Vase oder nicht Vase? – Vase.

„Hört endlich auf, Vasen zu töpfern!“ So oder so ähnlich lautete die Kernsaussage eines Artikels, den ich vor Jahren mal irgendwo gelesen habe (und von dem ich nicht dachte, dass ich ihn mal in meinem Blog zitieren würde – sonst hätte ich mir neben der Aussage auch den Link gemerkt). Der Autor des Artikels beschwerte sich darüber, wie langweilig es doch sei, dass sich Keramikkünstler ständig nur mit der Gestaltung von Gefäßen beschäftigten. Auf Ausstellungen sehe man kaum anderes als Vasen, Schalen und Töpfe. Uninnovativ, lahm, altbacken.

Ja, stimmt schon irgendwie. Als Keramikkünstler kannst du dich entscheiden zwischen Skulptur und Gefäß. Das war’s dann eigentlich schon. Also größtenteils. Und ja, Vasen sind alles andere als neu und niedagewesen. Ganz im Gegenteil. Das Gefäß ist der Ursprung der Keramik. Der Sinn. Die Daseinsberechtigung. Alles begann (schätzungsweise) doch damit, dass die Menschen entdeckten, dass eine bestimmte Erde sich erst formen lässt und dann im Feuer hart und unveräderlich wird. Bis zur Serienproduktion von Gefäßen war’s da dann nicht mehr weit hin. Und wenn man’s genau nimmt, hat sich eigentlich bis heute nicht so viel an der Töpferei verändert.

Ich glaube, das ist der Grund, warum so viele Keramikkünstler um die Vase nicht drumrum kommen. Weil sie etwas Wesentliches ist. Der Kern des Töpferwesens. Das mag nicht sehr innovativ sein. Vielleicht sogar altbacken. Aber es steckt in uns drin. Und von Zeit zu Zeit muss sich jeder Künstler damit auseinandersetzen, was in einem steckt. Gruppe Kunst 2017

So. ich hoffe, dieser Blogbeitrag taugt als Ausrede dafür, dass es sich bei meinem diesjährigen Beitrag zur Jahresuasstellung der Gruppe Kunst um Vasen handelt. Im Zweifel habe ich eben einfach nur mein innerstes Töpferwesen erforscht. Was ich gefunden habe, könnt ihr demnächt hier lesen – oder euch bei der Ausstellung selber nen Reim drauf machen.

Fahrraddilemma

Wann immer es im Sommer nicht regnet, stürmt, bewölkt oder zu heiß ist, bilde ich mir gerne ein, die geborene Fahrradfahrerin zu sein. Autofahren ist dann was für ignorante Weicheier – ich bin mit dem Radl da! Einkäufe erledigen? Zur Arbeit fahren? – mach ich mit dem linken Oberschenkelmuskel, Baby!

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Noch Parkplätze frei

Und dabei ist es noch so schön romantisch. Denn obwohl ich in Funktionsjacke und Radlhelm nicht so aussehe – in meiner Vorstellung wallt mein blumengeschmücktes Haar im Sommerwind und mein Hippiekleid flattert mir um die Beine (und gerät selbstverständlich weder in die Kette noch in die Speichen vom Hinterrad). Ach, es könnte alles so schön sein – wäre die Sportstadt Kelheim (das hab nicht ich erfunden, Leute!), die Heimat eines Vereins mit dem Namen Run&Bike, die so malerisch am Donauradweg liegt nicht eine Autofahrerstadt. Ja, so ist das.

 

Entnervtes Hupen hinter mir im Kreisverkehr (wo soll ich denn hin?), entwürdigende Regeln für linksabbiegende Radfahrer (absteigen und mit dem Rad zweimal an Fußgängerampeln auf Grün warten), oder mitten auf dem Radweg abgestellte Baustellenschilder sind nur ein paar Beispiele,

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Engstelle

wie meine Freude am schwungvollen Dahinradeln jeden Morgen abrupt ausgebremst wird. Ganz abgesehen davon natürlich, dass es nicht mal für Touristen einen bequemen Radweg mitten in die Innenstadt gibt (hier spricht aus mir die Ladenbesitzerin, die durchaus mal dezent darauf hinweisen will, dass es schon Möglichkeiten gäbe, potenzielle Käufer in die Stadt zu lotsen… nur mal dezent angemerkt).

