Eine Stunde an diesem Ort

Da stand ich nun, blickte auf den Waldmeister zu meinen Füßen und fragte mich, ob es pietätlos wäre, hinterher ein paar Stängel für das Schulprojekt meiner Tochter mitzunehmen. Gleich darauf rief ich mich zur Ordnung. Ich war nicht hier, um Waldmeister zu pflücken. Ich war hier – an der sogenannten „Verbrennungsstelle“ des ehemaligen Konzentrationslagers Saal an der Donau – um an einer Gedenkveranstaltung teilzunehmen. Es war mir wichtig gewesen, herzukommen. Mein Theaterstück „Kartoffelkathi“ basiert auf einer Geschichte, die sich zur Zeit dieser schrecklichen Ereignisse in Saal abgespielt haben soll. Irgendwie fand ich, ich wäre es schuldig mich zumindest auf der Gedenkveranstaltung anlässlich des Jahrestags der Lagerbefreiung einzufinden. Schuldig, wem auch immer.

Musik. Briefe von Zeitzeugen. Musik. Briefe von ehemaligen Häftlingen. Musik. Eine kurze Ansprache eines Überlebenden. Musik. Die Enthüllung einer Gedenktafel. Musik. Stimmungsvoll, berührend, beklemmend. Dabei war es nichts, was ich noch nie gehört hätte. Ich hatte schließlich Geschichtsunterricht gehabt, ich kenne Filme, Bücher und Fernsehdokumentationen zu diesem Thema. Ich habe für mein Theaterstück ein wenig recherchiert. Aber da zu sein, an solch einem grausigen Ort und die Worte direkt Betroffener zu hören, war noch einmal etwas ganz anderes. Was würde ich also mitnehmen von so einer Gedenkveranstaltung? Würde ich überhaupt etwas mitnehmen?

Ich sah ihn mir an, den Überlebenden der gekommen war, um uns noch einmal seine Geschichte zu erzählen. 93 Jahre alt, die Stimme leise und sanft. Wieder glitten meine Gedanken ab. Zurück zum Waldmeister auf dem Boden. An den Beinen der Zuhörer hoch, auf ihre sonnenbeschienenen, grauen Häupter. Es waren viele ältere Menschen gekommen.

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KZ-Gedenkweg an der Teugner Straße in Saal a.d. Donau

Zu spät, dachte ich mir plötzlich. Es ist zu spät. Die Zeitzeugen werden immer weniger. In ein paar Jahren wir niemand mehr da sein, der uns seine Geschichte erzählen könnte. Was dann? Werden dann Geschichtsbücher und Fernsehdokumentationen ausreichen müssen? Unpersönlich und weit weg?

Mit einem Mal begriff ich, dass auch ich mich zuständig fühlen sollte. Dass ich nicht länger diejenige sein sollte, die sich die Geschichten nur anhört, die sich mahnen lässt. Ich sollte diese Geschichten vielmehr weitererzählen. Damit auch meine Kinder begreifen, wie weit es kommen kann, wenn man die Zeichen nicht sieht. Mit Sicherheit ist das nicht annähernd so beeindruckend, wie die Geschichten von Zeitzeugen selbst zu hören – aber besser als nichts.

Das also habe ich mitgenommen von dieser einen Stunde an einem bedrückenden Ort am Rande meines Heimatdorfes. Das – und dann doch ein paar Stängel Waldmeister.

Sprachlos

Allgemeiner Theateraberglaube sagt: Es bringt Unglück sich für ein „Toitoitoi“ zu bedanken. Es ist der Tag der Premiere meines Theaterstücks und ich bekomme viele „Toitoitoi“. Weil ich mich nicht bedanken darf, antworte ich nichts und komme mir schrecklich unhöflich vor.

