Große Gefühle gesucht

„Das mit dem Glauben ist so eine Sache, manchmal packt einen Ostern an, manchmal nicht.“

Das schrieb Astrid vergangenes Ostern in meine Kommentare. Ich habe mir die Reaktionen auf meinen Blogeintrag „Instant Ostergefühl“ nochmal durchgelesen, weil ich auf der Suche bin. Auf der Suche nach Ostern. Wieder einmal.

Astrids Satz entlockte mir ein geseufztes: „Nein, auch heuer packt es mich nicht an.“

Und gleich darauf ein: „Stimmt doch gar nicht.“

Es packt mich doch an. Weil ich merke, wie ich um mein Ostergefühl kämpfen muss. Wie schwierig es ist, Ostern zu feiern. Wie kann ich an einem Tisch sitzen und (immer noch veganen) Osterzopf essen, dem selbstgebackenen Osterlamm den Hintern abschneiden, die Worte des Papstes aus dem Fernseher scheppern hören, wenn ich gleichzeitig weiß, dass das niemandem in meinem nahen Umfeld etwas bedeutet? Nichtmal mir? Es ist nur Hefeteig, lammförmiger Kuchen und ein alter Mann in einem Kleid. Die Bibel: Nur ein Märchenbuch.

Ob es mich heuer in einen Gottesdienst zieht? Eher nicht. Zuviel Aufwand und dann auch immer noch Pandemie und Krieg, die Kirche im allgemeinen und alles andere auch. Kann sein, dass ich einfach zu faul bin. Ich will nicht um mein Ostergefühl ringen müssen. Ich will, dass es einfach ist. Ich sehne mich nach Einfachheit und Neuanfang.
Und meine Sehnsucht treibt mich in eine Kirche. Einfachheit. Hier muss sie sein. Wenn ich unter den Augen des Gekreuzigten keine Ostergefühle entwickle, wann und wo dann?

Kreuzwegstation zwölf in der Pfarrkirche Sankt Jakobus Kelheimwinzer


„Ostern ist nicht immer gleich der tolle Neubeginn, oft schneits mehr als an Weihnachten, die Passion ist gerade erst zwei Tage her, das muss man erst mal verdauen, da kann man sich nicht gleich losfreuen. Zumal, wenn es vielleicht gar nichts zum Freuen gibt“, schreibt Astrid weiter.

Vielleicht erwarte ich mir einfach zu viel von Ostern. Aber andererseits: Das wichtigste Fest einer Weltreligion, einer Weltreligion deren Teil ich bin – das ist doch eine große Nummer. Die kann ich doch nicht einfach so runterschrauben. Ich will nicht die Nummer kleiner! Ich will die ganz große Nummer. Und Weltfrieden, verdammt!

Heuer gibt es wohl beides nicht. Aber ich kann um beides kämpfen. Um Ostern und Frieden.

Und dann entdeckte ich das hier – auf meiner Suche nach Ostern, in einer Kirchenbank unter den Augen von Station zwölf des Kreuzwegs. In einem Gotteslob:

Na dann,

Let love rule

und irgendwie frohe Ostern.

Behütet

God bless you

Ein ehemaliger Bekannter von mir sagte das immer, wenn er sich verabschiedete oder sich für etwas bedankte. Thank you – God bless you. Goodbye – God bless you. Ich fand  und finde es nach wie vor ganz und gar wunderbar. Auch wenn er es für ihn nur eine Floskel gewesen sein sollte – für mich fühlte es sich gut an. Da wünscht mir einer Gottes Segen. Einfach so. Ohne Kirche, ohne Pfarrer, ohne Ostern. Ein kleiner Segen für zwischendurch sozusagen.

Wir hier im aufgeklärten und traditionell wenig gefülsduseligen Niederbayern würden so etwas heutzutage nicht mehr machen, dachte ich. Uns gegenseitig einfach so Gottes Segen wünschen. Da musste schon einer kommen, dessen Muttersprache nicht aus niederbayrischen Grunzlauten besteht. Aber da habe ich mich getäuscht. Das gibt es bei uns auch. Genuschelt und verkürzt – aber es ist da.