Und während ich mein Rad pflichtbewusst (und nur für diesen Blogbeitrag) die Fußgängerbrücke hinaufschiebe, denke ich mit Wehmut an meinen Wochenendtrip nach Amsterdam – der Stadt, in der die Radfahrer das Sagen haben. Gut, es war stellenweise echt nicht lustig und für Fußgänger lebensgefährlich…

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Amsterdam

aber die Radlfahrer dort fahren mit einem Selbstverständnis, das beneidenswert ist. Breite Radwege, Vorfahrt – und es ist einfach total flach. Ginge nicht ein bisschen was davon auch hier in der niederbayrischen Kleinstadt? Breitere Radwege vielleicht, auf denen nicht alle paar Meter ein Auto parkt? Oder ordentliche Verbindungen in die Stadt? Abbiegespuren an Kreuzungen? Seufz…

Für die nachmittägliche Fahrt zur Arbeit nehme ich dann doch lieber das Auto. Ich muss Material transportieren und außerdem sieht es nach Regen aus (es ist auf alle Fälle total unumgänglich). Ich komme keine hundert Meter weit, da trete ich das erste Mal massiv auf die Bremse. Radfahrer vor mir. Rennradfahrer. In der Gruppe. In Fahrradpelle. Mitten auf der Straße. „Wozu gibt’s einen Radweg, ihr Idioten!“, schreie ich entnervt. Das geht nicht. Das geht echt nicht. Meine Stadt gehört den Autofahrern. Und so wird es immer sein.

 

Heldenzeit

Bestimmt habe ich es irgendwann bereits mal erwähnt: Rührseliges vorweihnachtliches Brimborium ist nicht mein Ding. Advent heißt für mich nicht (oder nicht nur), es sich mit pappigem Glühwein gemütlich zu machen und sich zu schnulzigen Coca-Cola-Weihnachtssongs ein Tränchen im Augenwinkel zu gönnen. Seit ich vor einigen Jahren an einem 1.Adventssonntag eine beeindruckende Predigt gehört habe, steht für mich fest:

Advent heißt Aufbruch.

Richte dich auf, bereite dich vor, werde Licht. Ein Licht für Andere. Klingt schwierig, ich weiß. Schließlich sind wir nicht Jesus und auch nicht Mutter Theresa.

Und doch gibt es sie: Helden. Menschen, die ein Licht sind für Andere. Diese Helden – große wie kleine – möchte ich diesen Dezember sammeln. Im Schaufenster meines Ladens steht ein Adventskalender. Den möchte ich gerne mit Geschichten und Bildern von Helden füllen. Aber weil ich das unmöglich alleine schaffen kann, brauche ich euch.

Bitte schickt mir eure Heldengeschichten. Hier in den Kommentaren, per Email, auf facebook, von mir aus auch per Post oder aufs Handy. Wer ist für euch ein Held und warum? Bei welchen Organisationen arbeiten Helden und wie können wir sie unterstützen? Und wann seid ihr selbst schonmal Held gewesen?

Schreibt mir! Schreibt, schreibt, schreibt. Auch wenn Weihnachtsgeschenke gekauft und Plätzchen gebacken werden müssen. Schreibt! Ich sammle eure Geschichten und fülle meinen Adventskalender damit. Das Ergebnis seht ihr dann auf facebook oder ganz analog in meinem Laden.

Für’s Erste – und um uns warmzulaufen – verratet mir doch, wer eure liebste fiktive Heldenfigur ist und warum. Ist es Spiderman? Lara Croft? Oder ein Charakter aus einem Roman? Ein Serienheld? Ein antiker Halbgott? Lasst es mich wissen (alle anderen Heldengeschichten, Links und Ideen nehme ich natürlich auch gerne jetzt schon entgegen.)

Ich freue mich auf einen Dezember voller Helden. Es ist Heldenzeit!

