Der Clown sind die anderen

Ich verkleide mich gerne. Mindestens zweimal pro Jahr. Ich habe kein Problem, aus mir rauszugehen – also meistens. Ich feiere gerne. Ich lache gerne – wenns sein muss, auch über mich. Ich bin gerne in Gesellschaft.

Aber mit Fasching hab ich nichts am Hut. Also gar nichts.

Ich bin dann eben der Spielverderber, der nicht zum Sportlerfasching kommt, der den Kindern zum Schulfasching schnell den immergleichen Umhang überwirft („Geh als Wolf, Kind. Da, der Umhang.“) und der am Faschingsdienstag aus Angst vor dem Faschingsumzug die Ladentüren verrammelt.

Und dann hab ich ihn gesehen – den besten Faschingsauftritt überhaupt:

Da war dieses ältere Pärchen vor meinem Laden. Er grauhaarig, sie mit braun getönter Matronendauerwelle und Brille. Normale Allerweltshosen, Allerweltsgesundheitsschuhe, Winterjacken in beige und für die Dame ein dazu passendes unauffälliges Halstuch. Sie unterhielten sich mit ernsten Mienen. Worüber, das hätte ich gerne gewusst.

clown

Denn die Frau trug einen Clownshut. Einen kleinen grünen Filzhut mit Punkten, unter dem Kinn von einem auffälligen weißen Gummiband gehalten. Und sie trug ihn, als wäre er etwas höchst Normales, wie eine Mütze oder ein Regenschirm. Sie trug ihn mit bitterernstem Gesichtsausdruck und keiner der beiden schien das Stück Fasching als solches wahrzunehmen. Sie stiegen ins Auto und fuhren immer noch lustig behütet aber doch höchst seriös davon.

Ich habe mindestens fünf Minuten gelacht. Das war der coolste, niederbayrischste, schrägste Faschingsauftritt, den ich je gesehen habe. Chapeau! Und Helau!

Heldenzeit

Bestimmt habe ich es irgendwann bereits mal erwähnt: Rührseliges vorweihnachtliches Brimborium ist nicht mein Ding. Advent heißt für mich nicht (oder nicht nur), es sich mit pappigem Glühwein gemütlich zu machen und sich zu schnulzigen Coca-Cola-Weihnachtssongs ein Tränchen im Augenwinkel zu gönnen. Seit ich vor einigen Jahren an einem 1.Adventssonntag eine beeindruckende Predigt gehört habe, steht für mich fest:

Advent heißt Aufbruch.

Richte dich auf, bereite dich vor, werde Licht. Ein Licht für Andere. Klingt schwierig, ich weiß. Schließlich sind wir nicht Jesus und auch nicht Mutter Theresa.

Und doch gibt es sie: Helden. Menschen, die ein Licht sind für Andere. Diese Helden – große wie kleine – möchte ich diesen Dezember sammeln. Im Schaufenster meines Ladens steht ein Adventskalender. Den möchte ich gerne mit Geschichten und Bildern von Helden füllen. Aber weil ich das unmöglich alleine schaffen kann, brauche ich euch.

Bitte schickt mir eure Heldengeschichten. Hier in den Kommentaren, per Email, auf facebook, von mir aus auch per Post oder aufs Handy. Wer ist für euch ein Held und warum? Bei welchen Organisationen arbeiten Helden und wie können wir sie unterstützen? Und wann seid ihr selbst schonmal Held gewesen?

Schreibt mir! Schreibt, schreibt, schreibt. Auch wenn Weihnachtsgeschenke gekauft und Plätzchen gebacken werden müssen. Schreibt! Ich sammle eure Geschichten und fülle meinen Adventskalender damit. Das Ergebnis seht ihr dann auf facebook oder ganz analog in meinem Laden.

Für’s Erste – und um uns warmzulaufen – verratet mir doch, wer eure liebste fiktive Heldenfigur ist und warum. Ist es Spiderman? Lara Croft? Oder ein Charakter aus einem Roman? Ein Serienheld? Ein antiker Halbgott? Lasst es mich wissen (alle anderen Heldengeschichten, Links und Ideen nehme ich natürlich auch gerne jetzt schon entgegen.)