Ein „Vergelt’s Gott“, wenn wir uns bedanken wollen heißt nichts anderes als „Gott soll es dir vergelten“. Und ein „Pfiadi“ zum Abschied ist nichts anderes als ein „Behüte dich Gott“. Wenn wir das sagen, meinen wir es mit Sicherheit auch nicht wirklich wörtlich – aber vielleicht sollten wir wieder.

An einem Ostern ohne Kirche und ohne Pfarrer.

(Ob und an wen ihr glaubt – mir ist es wie immer egal. Das hier kommt von Herzen:)

Es segne und behüte euch der allmächtige Gott

Der Vater, der auferstandene Sohn Jesus Christus und der Heilige Geist. Amen.

Frohe Ostern

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das ist doch echt kein Thema mehr

Bevor ihr weiterlest: Es ist mir völlig egal, wie ihr euch ernährt. Total. Fühlt euch frei zu essen, was auch immer ihr essen möchtet. Außer kleine Kinder – das würde ich dann doch eher nicht so gut finden. Aber im Endeffekt müsst ihr auch das für euch selbst entscheiden.

Ich habe für mich entschieden, dass ich versuchen möchte, vegetarisch zu leben. Und ich habe mir ehrlich nicht gedacht, dass das im Jahr 2019 überhaupt noch ein Thema ist. Ich habe Freunde, die sich vegetarisch oder vegan, gluten- laktose- oder zuckerfrei ernähren – wahrscheinlich viel mehr als ich weiß. Denn ich frage nicht jeden nach seinen Essgewohnheiten. Es ist also echt kein Aufreger mehr – dachte ich.

„Woran erkennst du einen Vegetarier? – Ganz einfach, er wird es dir erzählen“, lautet der gängige Spruch. Und ich habe das Klischee hiermit erfüllt. Tatsache ist, dass ich das aber gar nicht möchte. Nach 40 Tagen Fastenzeit ohne Fleisch, Fisch und Wurst habe ich ehrlich keinen Bock drauf zu sagen, dass ich mich als Vegetarierin versuche. Denn ich kann auf die dummen Sprüche (siehe oben) wirklich verzichten. Meine Freundin hatte mich vorab gewarnt: „Ständig wirst du blöd angeredet und muss dich rechtfertigen.“ „Kann ich mir nicht vorstellen“, habe ich geantwortet. Was soll ich sagen – sie hatte Recht. Wobei ich fairnesshalber auch sagen muss, dass ich schon massiv aufpassen muss, nicht vegetarisch-selbstgerecht zu werden. Ich sehe die Klippen und ich versuche sie zu umschiffen, so gut ich kann.

Margeriten

„Da! Frühstück!“

Es ist ein Krieg der Essreligionen. Und ich bin der Überläufer zu einer verfeindeten Splittergruppe. Und das Allerschlimmste: Ich versuche damit tatsächlich einer Überzeugung gerecht zu werden. Nachdem ich mich in einer Kabarettsendung zur Massentierhaltung so dermaßen wiedergefunden habe, dass ich mich vor dem Fernseher in Grund und Boden geschämt habe („…. aber sagen Sie, war das Schwein auch wirklich glücklich? Ich möchte nur Fleisch von glücklichen Tieren kaufen“), ist mir klar geworden: Du kannst nicht immer nur so öko daherreden. Du weißt, es geht besser – ohne viel Aufwand – dann mach es halt einfach. Basta. (Und wieder hier der Hinweis: Ich habe das für mich entschieden. Sonst nix. Und jaaaaa, ich weiß, dass „nur“ fleischlos auch nicht wirklich öko ist.)