Wurst welche Semmel

Christkindlmarkt. Würstchenbude. Vier Uhr. Die Mama fragt Mann und Kinder nach den Essenswünschen. Luisa, 4, bestellt eine Bratwurstsemmel mit Ketchup. Der Papa bestellt für den eineinhalbjährigen Luca ebenfalls eine Bratwurstsemmel – die aber, nach kurzer, logischer Eingebung – ohne Ketchup. Und eine Steaksemmel für sich. Die Mama verlangt die Geldbörse ihres Mannes, stellt sich an, bestellt, zahlt und kommt mit einem kleinen Semmelturm in den Händen zurück. „Gibst du dem Kleinen?“, fragt die Mutter. Sie reicht dem Mann den Geldbeutel, die Bratwurstsemmel ohne Ketchup und die Steaksemmel. Nach einigen logistischen Problemen, landet die Börse wieder in der Tasche des Papas und je eine Semmel in seiner Hand. Die Mama pustet heftig auf Luisas Bratwurstsemmel. „Heiß Luisa, heiß.“, erklärt sie zwischendrin. Luisa wartet eine halbe Minute, quengelt dann. Der Papa pustet nun seinerseits heftig auf Lucas Semmel. Luca interessiert sich für die ganze Pusterei nicht die Bohne. Dann fällt dem Papa auf, dass es nicht so einfach ist, Luca mit der Semmel zu füttern, wenn er dazu nur eine Hand frei hat. „Schatz, könntest du mal kurz halten?“ Er streckt seiner Frau seine Steaksemmel entgegen. Sie nimmt sie und entscheidet, dass Luisa nun erwachsen werden muss und selbstständig ihre Bratwurstsemmel halten soll. „Aber gut festhalten, Luisa, gell? Gut festhalten, nicht dass die Wurst rausfällt. Gut festhalten.“ Sie wiederholt es gebetsmühlenartig – zum Rhythmus der Pusterei ihres Mannes, der in der Zwischenzeit ein kleines Stückchen Wurst abgebissen hat, es aus seinem Mund gefischt hat und es nun zwischen Daumen und Mittelfinger heftig beschnauft. Luca hat noch immer keinen Bock. Er zappelt lieber in seinem Buggy herum. Luisa beißt herzhaft in ihre Semmel.P1020465 Ketchup quillt aus den Rändern auf Luisas Hände und ihren Mund. „Bäh, Luisa!“ Die Mutter fingert einhändig in ihrer Tasche nach einem Feuchttuch. In der anderen Hand kühlt die Steaksemmel vor sich hin. Da die Tochter aber abgewischt werden muss, parkt sie die Semmel kurzerhand in ihrem Mund und wischt schnell einmal über die Tochter. Der Papa schiebt dem Sohn das Stück Wurst in den Mund und schnappt ein weiteres Wurststück aus der Semmel. Der Versuch, es aus Gründen der Appetitlichkeit nur mit den Zähnen zu fassen misslingt. Er muss es doch mit Lippen und Zunge berühren – sieht dabei aber umwerfend komisch aus. Wieder wird gepustet. Luisa ist nun sauber und darf sich mit dem nächsten Bissen gleich nochmal umfassend bekleckern. Die Mama kaut auf einem Stück Steaksemmel. „Das Fleisch ist aber zäh.“, gibt sie ihrem Mann durch. Der hat nun bereits eine gesamte Bratwurst zerbissen, bepustet und in seinen Sohn geschoben. Als die Mama die Hälfte der Steaksemmel verzehrt hat, kommt was kommen muss: Luisa fällt eine Wurst aus der Semmel. Was folgt ist ein buntes Medley aus: „Ich hab‘s dir ja gesagt da siehst du’s mal jetzt ist die Wurst am Boden die kann man jetzt nicht mehr essen warum hast du denn nicht aufgepasst festhalten festhalten fest zusammendrücken!“ Luisa schaut bedröppelt, quetscht die verbleibende Semmel pflichtbewusst zusammen und verzehrt noch dreiviertel der anderen Wurst. Ein mittelgroßer Hund kommt des Wegs, drängelt sich an dem Mädchen vorbei und will sich über die Ketchupwurst am Boden hermachen. Zu seinem Unglück reißt ihn sein Herrchen an der Leine zurück. Luisa erschrickt heftig, als der Hund ein lautes Protestbellen von sich gibt und fängt beinahe an zu weinen. Zumindest hat sie jetzt endgültig die Lust auf Essen verloren. Sie würde jetzt viel lieber Karussell fahren. Also jetzt gleich. Sofort! „Machen wir, Luisa. Jetzt dann. Wenn du deine Semmel aufgegessen hast.“, erklärt die Mama und entscheidet sich das letzte Viertel der Steaksemmel gleich ganz in ihren Mund zu schieben. Luisa erkennt die Gelegenheit und wiederholt den Satz „Ich will aber jetzt Karussell fahren!“ so lange, bis ihre Mutter das zähe Stück Schwein in ihrem Mund fertig zerlegt und geschluckt hat. Luca hat ebenfalls keinen Bock mehr auf Bratwurst. Er würde viel lieber den großen Hund von vorhin streicheln. „Da!“, sagt er und deutet mit fettigen Fingern in die Richtung, in die der Hund verschwunden ist. „Später. Später fahren wir Karussell.“, mischt sich jetzt auch der Papa ein und steigert sich schließlich zu einem „Luisa jetzt halt deine Klappe und iss deine Semmel!“ „Aber ich hab keinen Hunger mehr!“, jammert diese. Da seufzt die Mama und nimmt ihrer Tochter das halb aufgegessene, eiskalte Semmel-Ketchup-Massaker aus der Hand. „Na gut. Dann gehen wir eben jetzt zum Karussell.“ Während ihre Tochter vorauseilt, beäugt sie angeekelt die matschige rosa-braune Masse in ihrer Hand, um sie schließlich doch zu essen. Sie setzt sich ebenfalls in Bewegung. Gefolgt von ihrem Mann, der mit einer Hand den Buggy schiebt und mit der anderen Lucas eiskalte halbe Semmel hält, aus der noch ein Stückchen Wurst schaut. Irgendwer wird das schon noch essen.
Ich beobachte die Familie auf ihrer Prozession zum Karussell von meinem Keramikstand aus und muss mir ein Lachen verkneifen. Aber nur solange, bis sich mein Mund an den Geschmack kalter, halbaufgegessener, angelutschter, ketchupbeschmierter Semmeln erinnert. Und ich möchte den Eltern spontan Trost spenden und zurufen: „Haltet durch! Das wird nicht ewig so sein. Irgendwann – auch wenn die Zukunft noch fern ist, wird ein jeder von euch das zu essen bekommen, was er möchte! Und es wird noch warm sein.“ Dann krame ich in meiner Tasche nach Geld. Ich brauche jetzt eine Steaksemmel. Ich muss eine Erinnerung vertreiben.