Schon die gesamte Probenzeit über muss ich seltsam wortkarg gewesen sein. Darüber haben sich zumindest meine Spieler beschwert. „Was bedeutet das, wenn die Regisseurin nichts sagt?“ „Hm, ich glaube ja, wenn sie nichts sagt, dann will sie nur nichts Schlimmes sagen.“

Kartoffelkathi

Probenfoto, aufgenommen von Konrad Götz

Ich versuche also, meine Sprache zumindest zur Premiere wiederzufinden. Den ganzen Nachmittag lege ich mir positive, motivierende Worte zurecht. Doch als die Nervosität auf ihren Höhepunkt zukriecht, uns nur noch wenige Minuten von der Feuerprobe trennen, schaffe ich es wieder nicht. Die Worte, die aus meinem Mund kommen, bleiben mager. Nicht im Geringsten geben sie wieder, was ich sagen will. Ich kann den Spielern nicht sagen, wie unglaublich es für mich ist, dass ich dieses Stück – mein erstes vollständig eigenes Theaterstück – mit ihnen auf die Bühne bringen darf. Meine Gedanken klingen schwülstig und emotional und auf keinen Fall aussprechbar. Ich gehe in den Zuschauerraum, plappere vor Aufregung wirres Zeug vor mich hin, bedanke (!) mich glatt noch für ein letztes „Toitoitoi“ und lasse den Dingen ihren Lauf.

Ab jetzt kann ich nur noch beobachten. Meine Spieler – aber vor allem das Publikum. Wie werden die Zuschauer reagieren? Wird mein Stück den vielen Vorschusslorbeeren gerecht? Im vollbesetzten Theatersaal ist es so still – man könnte eine Stecknadel fallen hören. Es läuft, denke ich mir. Die Spieler legen sich ins Zeug, schließen den Kontakt zum Publikum, holen alle mit hinein in die kleine Dorfwirtschaft, in der das Stück spielt.

In der Pause bekomme ich schon erste wortlose Umarmungen. Mein ehemaliger Musiklehrer ist so mitgenommen, dass er mir nur stumm den Arm tätschelt und nickt. Mein sonst nie um Worte verlegener Papa krächzt ein „toll“. Wow, denke ich mir. Krass. Doch dann legen Spieler und Zuschauer noch eine Schippe drauf. Die Luft ist stickig, die Atmosphäre dicht.

Der letzte Satz – drei lange Sekunden völlige Stille – Applaus. Begeisterter Applaus. Die Leute stehen auf und klatschen einen Beifall, der von Herzen kommt. Fassungslos versuche ich mir das, was passiert, einzuprägen. Damit ich es niemals wieder vergesse. Ich juble mit meinen Spielern, genieße die Euphorie und den Zauber des Moments.

Zuschauer umarmen mich, gratulieren, klopfen auf meine Schultern, wischen sich die Augen. Und ich? Ich bin so überfordert, dass ich gar nichts antworten kann. Zumindest nichts mit Substanz – oder Zusammenhang. „Danke“, sage ich ganz oft. Danke. Und eigentlich – nachdem das Adrenalin mein Gehirn über Nacht wenigstens zum Teil freigegeben hat und ich wieder klarer denken kann, erkenne ich – eigentlich ist es das, was ich die ganze Zeit über hatte sagen wollen. Danke.

Unbenannt

Danke. Danke. Danke. Danke. Danke. Danke.

Danke an alle Unterstützer – Familie, Freunde, Vereinskollegen. Danke, dass ihr an dieses Stück geglaubt habt, dass ihr an mich geglaubt habt. Danke an die vielen helfenden Hände. Danke an das tolle, wohlwollende Premierenpublikum.

Danke an meine Spieler. Ihr habt das für mich zu einem sensationellen Ereignis gemacht. Das Schulterklopfen, die Umarmungen, die Gratulationen – sie gehören alle euch!

Und nächste Woche holen wir uns Nachschlag!