Mein Mann mag kein Blaukraut. Mein Vater mag keinen Milchreis. Meine Kinder essen keinen Rosenkohl (die Liste wäre länger, würde aber das Thema total sprengen). Das geht für alle in Ordnung. Bei Familienessen oder im Restaurant ist das für niemanden ein Thema. Doch wenn ich in der Pizzeria eine „Vegetariana“ bestelle, kommt prompt ein: „Du bist aber keine Vegetarierin, oder?“ Als wäre das etwas höchst Unanständiges. Ja, hier in der Kleinstadt ist das wohl manchmal so (nur falls sich mitlesende Städter mittlerweile zum zwölften Mal fragen, wo denn verdammich nochmal das Problem ist). Die Speisekarten empfehlen hier für Vegetarier überwiegend „Käsespätzle“. Damit muss ich mich jetzt abfinden. Genauso, wie ich auf der Karte über das heißgeliebte Lendensteak hinweglesen muss. Ja, ich liebe Lendensteak mit Kräuterbutter. Ich wünschte, ich könnte sagen, ich mag kein Fleisch. Aber das stimmt nicht.

Vermutlich wäre das auch für mein Umfeld leichter. Dann müssten wir keinen heiligen Krieg führen. Und bevor ich rumlüge und sage, dass so eine Bolognesesoße einfach nicht nach meinem Geschmack ist, würde ich vorschlagen: Wir hören einfach auf mit dem Krieg. Ich esse, was ich esse und ihr esst, was ihr esst. Fleisch, kein Fleisch, nur Fleisch, mit Zucker, ohne Zucker, Laktosefructoseglucosewasauchimmer. Außer ihr wollt Kinder essen. Dann müssten wir vorher zumindest nochmal drüber reden. Peace.

 

24 – Ja, doch.

24

Mein Freund Mohamed und ich saßen im Auto und unterhielten uns über Gott. Über das, was passiert, wenn wir sündigen. Wir stellten fest: Ob wir nun „Allah“ sagen oder „Gott“, ob wir nun Katholiken sind oder Muslime – unser Gott ist ein strafender Gott. Das vermittelt uns unser Glaube. Da sträubte sich plötzlich etwas ganz grundsätzlich in mir. Gott – Vater – Strafe. Das passte nicht zu meinem Verständnis von Glauben.

„Mein Gott ist eher wie ein Freund“, beschrieb ich Mohamed meine Gedanken. Jesus und ich – wir können echt viel Gutes miteinander machen. Nächstenliebe, Barmherzigkeit – das habe ich von ihm gelernt. Aber manchmal, da läuft es einfach nicht. Da sind wir weit entfernt und haben überhaupt kein Verständnis füreinander. Ich könnte mich jederzeit aus der Freundschaft zurückziehen. Und ich tue es nicht. Weil ich weiß, dass man das bei solch wertvollen Freundschaften einfach nicht tut. Dann komme ich wieder und er rollt mit den Augen und nickt. Er kennt mich eben.

„Machst du es dir da nicht sehr einfach?“, fragte mich Mohamed. Ja. Ich mache es mir einfach. Und ich weiß nicht genau, ob ich es im Sinne der Kirche „richtig“ mache. Aber ich kann mit diesem Jesus ziemlich gut leben. Und darauf kommt es für mich auch an. Dass er ein Teil dieses Lebens ist, ein Teil des Netzes, das mich trägt.

Heute feiere ich seinen Geburtstag. Frohe Weihnachten!

 

1 Was ich kann, wenn ich gar nichts kann

Es gibt immer wieder Momente in meinem Leben, da fühle ich mich wie der letzte Depp. Da kann ich nichts. Nichts, was für mich von Belang wäre. Nicht töpfern, nicht schreiben, nicht Theater spielen – generell nicht kreativ sein. Da behandle ich meine Lieben nicht richtig, führe mich auf wie die Axt im Wald und – habe ich es schon erwähnt – bin natürlich fett, unfit und hässlich.

Dann. Immer dann denke ich an einen Satz, den meine Schwester mal zu mir gesagt hat. Es ist schon lange her. 15 Jahre, um genau zu sein (da macht sich mein Elefantengedächtnis mal nützlich). Es war Winter. Wir saßen am Küchentisch, meine sterbende Schwester und ich. Wir sprachen tatsächlich über ihren Tod. Und mittendrin sagt sie einfach so dahin: „Ach, mit dir ist es immer sofort gemütlich“.