es weihnachtet

Eigentlich sollte ich diesen Beitrag schon seit zwei Wochen geschrieben haben. Aber ich hatte bisher einfach keine Zeit. Schließlich steht Weihnachten unmittelbar vor der Tür.
Natürlich und völlig zu Recht, findet ihr mich jetzt seltsam. Ich sehe euch förmlich die Stirn in Falten legen. Und ich verstehe euch total! Schließlich gehöre ich eigentlich zu den Menschen, für die der Advent und selbst Weihnachten immer ein wenig überraschend kommt. So sind zum Beispiel meine getöpferten Adventskränze immer pünktlich zum zweiten Advent fertig – da kann sie natürlich keiner mehr brauchen. Schon klar.

Praktischer Kerzenständer für den Advent

ab dem ersten Advent ein Ladenhüter…

Dieses Jahr ist aber anders. Denn ich habe innerhalb eines Tages gleich mehrere Zeichen bekommen:
Es war der 24. September. „In drei Monaten ist Weihnachten!“, plärrte es aus dem Radio. Die spinnen, die Radiofritzen, dachte ich mir.
Ich war noch nicht völlig mit Kopfschütteln fertig, da flatterte mir prompt der erste Töpferauftrag für Weihnachten ins Haus. Okay, vielleicht ein wenig früh – aber schließlich soll es auch Leute geben, die das ganze Jahr über Weihnachtsgeschenke einkaufen, damit sie im Dezember keinen Stress mehr haben. Und besser früh, als nie. Aber das war noch nicht alles.
Noch am selben Tag, rief mich eine Frau aus unserer Pfarrei an. „Wir würden gerne zu Weihnachten in der Kinderchristmette ein Krippenspiel aufführen und suchen wen, der das organisieren kann… da haben wir gedacht, du könntest doch…“ Sie brauchte nicht weiter zu reden. Es ist ja kein Geheimnis: Mit Theater kriegt man mich immer. Immerimmerimmer. Auch wenn es ein Krippenspiel ist. Also habe ich meine eingestaubte Bibel aus dem Regal geholt, das neue Gotteslob und habe mich an die Arbeit gemacht.
Und wie ich da gerade so völlig beschäftigt mit Weihnachtsthemen bin, schaue ich noch kurz in meinen Terminplaner nach dem Termin des nächsten Elternabends. Und was steht da, in Großbuchstaben quer über eine halbe Seite geschrieben? Da steht: WEIHNACHTSPRODUKTION! JETZT!
Wann ich das da hineingeschrieben habe, weiß ich nicht mehr. Vermutlich irgendwann im Sommer.
Jetzt fülle ich meine Werkstatt also langsam mit Sternen und Stövchen, bestelle Material und checke die Liste für den Christkindlmarkt. Bestellungen für Weihnachten nehme ich natürlich auch gerne entgegen. Allerdings nur bis Mitte November. Sonst wird’s zu spät.