Rolle mit Schliff

Nein, meine Hände sind kein schöner Anblick. Vor allem nicht, wenn ich in Christkindlmarktvorbereitungen und meine besten Werkzeuge demzufolge tagtäglich im Schlicker stecken.

Ton trocknet die Haut aus – so schnell kann ich gar nicht nachcremen. Meine Nägel sind schief, abgeschliffen von der Drehscheibe und immerimmer dreckig. Meine Haut ist so rissig, dass ich mit ihr an flauschigen Pullis hängenbleibe, als wäre sie die Hakenseite eines Klettverschlusses.nagel

Und normalerweise macht mir das nichts aus. Raue Hände bedeuten für mich: Ich habe viel gearbeitet, ich habe gut gearbeitet. Nur ab und zu wünsche ich mir perfekte Maniküre. Zum Beispiel, wenn meine Nägel so dünn und rissig sind, dass ich mir nicht mehr mit der Hand durch die Haare fahren kann, ohne festzuhängen. Oder – wie gerade im Moment – wenn ich wieder einmal Theater spiele und meine Fingernägel so gar nicht zur Rolle passen wollen.

„Wie wär’s denn, Mrs. Markham?“ heißt das Stück in dem ich eine Mrs. Markham verkörpern soll, die vielleicht ein wenig naiv, ein wenig langweilig aber definitiv gepflegt ist. Die Haare toupiert (das Stück spielt in den 70ern), die Kleidung farbenfroh (wie gesagt, die 70er) aber seriös (zumindest meistens). Und die Fingernägel – eine Katastrophe!

Neidvoll blicke ich auf meine Mitspielerinnen, die ihre formschönen Nägel rot und lila anpinseln. Gut, manche finden die Pinselei nicht ganz so prickelnd – aber es sieht nicht schlecht aus!

Bleiben mir also drei Möglichkeiten:

  1. Künstliche Näg… nä, vergiss es gleich wieder.
  2. Handschuhe – passen leider nicht zum geblümten Hausmantelkostüm, oder
  3. einfach alles so lassen, wie es ist. Merkt ja keiner, wenn ich’s nicht extra sage… oh!

Nun gut, dann eben eine Mrs. Markham ohne den letzten Schliff. Aber wisst ihr was? Irgendwo habe ich mal gehört (ich bin mir nicht mehr sicher, wo und ob es nicht vielleicht in einem Traum gewesen ist), dass der Hollywoodstar Audrey Hepburn immer ganz fürchterlich viel Dreck unter den ungepflegten Fingernägeln gehabt haben soll. Und was der elfengleichen Audrey Hepburn nicht geschadet hat…

Auftrennen

Zuhause üben wir gerade Häkeln. Luftmaschen. Lange Schnüre für die Katze, lange Schnüre, um sie zu einem Ball zu rollen, lange Bänder, die wir auch wieder aufdröseln. Einfach so. Und ich ziehe an der Wolle und sehe, wie sich Schlinge um Schlinge löst, denke an meine Theatergruppe und bin ein wenig traurig.

Vorauseilend traurig, denn eigentlich haben wir unser Stück noch gar nicht zur Aufführung gebracht. fluechtlingsprojektgespraeche_plakat_entwurf_03_a4-halb

Aber entgegen meiner sonstigen, entschiedenen Verweigerung von Sentimentalität, beschleicht sie mich jetzt doch ein klein wenig. Weil die Zeit viel zu kurz gewesen ist. Zu kurz für mich, um alle Spieler so kennenzulernen, wie ich es sollte. Zu kurz, um überhaupt eine Ahnung zu bekommen, wie sie sind. Noch nie habe ich mit einer Theatergruppe gearbeitet, die aus so vielen so unterschiedlichen Leuten besteht. Gemeinsamkeiten? Eine. Es sind Menschen.

Jungs , Mädchen, Männer, Frauen, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Freunde, Bekannte, Vereinskollegen, alte Kumpel, völlig Fremde, routinierte Spieler, blutige Anfänger, Sprachverliebte, Spielverliebte, Unentschlossene, Schüchterne, Skeptische, Rampensäue, vier Sprachen, fünf Nationen.