Ich freue mich auf einen Dezember voller Helden. Es ist Heldenzeit!

Familienunternehmen

„Machen Sie das alles selbst?“, werde ich oft gefragt. Dieses Jahr auch gerne: „You do this all by yourself?“ (Flusskreuzfahrten auf dem Rhein-Main-Donau-Kanal sind offenbar sehr beliebt bei Amerikanern, wie ich feststellen konnte). „Yessss!“, antworte ich und bin ganz stolz auf meine Töpfersachen. Doch plötzlich: „Ääääh no!“ Vor Schreck wäre die US-Lady beinahe aus ihren Adiletten gekippt. Und dabei wollte ich sie doch nicht erschrecken. Ich hab mich selbst erschreckt, weil ich seit Monaten etwas unterschlage, wenn ich behaupte, alles in meinem Laden hätte ich selbst gemacht.

Da gibt es nämlich jetzt diese Holzschalen. Und die sind nicht von mir. Die hat mein Papa gemacht. holz

Er ist Schreiner. Genau wie sein Vater und sein Großvater es gewesen waren. Wie sie hatte er einen eigenen Betrieb – den mangels Nachfolger nun ein Anderer leitet. Mein Papa – jetzt in Rente – steht dafür in seinem Keller an der Drechselmaschine (ebenfalls geerbt), staubt sich von oben bis unten ein und drechselt, dass die Späne fliegen! Die fertigen Stücke liefert er mir in den Laden.

Schon komisch. Jahrelang hat meine Eltern die Frage beschäftigt, wer denn nun ihren Betrieb übernimmt. Und ihre Hoffnungen, dass die Schreinerei in der Familie bleibt, haben sich ein ums andere Mal zerschlagen. Schließlich haben sie ihren Frieden mit der Sache gemacht, glaube ich. Und jetzt? Jetzt ist es irgendwie doch so – oder auch ganz anders.

„The wooden things are made by my father“, erkläre ich der Amerikanerin, die sich zum Glück schon von ihrem kleinen Schock erholt hat. „Oh nice“, sagt sie. „So it’s family business?“ Ich grinse und nicke. In gewisser Weise sind wir ein Familienunternehmen.

aussi, auffi, hoam

In der Familie meines Vaters gibt es ziemlich viele, die auf eigenen Beinen stehen, ihre eigene Werkstatt oder ihr eigenes Geschäft haben. Ich denke, das ist erblich. Meine Großeltern hatten, neben der Schreinerei meines Opas, auch ein Möbelgeschäft. Das haben sie anfangs ziemlich alleine betrieben und sind demzufolge kaum in den Urlaub gefahren. Nach Berching mit ihrem schaukeligen Mercedes – vielleicht auch in den Bayrischen Wald. Aber nicht viel weiter und niemals länger als ein paar Tage. Ich erinnere mich, dass meine Oma immer einen riesigen Aufstand gemacht hat. Von wegen, man könne ja den Laden nicht einfach so zusperren und wegfahren. Meine Schwester und mich hat das dann irgendwie amüsiert. Die Oma… ts. Als ob in den paar Stunden, in denen das Möbelhaus geschlossen wäre, gleich die Leute mit dem großen Geld anrücken und den Laden leerkaufen würden. Meine Güte, die würden dann schon wiederkommen…

Seit ich selbst dem Ruf meiner Gene gefolgt bin und meinen eigenen Laden ganz alleine betreibe, fange ich an meine Oma zu verstehen. Häng ich jetzt schon wieder am Freitagnachmittag ein Schild hin, mit der Aufschrift: „Bin ab Montag wieder für Sie da“? Mitten im Sommer? Wenn die Touristen in der Stadt sind, das große Geld mitbringen und meinen Laden leerkaufen wollen? Und dann? Dann bin ich nicht da!

