und bilde mir ein, dass meine Schwester mir das geschickt hat – genau zum richtigen Zeitpunkt. Und mit diesen Blumen… mir ist, als hätte sie mir mein Schwiegervater geschickt. Um mir etwas zu sagen. Keine Ahnung was. Es kann nichts mit Ostern zu tun haben. Mein Schwiegervater war vieles – aber auf gar keinen Fall religiös.

Aber vielleicht schickt er mir Hoffnung. Ein bisschen Zuversicht zum dritten Ostern in Pandemiezeiten, in einer kriegerischen Welt am Rande des Abgrunds.

Ich weiß – da ist viel Platz für Interpretationen. Aber lasst mir meine. Oder teilt sie mit mir. Was anderes ist nicht drin. Nichts anderes als Hoffnung. Und nichts geringeres.

Weltschmerz an Linsen

Da stehe ich also im Biomarkt vor dem Regal mit den Hülsenfrüchten und freue mich. Endlich! Endlich gibt’s Linsen im Mehrweg-Pfandglas. Jahrelang bin ich meinem Umfeld in den Ohren gelegen mit der Idee, einfach für ALLE Lebensmittel statt Plastikverpackungen, Mehrweg-Pfandgläser zu nehmen. Anscheinend hatte da jemand (in meine Fall diese Leute hier) die gleiche Idee und statt sein Umfeld damit vollzunölen, setzte dieser jemand das zu meinem Glück auch um.

Ich will schon zugreifen, da fällt mein Blick auf den Preis. Moment, waren Linsen schon immer so teuer? Also das ist schon happig – selbst ohne Pfand. Die in Plastik nebendran sind deutlich günstiger – obwohl ebenfalls Bio.

Und dann – unvermittelt – packt mich ein riesiger Weltschmerz im Genick und beugt sich zu mir herunter. „Wir werden das nie schaffen“, raunt er in mein Ohr und fügt hinzu: „Es wird alles den Bach runter gehen.“

Klar: Erst die Pandemie, dann die Inflation, jetzt auch noch Krieg. Das sind ja gleich 3 Dinge auf einmal… nein, vier! Denn die Klimakrise hat sich nicht in Luftsauerstoff aufgelöst. Sie ist noch da und geht nicht weg. Und wir waren schonmal weiter. Ja, dachte ich mir noch vor 2 Jahren, Umwelt- und Klimaschutz kostet. Kein Umweltschutz kostet mehr. Also griff ich auch mal beherzt zu überteuerten Unverpacktprodukten und klugscheißerte herum, dass Benzin ja viel zu günstig sei. Erdgas hatte ich ehrlicherweise nicht so auf dem Schirm. Da müssen wir raus, wusste ich. Aber wie? Egal. Koste es, was es wolle.

Jetzt zögere ich, nach den teuren Linsen zu greifen. „Die Inflation wird dir all dein Geld nehmen“, flüstert der Weltschmerz. „Dann ist es wohl besser, ich hau jetzt gleich alles auf den Kopf“, antworte ich. Aber es klingt zynisch.

In der Ukraine sitzen Menschen in Kellern, ohne Strom und Wasser – alles was sie haben ist Angst. Diese Menschen standen vielleicht vor ein paar Monaten auch vor einem Regal mit Linsen und griffen zu, ohne auf den Preis zu achten. Im Glauben, dass ihre Welt für immer so bleibt, wie sie ist. Jetzt ist ihre Welt ganz anders. Zerstört. Und bei uns? Wir hamstern Mehl und Salatöl und (warum, verd…. nochmal, warum auch immer) wieder Klopapier. Hauptsache in der Krise nen sauberen Arsch, oder so.

„Plastik kann man schließlich gut recyclen“, lüge ich mir in die Tasche und greife nach den günstigeren Linsen. „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“, ergänze ich und klinge wie meine Oma, die im Gegensatz zu mir sehrwohl wusste, was Not ist. Aber ich weiß nicht, welche Not kommen wird. Oder ich ahne es und kann mir aber nicht vorstellen, wie es wirklich sein könnte.

Am Abend desselben Tages buche ich übrigens eine langersehnte Urlaubsreise.

Ja, mit dem Flieger. Ja, trotz Pandemie. Trotz Inflation. Trotz Krieg, Trotz Klimakrise.

Und nein, ich habe nicht ausgerechnet, wieviel Linsen im Pfandglas ich dafür kaufen könnte.

Mein Weltschmerz rollt sich vor Lachen auf dem Boden. „Es wird alles den Bach runter gehen“, murmle ich und koche Linsen.