Das ist der Satz. Der Satz, den ich mir vorsage, wenn nichts mehr geht. Wenn ich gar nichts kann – mit mir ist es immer sofort gemütlich – das kann ich. Dann weine ich ein wenig (wie jetzt gerade auch) und lasse es wieder aufwärts gehen.P1040379

Für meine Schwester hat dieser Satz gestimmt. Und sie hat ihn nicht gesagt, weil sie wollte, dass ich mich gut fühle. Es war eine einfache Feststellung. Und von der zehre ich.

Natürlich ist es besser (in einem idealen Universum), selbst zu wissen, dass man ein wertvoller Mensch ist, schon klar. Aber manchmal gibt es so Momente, da braucht man so einen Satz. Da muss einem ein anderer zeigen, dass man wertvoll ist. Einem den Spiegel vorhalten und zeigen, dass man schön ist.

Deswegen hier mein Adventskalender. Jeden Tag möchte ich euch Menschen vorstellen, die für andere aus den allerunterschiedlichsten Gründen wertvoll sind. Freunde.

Vielleicht kommt das heuer ein wenig unchristlich und unweihnachtlich daher. Aber hey, Nächstenliebe ist allemal drin.

Nummer 1: Ich hatte eine Freundin, die mir gezeigt hat, was ich kann. Ich hoffe, sie weiß, wie dankbar ich ihr dafür bin. Christine

kleinere Osterbrötchen

Ich befürchte, heuer bekomme ich Ostern nicht gebacken. Und dabei ist Ostern von den kirchlichen Feiertagen mein allerliebster. Ein triumphales Fest. Der Sieg der Liebe über den Tod. Ein Tag der tiefen Freude, (fast noch) ohne den ganzen Kommerzscheiß, der Weihnachten so verklebt. Ostern lässt – zugegeben, nicht zuletzt wegen der sagenhaften Dramaturgie – mein Herz aufgehen und mich wenigstens einmal im Jahr eine kleine christliche Flamme spüren, die sonst eher so versteckt vor sich hinglimmt.

Aber ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob das dieses Jahr wieder so klappt. Denn ich habe das Gefühl, abgestumpft zu sein. Taub von diesen negativen Geschehnissen in unserem Land, in unserer Welt. Dumpfer Weltschmerz. Mit Plastik vermüllte Meere, mit Abgasen verpestete Luft, gequälte Menschen, gequälte Tiere, Kolonialismus, Lobbyismus, Neoliberalismus, religiöser Fanatismus, Rassismus… Die Liste ist endlos und alles hängt irgendwie zusammen. Das ist zu viel für mich Einzelne. Ich mache mich taub. Manche würden vielleicht sagen, ich werde endlich erwachsen.

Ich höre mit schwindendem Interesse, wie unsere Regierenden – allen voran die aus den sogenannten christlichen Parteien – von Lagern reden, von Verschärfungen, von Polizisten mit Handgranaten. Ich sehe im Fernsehen, dass in den USA immer noch Kinder sterben, weil sich jeder dahergelaufene Vollpfosten eine Waffe kaufen darf und schüttle nur den Kopf. Ich lese im Internet wieder und wieder über ertrunkene Menschen im Mittelmeer und ertappe mich dabei, wie ich resigniert die Hände sinken lasse, weil ich mit meinen bescheidenen Mitteln ja doch nichts ändern kann.

Keine noch so hell leuchtende Osterflamme kann daran etwas ändern, oder? Oder doch? Geht es an Ostern nicht genau darum zu zeigen, dass das Licht immer stärker ist als die Dunkelheit?

Vielleicht ist es heuer bei mir nicht der große, pompöse Triumph der Liebe. Vielleicht muss ich kleinere Osterbrötchen backen. Ich versuche es mal mit einem Fünkchen Hoffnung. Hoffnung darauf, dass wir es vielleicht doch noch hinkriegen werden, wenn wir nur wollen. Und dass wir alle gemeinsam (wenn ich es schaffe diesen Funken überspringen zu lassen) doch ein loderndes, großes Osterfeuer daraus machen können.

Also ich mach mich jetzt auf die Suche nach diesem Funken. Wäre schön, wenn ihr mitkommt. Liebe ist immer stärker. Let love rule.

Osterblog 2018