Es ist nämlich so: Einerseits gehen viele meiner Bekannten davon aus, dass ich als Unternehmerin auf- und zusperren könnte, wie ich gerade möchte. Stimmt ja, kann ich ja. Tatsache ist aber auch, dass ich, wann immer ich nach so einem geschlossenen Wochenende wieder aufsperre, auf Leute treffe, die sagen: „Ich war ja am Freitag schon mal da – aber da war geschlossen.“ Den Satz: „Naja, wer sich’s leisten kann…“ meine ich manchmal ganz deutlich herauszuhören.

Hm. Nein, ich kann mir das eigentlich nicht leisten. Aber manchmal geht es nicht anders. Manchmal muss ich. Ich muss aussi aus der Stadt, auffi aufn Berg (wahlweise auch auf eine Theaterbühne) oder einfach nur hoam zu meiner Familie. Wie ein Freund vor Kurzem gesagt hat: „Da hilft a koa blaue Salm ned.“

Also sperre ich zu am Freitagnachmittag, denke an meine Oma, sehe meine Schwester angesichts meiner Gewissensbisse mit den Augen rollen und hoffe einfach, dass die Leute, die freitags bei mir vor verschlossener Tür stehen, am Montag schon wiederkommen werden.

Bin ich schon Biedermann?

Oder gibt es noch Rettung?

Es ist erst ein Vierteljahr her, da schieb ich ins Programmheft unseres Frühlingsstücks:

Blog Fußball

„Biedermann und die Brandstifter“ ist ein Stück, in dem ein Mann eine Bedrohung wider besseren Wissens so lange ignoriert und verleugnet, bis es zu spät ist. Die Brandstifter zünden ihm das Haus an. Sie vernichten ein ganzes Viertel, eine ganze Stadt. Der Autor Max Frisch bezog sein Stück 1948 eigentlich auf den Nazionalsozialismus, wir bezogen uns darin 2016 ehrlich gesagt nicht so sehr auf eine rassisitische Bedrohung, wie wir es hätten tun können. Aber schließlich standen bei uns ja auch 11-Jährige auf der Bühne. Und wir spielten aufm Dorf, wo jeder jeden kennt und man nicht will, dass…

Das sind Ausreden, ich weiß. Und ich ärgere mir deswegen ein Loch in meinen linksgrünversifften, friedliebenden Hippiegutmenschenbauch. Aber auf dem Land oder in der Kleinstadt werden solche Ausreden ernstzunehmende Argumente. Beispiel:

Nehmen wir an, ein Trainer des örtlichen Fußballvereins weigert sich, Flüchtlingskinder zu trainieren. „Das möchte ich nicht“, hat er vielleicht gesagt. Die Eltern wundert das nicht. Einigen ist er schon aufgefallen, durch seine fremdenfeindlichen Äußerungen, aber die Kinder mögen ihn. Die Kinder lieben noch viel mehr die Gemeinschaft im Verein, das Spiel mit den Freunden. Fußball verbindet. Und ehrenamtliche Trainer sind rar. Extrem rar sogar. Das weiß auch die Vereinsführung und eiert vielleicht ein wenig rum: Eigentlich müsste es schon möglich sein. Vielleicht nimmt die Flüchtlingskinder ja ein anderer Trainer. Wäre das nicht die beste Lösung? Ja, vielleicht.

Oder doch nicht? Wäre es nicht viel eher angebracht, sein Kind sofort aus der Mannschaft zu nehmen und auf Nachfragen anderer Eltern zu antworten: „Ich will mein Kind nicht von einem rassistischen Arschloch trainieren lassen – und das solltest du auch nicht“? Was hätte das wohl für Konsequenzen? Ich befürchte, es wären Reaktionen wie: „Die reagiert ja jetzt über. Ich glaub nicht, dass das ein Rassist ist. Der ist doch eigentlich ganz nett. Man kann ja nicht gleich jeden ablehnen, nur weil er eine andere Meinung hat. Die spinnt doch. Die ist doch hysterisch. Die war schon allerweil nicht so wie wir.“ – Ausgrenzung.