nur für kurz

Ich weiß, meine Begeisterung für Kreide teilen nicht alle. Da gibt es welche, denen jagt das Geräusch von Kreide auf Tafel eine Gänsehaut des Ekels über den Körper. Vielleicht ein Trauma aus der Schulzeit – man weiß es nicht. Oder es ist so sehr Teil des Alltags mit Kreide zu schreiben, dass es nichts Besonderes mehr ist. Wie bei meiner Freundin. Sie ist Grundschullehrerin und mit Kreide und Tafel hat sie in ihrer Freizeit am liebsten nichts zu tun. Verständlich.
Ich dagegen schätze Kreide wirklich sehr. Vor allem beim Malen auf Straßen. Sie hat – neben all ihren negativen Eigenschaften, wie nervigem Staub und einer überwiegend pastelligen Farbpalette – einen ganz entscheidenden Pluspunkt. Sie lässt sich wegwischen.

vorher

vorher

Und dabei geht es mir gar nicht ums Ausbessern, sondern um die Faszination von etwas, das nicht für die Ewigkeit geschaffen wurde.
Hört sich geschraubt an, ist aber ganz einfach. Es ist der Zauber des Augenblicks, den ich mag. Gerade war es noch da und wunderschön. Dann verändert sich etwas: Das Licht, das Wetter, die Stimmung – und weg ist es. Nicht mehr zu greifen, nur noch zu erinnern. Und wenn man schnell genug war, kann man auch spontan ein Foto knipsen. Aber Vorsicht! Nicht immer lässt sich Zauber ablichten (tausende von Fotos, geschossen aus der Mitte eines verzauberten Publikums bei einem Rockkonzert, beweisen das).

nachher

nachher

Bei meiner neuen Wochenaufgabe ist fotografieren dagegen Pflicht. Und mit Kreide auf der Straße malen. „Finde eine Figur in einem Fleck auf dem Asphalt. Umrande sie mit Kreide“ lautet die Aufgabe. Ich hoffe, das Geräusch von Kreide auf Asphalt hält nicht zu viele vom Mitmachen ab. Und ich hoffe, meine Freundin wird sich überwinden, auch in ihrer Freizeit ausnahmsweise zum Arbeitsgerät zu greifen. Die Vorstellung, dass die Straßen bald bevölkert sein werden von kleinen Kreidetieren, gefällt mir. Diese sicherlich zauberhaften Wesen halten meist länger als einen Augenblick. Immerhin bis zum nächsten Regenschauer.

Pareidolie

Hätte ich gewusst, was für ein schönes Wort das ist, hätte ich es schon eher gesucht. Und auch die Bedeutung dieses Begriffs ist etwas Schönes – obwohl sie aus der Psychologie stammt.

Wikipedia schreibt: Als Pareidolie verstehen Psychologen, Psychiater und Neurologen ein verbreitetes Phänomen, in völlig abstrakten Dingen und Mustern vermeintliche Gesichter und vertraute Wesen oder Gegenstände erkennen zu wollen.