Diese Ansammlung von Leuten hatte es schwer, eine Gruppe zu werden. Eine Probe pro Woche und acht Wochen Probenzeit sind schon für einen ziemlich homogenen Haufen wirklich kurz. Wie schnell ist dann erst hier die Zeit verflogen? Zu schnell – wir haben es nicht einmal geschafft, uns einen eigenen Gruppennamen zu geben. Ganz so, als wüssten wir, dass wir nach der letzten Vorstellung vielleicht noch ein paar Minuten zusammenstehen werden, dann aber unserer Wege gehen. Und sich diese ganz dünnen, ganz fein gehäkelten Bande zwischen uns einfach wieder aufdröseln werden.

Vielleicht bleibt irgendwo ein Knoten, der daran erinnert, dass da mal dieses kleine Theaterstück gewesen ist und wie es war, mitgemacht zu haben. Ein Knoten, der einen veranlasst, den anderen auf der Straße noch eine Weile freundlich zu grüßen und zu fragen, wie es geht. Ein Knoten, bei dem einem schlagartig ein paar der mühsam auswendig gelernten Textpassagen wieder in den Sinn kommen.

Prima.

Berni, Christiane, Isi, Jutta, Kemo, Lisa, Margaret, Maria, Mustafa, Mohamad, Nour, Omar, Philipp, Philipp und Yazan.  Ich danke euch jetzt schon von ganzem Herzen.

Thank you, merci beaucoup, ممنونم , شكرا جزيلا (wenn Google das richtig übersetzt)

Bin ich schon Biedermann?

Oder gibt es noch Rettung?

Es ist erst ein Vierteljahr her, da schieb ich ins Programmheft unseres Frühlingsstücks:

Blog Fußball

„Biedermann und die Brandstifter“ ist ein Stück, in dem ein Mann eine Bedrohung wider besseren Wissens so lange ignoriert und verleugnet, bis es zu spät ist. Die Brandstifter zünden ihm das Haus an. Sie vernichten ein ganzes Viertel, eine ganze Stadt. Der Autor Max Frisch bezog sein Stück 1948 eigentlich auf den Nazionalsozialismus, wir bezogen uns darin 2016 ehrlich gesagt nicht so sehr auf eine rassisitische Bedrohung, wie wir es hätten tun können. Aber schließlich standen bei uns ja auch 11-Jährige auf der Bühne. Und wir spielten aufm Dorf, wo jeder jeden kennt und man nicht will, dass…

Das sind Ausreden, ich weiß. Und ich ärgere mir deswegen ein Loch in meinen linksgrünversifften, friedliebenden Hippiegutmenschenbauch. Aber auf dem Land oder in der Kleinstadt werden solche Ausreden ernstzunehmende Argumente. Beispiel:

Nehmen wir an, ein Trainer des örtlichen Fußballvereins weigert sich, Flüchtlingskinder zu trainieren. „Das möchte ich nicht“, hat er vielleicht gesagt. Die Eltern wundert das nicht. Einigen ist er schon aufgefallen, durch seine fremdenfeindlichen Äußerungen, aber die Kinder mögen ihn. Die Kinder lieben noch viel mehr die Gemeinschaft im Verein, das Spiel mit den Freunden. Fußball verbindet. Und ehrenamtliche Trainer sind rar. Extrem rar sogar. Das weiß auch die Vereinsführung und eiert vielleicht ein wenig rum: Eigentlich müsste es schon möglich sein. Vielleicht nimmt die Flüchtlingskinder ja ein anderer Trainer. Wäre das nicht die beste Lösung? Ja, vielleicht.