Ich habe ja an anderer Stelle bereits einmal geschrieben, dass die Konsequenzen in einer Kleinstadt härter und wesentlich weitreichender sind, als in einer anonymen Großstadt. Hier begegnet man sich nicht nur zweimal im Leben. Hier begegnet man sich ständig: Bei Festen, in der Kirche (!), auf dem Amt, in einem Laden. Hier kann es leicht passieren, dass man auf so einen Menschen angewiesen ist. Oder die eigenen Kinder.

Ich frage mich, ob sich Herr Biedermann auch ein Loch in den wohlgenährten Bürgerbauch geärgert hat, bevor er aus Angst vor Konsequenzen einfach nichts getan hat, die Katastrophe nicht verhindert hat. Ich ärgere mich auf jeden Fall. Ich ärgere mich und bin bestürzt. Über Hass im Internet, über Hass in den Herzen, über Menschen die aus Hass schreckliche, fürchterliche Taten begehen. Und ich ärgere mich über meine Passivität, meine Angst vor Konsequenzen.

Von Herrn Biedermann, dieser erbärmlichen, feigen Kunstfigur hätte ich erwartet, dass er sich gegen die Brandstifter stellt. Und was erwarte ich von meinem eigenen, feigen, ganz realen Ich?

Verkehr – oder nicht Verkehr?

Wir Kelheimer fahren Auto. Und warum? Weil wir es können. Weil es so praktisch ist – und so bequem. Wir fahren auch nur dahin, wo wir einen Parkplatz bekommen. Drei Schritte laufen? Fahrrad fahren? Nicht mit uns. Wir parken vor der Haustür. Das ist am einfachsten.

SchildSchwierig wird es nur für die anderen. Die Städteplaner, die Tourismusmanager, die Cafébetreiber, Ladenbesitzer und Fremdenführer. Für diejenigen, die ihre Innenstadt idyllisch und für Touristen attraktiv haben wollen und trotzdem auch auf den Umsatz mit Einheimischen angewiesen sind. Nicht einfach. Gar nicht einfach.

Denn, was passiert, wenn die Innenstadt für Autos gesperrt wird? Das lässt sich zu keinem Zeitpunkt so gut beobachten, wie beim 24-Stunden-Rennen. Wie der Name schon sagt, fahren an diesem Wochenende 24 Stunden lang Radfahrer in einer Schleife rundum und mitten durch Kelheim. In Mannschaften, alleine, zum Spaß oder mit Ehrgeiz. Jedes Jahr ein Wahnsinnsspektakel mit vielen Zuschauern von überall her, Musik, Rambazamba und – eben – Straßensperren. Erst noch wenige… am Freitagvormittag nur der Kern. Überall stauen sich die Autos der Kelheimer, es ist ein Hupkonzert und ein Geschimpfe. Keine Parkplätze! Sauerei! Menschen hasten von ihren im Parkverbot abgestellten Autos zu den Geschäften und schnell wieder zurück. Manisch vor sich hinbrummelnd: „Wenn ich jetzt nen Strafzettel krieg, dreh ich durch. Das ist ja der Wahnsinn hier. Der Wahnsinn. Echt, der Wahnsinn.“

Dann wird schließlich fast die gesamte Stadt abgeriegelt. Zurück bleibt nicht etwa eine idyllische Fußgängerzone voller Leben, sondern: Leere. Gähnende Leere. Freitagmittag ist Ruhe – sieht man mal von den Zulieferern und Technikern ab, die ja für’s Rennen noch zu arbeiten haben. Die Ladenbesitzer dagegen können sich das dritte Käffchen eingießen und die Füße hochlegen. Da kommt heut‘ keiner mehr. Gibt ja keine Parkplätze.

So sieht ein Kelheim ohne Autos aus. Verlassen. Das Rennen beginnt erst Samstag – und mit ihm kommen dann die Zuschauer. Es sollen auch Kelheimer darunter sein, habe ich gehört. Wie die allerdings in die Stadt gekommen sind? Keine Ahnung. Und ich kann sie ja auch nicht fragen. Ich geh da nicht hin. Kannst ja nirgends parken.