Soll heißen, wenn große Kumuluswolken plötzlich zu Hasen werden, oder uns aus dem Mond ein Mann anblickt, dann nennt man das Pareidolie (auch einige Marienerscheinungen stehen im Verdacht). Schön finde ich das – weil es tatsächlich eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist (also eher die unreligiöse Variante). Dabei muss ich gar nicht erst in die Wolken blicken oder warten, bis der Mond aufgegangen ist. Um mich herum gibt es genügend Flecken, Häuser, Pflanzen und Muster, die alle nach irgendetwas aussehen. Vor einem Jahr habe ich aus meinen Lieblings-Pareidolien (so es dieses Wort überhaupt gibt) sogar Postkarten gemacht. Wochenlang war ich im Fieber. Denn sieht man erst eine, sieht man überall welche. Selbstverständlich habe ich damals meine Familie damit infiziert und jetzt finde ich es an der Zeit, euch ebenfalls anzustecken.

Clown

Auf meiner Wolperdinge-Facebookseite stelle ich jede Woche eine neue Aufgabe, die damit zu tun hat, vertraute Wesen in völlig abstrakten Dingen zu sehen. Morgen Abend geht es los. Macht mit und schickt mir eure Bilder auf die Pinnwand.

Bis dahin ziehe ich noch durch die Stadt (oder sortiere die Fotos auf meinem Rechner) – auf der Suche nach einem Motiv. Dabei lasse ich mein neues Lieblingswort wieder und wieder über mein Zunge rollen. Pareidolie. Pareidolie. Schön. Wirklich.

Achtung Schleife!

Für mein allererstes journalistisches Werk hätte ich wirklich keinen Preis gewonnen. Es ist sogar ziemlich verwunderlich, dass ich dafür nicht einmal ausgeschimpft oder ausgelacht worden bin. Verdient hätte ich es damals in jedem Fall. Es war ein kleiner Artikel in unserer Schülerzeitung über – ach, der Sinn erschließt sich mir immer noch nicht, ehrlich gesagt. Es ging in etwa darum, dass einige Eltern, Lehrer und Schüler der Meinung waren, es sei sinnvoll, das etablierte Skilager der 7. Klassen durch ein sogenanntes Sommerlager zu ersetzen. Ich zitiere: „Die Lehrer, die wir befragten waren auch für’s Sommerlager. Sie wiesen auf Schneemangel und Umweltzerstörung hin. Außerdem passe es (das Skilager) nicht in unsere Zeit.“ Ja, ich weiß, das ist nicht die Krone des Journalismus. Noch dazu, weil ich gleich im Satz darauf meine eigene Befragung durch seltsame Prozentzahlen widerlege. Oh wei! Aber meine Güte, das ist lange her. 25 Jahre, genauer gesagt. Da war ich 12.

Wie ich überhaupt darauf komme, mir die alten Hefterl nochmal anzusehen, statt sie in Frieden ruhen zu lassen? Ganz einfach und peinlich: Ich habe die alten Teile ausgegraben, um vor meinem Sohn ein wenig anzugeben. Dazu ist es jedoch nicht gekommen. Denn ich hab angefangen zu lesen… und mich dann den Rest des Tages zwischen staubigen Seiten und schlechten Fotos verloren. Zumal mir nach der Lektüre meines ersten Schreibversuchs noch andere Themen ins Auge gesprungen sind.

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Diskussionsrunde zum Thema Schulzeitverkürzung

Da las ich zum Beispiel: „Daß man in einer kürzeren Schulzeit das gleiche machen kann wie bisher, wird nicht funktionieren.“ In einer Diskussionsrunde unterhielten sich Lehrer und Schüler über eine drohende Verkürzung der Gymnasialzeit von 9 auf 8 Jahren. Wobei, eine Diskussion war es im eigentlichen Sinne nicht. Alle waren sich einig, dass das G8 keine gute Idee wäre. So heißt es zum Schluss: „Der Gesichtspunkt, der hier strittig ist, ist aber, daß diese Schulzeitverkürzung nicht aus pädagogischen Erwägungen gefordert wird, sondern aus wirtschaftlichen. Der Impuls für diese ganze Diskussion kommt damit von einem fachfremden Gebiet.“

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Hauptthema im Heft – Asylbewerber in Kelheim

Und einige Seiten zuvor steht da doch tatsächlich: „Seit Anfang August versucht der Regierungsbezirk Niederbayern verzweifelt, die ihm zugewiesenen Asylbewerber auf die verschiedenen Landkreise zu verteilen und in halbwegs menschenwürdigen Unterkünften unterzubringen. Nachdem sich im Landkreis Kelheim keine Unterkünfte finden lassen, werden Mitte August 41 rumänische Asylbewerber in der Turnhalle (…) untergebracht.“ Es folgen 8 ganze Seiten über Asylrecht, Verfahren, Vorurteile, Abschiebung, Kosten etc. Mit einem Unterton, den manche heutzutage „linksversifft“ nennen würden und der bei mir eine große Sympathie den Schreibern gegenüber auslöste.

