Instant Ostergefühl

Eine Freundin schickt mir ein Bild mit einem selbstgefärbten Osterei und fragt: „Und? Schon in Osterstimmung?“

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist 20210402_161231.jpg.

– „Naaaah“, denke ich nach kurzem Überlegen. Wirklich nicht. Wieder nicht. Meine Kinder sind in einem Alter in dem sie Glaube und Kirche als lächerlich empfinden. Oder einfach nur als unwichtig und/oder langweilig. Mein Mann war da eh immer ziemlich locker. Außerdem fällt das traditionelle Osterfrühstück in unserem teils veganen Haushalt diesmal irgendwie flach. Genauso wie die Osteressen bei der Verwandtschaft. Und Gottesdienste zu Ostern? Ich bin mir nichtmal sicher, ob ich ohne Corona in die Ostermesse gehen würde. Da hat die Kirche einfach zuviel verbockt (und verbockt noch immer) – sogar für meine Begriffe.

Diese Art der Osterstimmung habe ich also nicht. Ich warte auch nicht auf sie. Ich weiß aber, dass mich eine andere Osterstimmung begleitet. Sie schlummert in mir und ich möchte euch davon erzählen:

Die Christkönigskirche in meinem Heimatort Saal an der Donau im März 2004. Etwa 20 Menschen lehnen an der Wand hinter dem Altar. Über ihnen das riesige Wandbild eines auferstandenen Jesus Christus. Und vor ihnen die leere Bühne der Passionsspiele. Die Aufführung ist zuende, der Chor singt (so gut er eben kann – ganz freundlich ausgedrückt) „Sei gegrüßt Herr Jesu“ und die Spieler*Innen stehen da, schauen vor sich hin, lächeln, weinen. Es gibt keinen Applaus. Nur dieses Lied.

Ich lehne ebenfalls an dieser Wand. Neben mir Jesus, Maria Magdalena, Judas – gespielt von meinem Papa, Petrus und so viele andere. Ich bin Veronika (die mit dem Schweißtuch, ihr wisst schon) und ich gehöre zu denjenigen, die weinen. Ich befinde mich in einem emotionalen Ausnahmezustand. Wenige Wochen zuvor ist mein erstes Kind zur Welt gekommen. Zehn Tage nach diesem wohl einschneidensten Erlebnis meines Lebens hat meine Schwester den Kampf gegen den Krebs verloren. Leben und Tod – alles innerhalb weniger Tage. In meiner Erinnerung ist es ein nebeliger Brei aus Anstrengung, Liebe und Tränen. Mittenreinverflochten sind diese Passionsspiele, von denen ich immer noch nicht weiß, ob sie mich einfach nur überfordert oder irgendwie gerettet haben.

Passionsspiele sind ja aus der Sicht eines Theatermenschen eine schwierige Sache. Wie der „Brandner Kaspar“, nur schlimmer. Der Text ist Bibeltext – von Generationen von uninspirierten Priestern emotionslos vorgetragen und im Kopf eines jeden Kirchgängers verankert als geleierte Pflichtübung. Die Rollen sind ohne Tiefgang. Sie entwickeln sich kaum. Vor allem nicht die zahllosen Randfiguren – und die beginnen schon beim „Lieblingsjünger“ Johannes. Wir versuchen, diese millionenfach heruntergebetete Geschichte zum Leben zu erwecken. Es ist vielleicht (oder mit Sicherheit!) nicht das beste Theater, aber ein paar Momente lang haben wir die Zuschauer im Sack. Etwa wenn Jesus im Tempel ausflippt, wenn er am Ölberg darum bittet, verschont zu bleiben, wenn Judas an seiner Schuld verzweifelt (ich bin vielleicht befangen, aber… Wahnsinn!), oder bis ins Mark gehende Hammerschläge in der Kreuzigungsszene durch das Kirchenschiff hallen. Wumm! Wumm! Wumm!

Von meinem Platz aus kann ich sehen, dass da nur ein Techniker mit einem Hammer auf ein Stück Holz schlägt. Trotzdem jagt es mir Schauer über den Rücken. Und obwohl ich die meiste Zeit der Kreuzigungsszene nur hoffe, dass uns unser Jesus nicht vom Kreuz auf den harten Kirchenboden kippt, schaudert mich bei dem verzweifelten „Eli, Eli, lema sabachtani?“ (Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?).

Diese Momente sind mein Ostern. Seit 17 Jahren. Und ich kann sie jederzeit wieder hervorholen. Oder sie holen mich. Wann immer ich die Leidensgeschichte höre, wann immer irgendwo auch nur ein Ton des Schlussliedes erklingt, wann immer ein Priester in der Kirche sagt: „Fürchtet euch nicht“ – für mich ist das Ostern. Meine Osterstimmung. Leben und Tod, Tod und Leben. Eine kalte Kirchenwand im Rücken, das Bild des auferstandenen Jesus über mir, die Worte „Seht, ich bin bei euch – alle Tage bis zum Ende der Welt“ im Ohr.

Vielleicht ist für euch Ostern etwas ganz anderes. Vielleicht ist es lächerlich oder egal. Vielleicht ist es ein Osterfrühstück mit der Familie – was auch immer. Das geht für mich vollkommen klar. Für mich ist es das:

Leben und Tod, Tod und Leben. Der Sieg der Liebe über den Tod. Die Gewissheit, dass Liebe immer stärker ist. Immer.

Frohe Ostern.