Verwobene Geschichte(n)

Ein Buchladen ist ein Ort voller Bücher, voller Geschichten, voller Fantasie. Seitenweise Verheißung, Abenteuer, Inspiration. In einem Buchladen ist alles möglich.

Dann ist es also auch möglich, dass sich Christiane von ihrem Buchladen trennt. Dass sie die vielen Fäden und Haken löst, die sie mit diesem speziellen Ort in Kelheim verbinden.

Und wir anderen müssen uns überlegen, welche unserer Fäden uns mit Christiane verbinden und welche mit dem Buchladen am Alten Markt, der jetzt nicht mehr ihrer ist.

Das wird sicher nicht leicht. Ich für meinen Teil rechne noch mit vielen Knoten und Verwirrungen in nächster Zeit. Schließlich war der Buchladen am Alten Markt fester, zentraler Bestandteil eines Netzwerks. Ein Netz, gesponnen aus Lokalpolitik, Umweltschutz, Asylhilfe, Fair-Trade-Kaffee, Inklusion, Aktion, Kultur, Biokeksen und Spinnerei – inmitten von Büchern, umgeben von fantastischen Handlungssträngen.Buchladen2

Wir lösen die Fäden und knüpfen daraus ein neues Netz. Vielleicht fehlt an manchen Stellen eine Verbindung – aber sicher nicht für lange. Es wird spannend – neu.

Wie beruhigend ist aber gleichzeitig, dass es auch Dinge gibt, die unverändert bleiben: Im Buchladen am Alten Markt gibt es nach wie vor Bücher zu kaufen und zu bestellen. Es bleibt ein Ort voller Geschichten, voller Fantasie, voller Verheißung, Abenteuer und Inspiration.

Ein Ort, den Christiane geschaffen hat. Danke dafür und noch für ganz viel mehr.

Preisverdächtige Integration

Wenn man hochdekorierten Stars Glauben schenken kann, sind ihnen – von all den Preisen, die sie je abgesahnt  haben – die Publikumspreise doch die liebsten.

Der Preis der Jury? Echt toll. Super. Vielen Dank an die Jury.

Der Preis des Publikums? The real shit, baby! Hier haben die abgestimmt, die’s angeht. Die Fans. Hier geht es ums Herz. Hier geht es um Liebe.

Meine Heimatstadt Kelheim bekommt heuer auch einen Preis verliehen. Den „Integrationspreis für den Landkreis Kelheim“. (An dieser Stelle muss ich für einige Leser eine Pause einbauen, damit sie in Ruhe zu Ende lachen können) – Pause – Die Stadt Kelheim bekommt den „Integrationspreis für den Landkreis Kelheim“. Es ist ein Jurypreis. Hm. Ja. Um ehrlich zu sein, wirft die Verleihung dieses Preises bei mir so viele Fragen auf, dass ich beschlossen habe, das einfach unter „Jurypreis“ zu verbuchen und nicht weiter drüber nachzudenken.

Stattdessen habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wer denn meiner Meinung nach meinen ganz persönlichen Publikumspreis für Integration bekommen würde. Aus meiner Sicht, als Zugezogene.

Hier meine Laudatio:

Als wir vor mittlerweile elf Jahren aus einem anderen Stadtteil in diesen mehrere hundert Meter (!) entfernten kleinen Ort gezogen sind, habe ich noch nicht gewusst, was mich erwartet.  Mein Mann und ich dachten uns: Hier ist es schön, schön ruhig. Der Kindergarten ist in der Nähe, die Schule auch. Wunderbar. Hier soll der Platz sein, an dem unsere Kinder aufwachsen können. Erst nach und nach ist mir bewusst geworden, wie groß die Unterschiede sind, die es zu überwinden gilt, wie alteingesessen und in sich geschlossen die Gemeinschaft ist, an deren Rand wir unser Häuschen stehen haben.