Oder doch nicht? Wäre es nicht viel eher angebracht, sein Kind sofort aus der Mannschaft zu nehmen und auf Nachfragen anderer Eltern zu antworten: „Ich will mein Kind nicht von einem rassistischen Arschloch trainieren lassen – und das solltest du auch nicht“? Was hätte das wohl für Konsequenzen? Ich befürchte, es wären Reaktionen wie: „Die reagiert ja jetzt über. Ich glaub nicht, dass das ein Rassist ist. Der ist doch eigentlich ganz nett. Man kann ja nicht gleich jeden ablehnen, nur weil er eine andere Meinung hat. Die spinnt doch. Die ist doch hysterisch. Die war schon allerweil nicht so wie wir.“ – Ausgrenzung.

Ich habe ja an anderer Stelle bereits einmal geschrieben, dass die Konsequenzen in einer Kleinstadt härter und wesentlich weitreichender sind, als in einer anonymen Großstadt. Hier begegnet man sich nicht nur zweimal im Leben. Hier begegnet man sich ständig: Bei Festen, in der Kirche (!), auf dem Amt, in einem Laden. Hier kann es leicht passieren, dass man auf so einen Menschen angewiesen ist. Oder die eigenen Kinder.

Ich frage mich, ob sich Herr Biedermann auch ein Loch in den wohlgenährten Bürgerbauch geärgert hat, bevor er aus Angst vor Konsequenzen einfach nichts getan hat, die Katastrophe nicht verhindert hat. Ich ärgere mich auf jeden Fall. Ich ärgere mich und bin bestürzt. Über Hass im Internet, über Hass in den Herzen, über Menschen die aus Hass schreckliche, fürchterliche Taten begehen. Und ich ärgere mich über meine Passivität, meine Angst vor Konsequenzen.

Von Herrn Biedermann, dieser erbärmlichen, feigen Kunstfigur hätte ich erwartet, dass er sich gegen die Brandstifter stellt. Und was erwarte ich von meinem eigenen, feigen, ganz realen Ich?

erWACHSEN

Die beste Frage der Premierenfeier klingt eigentlich gar nicht spektakulär: „Sagt mal, der Wein auf der Bühne, war der echt?“ – „Nein“, entzaubere ich sofort „Alkohol ist auf unserer Bühne nie echt. Und selbst wenn wir echten Wein hätten nehmen wollen: Das wäre nicht möglich gewesen. Schließlich ist eine der Spielerinnen, die in dieser Szene am Glas nippt, noch nicht einmal 16.“ Jetzt ernte ich endgültig fassungslose Blicke. „Wirklich nicht? Ist die echt erst 15?“ Ich freue mich, dass unsere Spieler anscheinend sehr überzeugend gewesen sind und bahne mir weiter meinen Weg durch die Premierengäste.

Mittendrin treffe ich mit dem restlichen Regieteam zusammen. Wir sind uns einig: Die Premiere von „Biedermann und die Brandstifter“ ist gelungen. Wir bekommen Lob. Ehrliches Lob. „Ich glaube, ich bin vor Stolz schon um mindestens 20 Zentimeter gewachsen“, sage ich zu meiner Freundin. Und stolz bin ich wirklich. Stolz und erleichtert, dass unser Experiment gelungen ist. Denn für unsere Inszenierung haben wir kurzerhand unsere Jugendgruppe mit den erwachsenen Spielern unseres Vereins gemixt. Der jüngste Spieler ist 11, der älteste 51. Im Laufe der Proben haben wir gemerkt, dass es funktioniert. Die Gruppe ist zusammengewachsen. biedi_postkarte

Ich suche in der Menge nach der 15-Jährigen. Natürlich will ich das Lob gleich an sie weitergeben. „Hey, das Publikum hat dich auf über 18 geschätzt – cool, oder?“ Sagt man noch „cool“ heutzutage? Egal, ich schon. Als Antwort bekomme ich keineswegs begeisterte Blicke. 18 ist sooo alt, ey. Mist. Dabei ist das doch ein Kompliment. Es zeigt, was Theater kann und was möglich ist, wenn man seiner Rolle gewachsen ist. Dann ist es egal, ob der Altersunterschied 36 Jahre beträgt. Meine Spielerin hat erwachsen gewirkt, so souverän wie erhofft. Sie war ihrer Rolle gewachsen – sie war ihren (oft deutlich älteren) Mitspielern gewachsen. Ich schreibe das deshalb so oft, weil ich mir sicher bin, dass es die richtige Formulierung ist: Etwas „gewachsen“ zu sein.