img200Spätestens da musste ich das Heft zuklappen, um nochmal auf das Erscheinungsjahr zu blicken. 1990 – ich hatte mich also nicht vertan. Und trotzdem fühlte ich mich wie in einem Deja vu. In den 25 Jahren, die seit diesen Artikeln vergangen sind, hat sich in allen Bereichen ziemlich viel getan.

Das Ayslrecht wurde mehrfach geändert (mal verschärft – dann wieder nicht), das G8 hielt Einzug und das Skilager wurde abgeschafft. Doch nun ist es wieder da. Obwohl mittlerweile noch weniger Schnee auf den Hängen liegen dürfte, als 1990.

Das G8 war ein Griff ins Klo und die Forderung nach einer Wiedereinführung des G9 ist kaum zu überhören. Die Diskussionen laufen derzeit mit ähnlichen Argumenten, wie vor 25 Jahren.

Und schließlich das Thema Asyl. Menschen in Turnhallen, in heruntergekommenen Gemeinschaftsunterkünften, Wörter wie „Wirtschaftsflüchtlinge“, „Scheinasylanten“ und die große Angst vor dem Fremden. War alles schon mal da. Hat sich kaum geändert.

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Das Fazit des Hefts: Asylbewerber ausgezogen, Leistungskursleher bekanntgegeben, Skilager abgeschafft

Verdammt, denke ich mir. 25 Jahre und alles beim Alten? Woran liegt das? Bewegen wir uns in einer Schleife? Ich will es nicht hoffen. Ich will mir lieber vorstellen, dass wir etwas verändern können. Gleich beim nächsten Elternabend spreche ich die Sache mit dem Skilager an. Und dann? Vielleicht geht ja sonst auch noch was. Wobei ich zugeben muss, dass ich mir bei den anderen beiden Themen zurzeit doch recht hilflos vorkomme. Was kann ich kleines Rädchen schon tun? Schreiben vielleicht. Wenn nichts mehr geht, geht zumindest noch das. Und zu diesen Themen sind definitiv noch ein paar Artikel (oder Blogbeiträge) drin. Wahrscheinlich auch nicht Pulitzerpreis-verdächtig. Aber wer braucht das schon?

Nachtrag: Im selben Heft war übrigens eine Plattenkritik über das damals neu erschienene Album einer meiner Lieblingsbands. Faith no more – the real thing. Jawoll. Und eine Filmkritik über „Teenage Mutant Ninja Turtles“. Was bin ich froh, dass ich diesen Film ausgelassen hab!

Hartes Pflaster

Ich kannte mal einen Mann, der sagte eines Tages zu sich selbst: „Ich bin so groß und Kelheim ist so klein.“ Dann wanderte er in die weite Welt. Einige Zeit später war er wieder da, denn er hatte erkannt: „Die weite Welt ist so groß und ich bin so klein.“
Und wieder ein Weilchen später verschwand er erneut.

Großstadtpflanze (London)

Großstadtpflanze (London)

Es gibt Zeiten in meinem Leben, da denke ich oft an diesen Mann und seine Erkenntnisse. Ganz besonders, wenn mir Kelheim ebenfalls viel zu klein vorkommt.
Das sind dann Phasen, in denen ich gerne in einer Großstadt leben würde, in einer Künstlerkommune um große, schreiende, aussagkräftige Kunst zu machen. Ich würde echt was reißen, politisch aktiv sein – nicht nur maulen, sondern echt was bewegen.Da ärgert es mich, dass ich im so beschaulichen Kelheim hocke, weit weg vom Herzschlag der Welt und den kreativen Lebensadern. Hier in der Kleinstadt, wo viele meiner Ideen stirnrunzelnd als „schwierig“ bezeichnet werden „vor allem für das Publikum“ – was auch immer das heißt. Schön sollen sie sein, die Objekte, die ich herstelle. Leicht und harmonisch, die Theaterstücke, an denen ich arbeite. Gerne auch intelligent und hintersinnig. Aber niemals schwierig.
Das denke ich mir zumindest, wenn ich mir mein Umfeld so ansehe. Denn hier ist alles gefällig. Vom Theaterstück, bis zur Kunst am Bau. Vom Aquarell, bis zum Regionalkrimi. Und da nehme ich meine Sachen gar nicht aus! Denn auch ich traue mich nicht, sperrig zu sein. In einer Kleinstadt ist das nämlich ziemlich riskant. Hier sind die Regeln strenger, die Konsequenzen umfangreicher. Die Kleinstadt ist ein hartes Pflaster. Hier kannst du dich nicht in die Anonymität zurückziehen, wenn du mal übers Ziel hinausgeschossen bist. Das ist die Kleinstadt, Baby, wo jeder jeden kennt.