Es hat eine Weile gedauert, aber als mein Sohn in der Dorfschule Freundschaft mit einem Klassenkameraden geschlossen hat, hat sich dessen Mutter an die Arbeit gemacht, mich zu integrieren.

Sie hat mir die Sprache des Dorfes beigebracht. Im Wesentlichen, wer wer ist, wer wo wohnt, welche Häuser zu welchem Besitz gehören und welche Familien mit welchen wie verwandt sind. Ich muss zugeben, die Grundstrukturen raffe ich schön langsam, aber immer noch fehlen Vokabeln und Grammatik an ziemlich wichtigen Stellen. Zum Glück ist es ihr egal, wenn ich da mal wieder auf ganzer Linie versage. Sie erklärt es mir einfach noch einmal. Und nicht von oben herab. Sondern wie nebenbei. Das weiß ich sehr zu schätzen. Mit der gleichen Leichtigkeit gehen wir gemeinsam übrigens auch an die Gepflogenheiten im Dorf.  So weiß ich jetzt, in welchen Vereinen ich Mitglied sein kann und in welchen nicht (gut, ich brenne jetzt auch nicht soo  darauf, Mitglied in der Marianischen Männerkongregation zu werden). Ich weiß, dass  Böllerschießen zu allen Festen im Dorf einfach dazugehört und dass ich gefälligst eine Spende rausrücke, wenn der Sportverein für die Christbaumversteigerung sammelt (oder war’s die Feuerwehr?).

Und was noch viel wichtiger ist als dieser ganze Sprach- und Gepflogenheitenkram, ist die Zeit, die wir gemeinsam  verbringen. Der Kaffee und diese leckeren Kuchenteile, die sie wann immer ich bei ihr aufkreuze, vor mich hinstellt. Die Ratscherei über Bücher. Das Rezepte-Austauschen (obwohl hier von Austausch keine Rede sein kann – ich nehme gerne und habe nichts zu geben) und ihre Nachsicht, wenn ich mal wieder einfach keine Zeit habe.

Dass ich nach all der Zeit immer noch nicht richtig integriert bin, ist nicht ihre Schuld. Die Dorfgemeinschaft ist eine harte Nuss. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich sie tatsächlich vollständig knacken will. Denn in gewisser Hinsicht bin ich ja auch ein Integrationsverweigerer. Ich verbringe meinen Nachmittag lieber lesend auf der Couch, als beim Feuerwehrfest, spiele lieber Theater mit meinen Freunden, als im örtlichen Sportverein.

Für ihre Arbeit hätte sie aber in jedem Fall einen Preis verdient. Meinen Publikumspreis für Integration. Doch den würde sie wahrscheinlich gar nicht annehmen wollen. Schließlich geht’s hier um Freundschaft. Und das ist the REAL real shit, baby!

 

K-Faktor, der

K-Faktor, Substantiv, männlich.

Der K-Faktor beschreibt die Fähigkeit einer Gruppe, einer Generation – ach was, einer ganzen Stadt, Veranstaltungen noch vor deren Beginn schlecht zu finden, schlecht zu reden, dann selbstverständlich nicht hinzugehen und sich schließlich drüber aufzuregen, dass nie was los ist.

Er ist ein Mysterium, dieser K-Faktor. Obwohl er, wie der Name schon sagt, in meiner Heimatstadt Kelheim seinen Ursprung hat, haben selbst die Kelheimer nie herausfinden können an was es – verd…. nochmal – liegt, dass man sich wochenlang für eine Veranstaltung den Hintern abschuftet, um dann doch nur eine eher maue Anzahl an zahlenden Gästen zu haben.

Beispiel gefällig? Nimm irgendeine von Kelheimern organisierte Veranstaltung. Ganz beliebig. Ein Volksfest, ein Rockkonzert, eine Lesung, ein Christkindlmarkt.