Später am Abend – die meisten Premierengäste waren bereits gegangen – kommen wir noch einmal auf das Thema zu sprechen. „Eigentlich will man ja erst ab einem gewissen Alter nicht mehr älter geschätzt wrden.“, sagt jemand. Und dann beginnt das Unvermeidliche: Wir lassen unser Alter von den anderen schätzen. Und, was soll ich sagen? Es kommt, wie es kommen muss: Auch ich wirke älter, als ich bin. Hmpf. Und da ich ja nicht in einer Rolle auf der Bühne stehe, sondern ganz ich selbst bin, bedeutet das übersetzt: Mädchen, du siehst alt aus. Das sitzt. „Na und?“, versuche ich mich trotzig vor meinem inneren Kritiker zu rechtfertigen. „Ich wirke eben so, weil ich meinem Leben gewachsen bin.“… seufz… Naja, zumindest kann ich echten Wein trinken.

Über Abschiede

Einer der Hauptgründe warum ich so gerne Theater spiele ist sicher, dass es da für mich so viele unterschiedliche Rollen zu erkunden gibt. Alle anderen Gründe aufzuzählen und zu begründen könnte sicherlich einen extra Blog füllen. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich hinterher nicht in Behandlung müsste. Aber wer sich dafür interessiert wo, wie und in welchem Rahmen ich spiele sollte hier nachsehen: Theater Saal. Ja, es ist ein Verein und ja, es ist Amateurtheater.

So, nun aber wieder zurück zum Thema. Tatsächlich liebe ich es, eine Rolle zu entdecken, den Charakter, den ich auf der Bühne spielen soll, kennenzulernen. Sehr oft sind mir die Figuren sympathisch. Ist ja auch kein Wunder. Schließlich habe ich sie mit diesen ganzen Eigenschaften gefüllt, habe versucht herauszufinden warum sie in welcher Situation wie handeln. Eher selten gelingt mir das nicht. Da bleibt mir die Rolle, die ich spielen soll, irgendwie fremd. Würde diese Figur im wirklichen Leben existieren, sie würde mich wohl kaum interessieren. Da habe ich dann auch keine Probleme, mich nach der letzten Aufführung von dieser Figur zu verabschieden. Da seufze ich eher erleichtert auf.

Meistens fällt, nachdem ein Stück abgespielt ist, die Verabschiedung aber deutlich emotionaler aus. Das kann ganz unterschiedlich sein. Das hängt mit der Rolle zusammen, in die ich schlüpfen durfte. Mal ist es ein bewusst förmlicher Handschlag, um die Tränen in den Augen zu kaschieren, mal ein freundschaftliches Nicken oder eine dicke, tröstende Umarmung. Ich lasse diese Rollen zurück – sie lassen mich zurück. Eine andere Zeit beginnt. Neue Aufgaben warten.

IMG_8180Nun steht mir wieder so ein Abschied bevor. Ich weiß noch nicht, wie er sein wird, der Abschied von meiner „Scherfangerin“. (Nicht einmal einen richtigen Namen hat sie. Nur „Scherfangerin“ – das ist alles.) Sie ist eine seltsame Mannfrau, halb Landstreicher, halb Geschäftsfrau. Sie ist neugierig, wissensdurstig und frei. Sie ist keine große Leuchte und steht gerne im Mittelpunkt. Aber vor allem hat sie eine ausgeprägte Leidenschaft für deftiges Essen. Ich kann sie gut leiden. Sie ist eine Vollgas-Rolle. Eine Rolle, in die man sich reinlegen kann, in der man sich nicht zurücknehmen muss. Schmatzen, mit vollem Mund sprechen, sich am Hintern kratzen, die Nase am Ärmel abwischen, breitbeinig dasitzen – das ist mit der Scherfangerin kein Problem. Danke an den Regisseur. Die Scherfangerin ist ein Geschenk!