Kleintstadtpflanze

Kleintstadtpflanze

Trotzdem nehme ich es mir hin und wieder vor: Laut zu sein, „schwierig“ zu sein und Projekte anzugehen, die vielleicht nicht allen gefallen. Ich nehme es mir vor – und lasse es bleiben.
Was würde mein Bekannter wohl darüber sagen? „Kelheim ist klein und du bist es auch.“
Ich bin eine kleine Kleinstadtpflanze, das ist richtig. Aber vielleicht wachse ich ja noch – mitten durchs Pflaster.

Advent? Advent.

Ach, wie wunderbar waren die ersten Tage auf dem Kelheimer Christkindlmarkt! Viele viele Menschen, viel gute Stimmung, viel Trubel. Ein anständiger Christkindlmarkt gehört zum Advent einfach dazu. Nicht nur für mich, als Standlerin (für Nichtbayern: Fierantin). Glühwein, Knackersemmel, weihnachtliche Musik – ach, es ist einfach schön.

Und dann gibt es da noch die andere Seite des Advents. Die eigentliche Seite. Die habe ich am vergangenen Wochenende gefunden. In der Kirche. Kaum zu glauben, oder? Da war dieses Lied, das ich schon seit meinen Kindergartentagen auswendig kann. Und das jeder kennt – wirklich JEDER! Ich hab genau hingehört und mir ist die Gänsehaut über den Rücken gelaufen. Wieso? Einfach lesen. Einfach ganz genau lesen:

Wir sagen euch an den lieben Advent

Text: Maria Ferschl (1895–1982)

Wir sagen euch an den lieben Advent
Sehet, die erste Kerze brennt!
Wir sagen euch an eine heilige Zeit.
Machet dem Herrn den Weg bereit!
Freut euch, ihr Christen! Freuet euch sehr.
Schon ist nahe der Herr.

Wir sagen euch an den lieben Advent.
Sehet, die zweite Kerze brennt.
So nehmet euch eins um das andere an,
wie auch der Herr an uns getan!
Freut euch, ihr Christen! Freuet euch sehr.
Schon ist nahe der Herr.

Wir sagen euch an den lieben Advent.
Sehet, die dritte Kerze brennt.
Nun tragt eurer Güte hellen Schein
weit in die dunkle Welt hinein.
Freut euch, ihr Christen! Freuet euch sehr.
Schon ist nahe der Herr.

Wir sagen euch an den lieben Advent.
Sehet, die vierte Kerze brennt.
Gott selber wird kommen, er zögert nicht.
Auf, auf, ihr Herzen, werdet licht.
Freut euch, ihr Christen! Freuet euch sehr.
Schon ist nahe der Herr.

Das nenn ich mal eine ganze Reihe an Anregungen – nein, Schmarrn, Aufforderungen sind das! Da mag man rausgehen und sofort ein besserer Mensch sein, sein Herz licht werden lassen, die Güte irgendwohin tragen, sich um andere kümmern. Und dann? Dann versumpft man doch wieder irgendwie am Glühweinstand und freut sich über die heiße Tasse, die einem die klammen Finger wärmt.

Aber ein bisschen was von diesen Textzeilen ist bei mir dann doch hängengeblieben. Und ich denke daran, aus was für wunderbaren Werten unser scheinbar so gefährdetes christliches Abendland doch besteht. Sich um des Anderen annehmen. Gütig sein, sein Herz öffnen, sich freuen – nicht nur über die heiße Glühweintasse auf dem Christkindlmarkt.