Mal sehen, wie der Abschied wird. Vielleicht schnieft sie kurz, knufft mich mit ihrer dreckigen Faust in die Schulter, schiebt sich noch schnell ein Stück Brot in die Tasche und murmelt ein „irrvarig“, bevor sie sich umdreht und weggeht. Die Maulwurffallen an ihrem Gürtel klimpern. Das würde mir gefallen.

Dieses „irrvarig“ könnte mir allerdings noch etwas bleiben. Ab und zu lassen sie was da – die Rollen. Einen Satz, eine Geste, einen Augenaufschlag. So wie eine meiner ersten größeren Rollen. Die Polly Peachum aus der Dreigroschenoper. Schön hat sie nicht gesungen – aber laut:

„Hübsch, als es währte – doch nun ist’s vorrüber…“

Pfiadi, Scherfangerin.

Inspiration ohne Konservierungsstoffe

BItte entschuldigt, aber ich muss es einmal so deutlich sagen: Die Muse ist eine verdammte Bitch!

Mit ihr ist es, wie wenn plötzlich – sagen wir, du bist gerade mitten im Alltagstrott zwischen Rumhängen auf Facebook und dringenden Aufträgen, gefrustet und gestresst – dieser Wahnsinnstyp auf dich zukommt. Er sieht gut aus, ist witzig, eloquent und das ganze andere Zeugs, das einer braucht um perfekt zu sein. Er küsst dich, dass dir Hören und Sehen vergeht und absolut alle Sicherungen durchknallen. Und dann ist mit einem Mal alles möglich: Du könntest mit ihm nach Paris ziehen und eine Künstlerkommune aufmachen, du könntest dieses Theaterstück schreiben, dass dir gerade eingefallen ist – und warum eigentlich nicht Holzbildhauer werden? Egal was, er findet alles gut, was du in deine Notizbücher kritzelst. Wenn du gerade keine Zeit hast, weil die Kinder vom Fußballtraining abgeholt werden wollen oder du endlich diesen dringenden Auftrag fertig machen musst, ist er beleidigt. Er fängt an zu quengeln und dich mit blumigen Versprechen zu locken. Manchmal auch mit Käse und gutem Rotwein. Und schließlich gibst du nach, nachts um elf – weil er ja doch ziemlich gut küssen kann. Dann machst du das erstbeste, das dir in den Sinn kommt, das auf die Schnelle möglich ist. Paris ist gerade schlecht und Holz ist auch keins da – also immer ran ans Theaterstück. Erster Akt, zweiter Akt, du schreibst, bis die Finger bluten und der Rotwein leer ist. Ihr habt eine furiose Nacht, die Muse und du. Und dann – oh, ihr ahnt es schon – am nächsten Morgen ist er weg.

Wenn du Glück hast, ist das Theaterstück fertig und auch noch ziemlich gut geworden. Du denkst dir: Scheiß auf die Muse – du hast noch so viele Ideen. Du siehst in deine überquellenden Notizbücher. Skizzen, Gedankenschnipsel, Kassenzettel, die dich zu einem Gedicht inspiriert hätten, wäre de Inspiration denn noch da. Mit der Zeit lernst du, dass die Muse kein Typ ist, mit dem man eine feste Beziehung führen kann. Dass er kommt und geht, wie es ihm passt und dass er nichts zurücklässt, außer einem Haufen Ideen – die keine mehr sind.

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Ich frage mich immer, wie andere das machen. Wie sie ihre Ideen konservieren. Oder tun sie das gar nicht? Ich würde so gerne ein bisschen Muse eintuppern oder so. Einfrieren und wieder auftauen, wenn ich gerade Zeit habe. Gibt es das? Geht sowas? Das würde mir gefallen, glaub ich.

Aber meine Inspiration ist ohne Konservierungsstoffe. Und so bleibt mir bisher nichts anderes übrig, als weiter darauf zu warten – zunehmend genervt und unruhig – dass die Muse wiederkommt. Vielleicht ja irgendwann, wenn ich gerade den Geschirrspüler ausräume. Plötzlich ist er da, dieser Wahnsinnstyp. Ich weiß, er ist ne verdammte Bitch. Aber was soll’s?

Warum in die Luft gehen, wenn du auch springen kannst?

„Das verdient einen Luftsprung!“, jubelt der Mitspieler neben mir auf der Bühne und springt in die Luft. Unmittelbar danach gehen die Scheinwerfer aus. Die Premiere unseres Theaterstücks ist geschafft – und gelungen. Das Publikum applaudiert, ich sehe in die Gesichter meiner Mitspieler und entdecke darin dieselbe Euphorie, die auch mich gepackt hat. Die reine Freude.
Vergessen ist der ganze Ärger und Frust der vergangenen Tage. Alles weg. Dabei hatte mich das so belastet.
In der letzten Woche bin ich zweimal mit Situationen konfrontiert worden, in denen Menschen ihren gesamten Hass und ihre Missgunst gegenüber anderen zum Ausdruck gebracht haben. Das erste Mal fand im Internet statt. Mir war, ehrlich gesagt, nicht bewusst wie massiv sich dort Fremdenhass ausbreitet. Es gibt ihn, das war mir klar. Aber so, dass auf einen kleinen Beitrag in einem Sozialen Netzwerk gleich eine Welle an Beschimpfungen, völlig fern jeder Realität und auch völlig bezugslos über einen hinwegschwappt, hatte ich das nicht erwartet. Und dabei war es noch ein wirklich minimales Shitstürmchen.
Die zweite Sache, die mich beschäftigt hat,war eine gezielte Aktion, mit der jemand die Arbeit an einem meiner Theaterprojekte, welche locker ein halbes Jahr gedauert hat, einfach so zunichtemachen wollte. Nur aus – ich weiß nicht was. Nur weil dieser Jemand das konnte?
Beide Vorfälle haben mich völlig fassungslos zurückgelassen. Mir ist die Kinnlade runtergeklappt und wollte sich nicht mehr schließen. Doch nachdem der erste Ärger verraucht war, ist mir etwas aufgefallen: Da sind Leute, die sich für mich einsetzen. Die in einem Shitstorm dagegen argumentieren (wenn auch leider völlig fruchtlos), die mir zeigen: Du liegst nicht falsch. Ich teile deine Meinung!
Da sind Menschen, die alles stehen und liegen lassen, um dieses Theaterprojekt zu retten. Nicht nur für mich, sondern auch für unseren Theaterverein – schon klar. Aber trotzdem.
Ich habe Hilfe und Unterstützung bekommen. In einer Woche, in der zusätzlich zum allgemeinen Wahnsinn eben auch noch der Wahnsinn einer Premierenwoche hinzugekommen ist.
Und dann: Premiere.

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Der erste Lacher, die erste positive Reaktion des Publikums und schon war alles in Ordnung. Denn mir ist wieder bewusst geworden, was ich möchte und was nicht. Ich möchte nicht verbittern und mich in Neid und Missgunst suhlen. Ich möchte mit den Menschen um mich herum eine schöne Zeit haben. Auf der Bühne, mitten im Alltag oder meinetwegen auch im Internet. Ich will innerlich Luftsprünge machen. Auf der Bühne überlasse ich das meinem Kollegen.