„Ach echt? In Kelheim? Und wann? Wer organisiert das nochmal? Ja dann… Ich weiß nicht ob ich da Zeit hab. Oder ob ich Bock hab. Was soll ich denn auch da? Kenn ja keinen. Schon gar nicht die Band/den Autor/die Darsteller etc.“

Ich frag mich immer, auf wen wir hier in Kelheim denn warten? Auf Justin Timberlake? Die Queen? Das Russische Staatsballett? Wen müsste man denn ankarren, für ein volles Haus? Oder kommt der K-Faktor wirklich daher, wie ein Bekannter mal vermutete, dass sich die Kelheimer gegenseitig nichtmal das Schwarze unterm Fingernagel gönnen? Es könnte ja einer an so einer Veranstaltung was verdienen… Eine unerträgliche Vorstellung! Aber jetzt weiter im vorauseilenden Pessimismus:

„Ach, da geht doch eh keiner hin. In Kelheim funktioniert doch sowas ohnehin nicht. Wer soll sich das denn anschauen wollen? Das ist ja auch ein doofer Termin. Da sind doch alle im Urlaub. Und bei uns ist es viel zu kalt. Es regnet. Ja, wenn es nicht regnen würde… aber so…“

Oder auch: „Ja, wenn du das in XYZ machen würdest, da würden schon Leute kommen. Die haben ja auch ein gaaaaaanz anderes kulturelles Leben, einen schöneren Stadtplatz, eine bessere Verkehrsanbindung – auf alle Fälle ist da alles besser. So wie es jetzt ist, kann das ja in Kelheim nix werden.“

Nicht hinzugehen ist dann wie die Erfüllung der eignen Prophezeiung.

Und hinterher? Da beschreibt man seine Heimatstadt Bekannten gegenüber gerne so: „Ich komm ja aus Kelheim. Ist ja ganz nett da. Befreiungshalle und so. Und Weltenburg. Und Bier. Aber langweilig. Also kulturell ist da ja gar nix los. Nix. Der. Hund. Verreckt. Unser Volksfest hat nichtmal ein Riesenrad. Kannst aber in Kelheim halt auch nix organisieren – geht ja keiner hin.“

„Keiner“ stimmt dann doch nicht ganz. A bissl wos geht sogar in Kelheim.

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Synthiepopband Cosby auf dem JUKUU in Kelheim

Unerschrockene, Neugierige, Trotzige gibt es auch hier. Und die kommen auch meistens auf ihre Kosten. Sooo wenige Veranstaltungen gibt es nämlich gar nicht. Mich verschlägts ab und zu auch mal zu einer. An diesem Wochenende zum Beispiel zum JUKUU-Festival. Und während ich mich da so umsehe, Musik höre und mich frage, ob denn genügend Tickets verkauft worden sind, um die Kosten zu decken, beschleicht mich ein Gefühl. Das Gefühl, dass der K-Faktor schwindet. Langsam. Viel zu langsam. Aber doch.

Also haltet durch, ihr Leute, die ihr in Kelheim was reißen wollt, haltet durch und macht so weiter. Gebt die Hoffnung nicht auf. Es tut sich was. Und vielleicht wissen dann eure Nachkommen – Enkel, Urenkel, Ururenkel –  irgendwann nicht mehr, was der K-Faktor eigentlich ist.

 

 

Selbstgespräch

Warum soll ich da gleich nochmal hingehen?

Weil du eine Kelheimer Geschäftsfrau bist. Zeig dich. Triff wichige Leute. Rede mit ihnen. Knüpfe Kontakte. Das machen alle anderen da auch. Dafür sind solche Veranstaltungen da. „Fuß in der Tür“ – du weißt schon. Außerdem gibt es Essen und Trinken für lau. Als scheiß hier nicht rum und geh da hin.

Na dann los. Sekt trinken, Hände schütteln. Die des Kaminkehrers, der Kelheimer Festkönigin, des Bürgermeisters.

Vielen Dank für die Einladung.

Herzlich Willkommen zum Neujahrsempfang der Stadt Kelheim.

Siehst du, es sind doch mehr bekannte Gesicher, als du dachtest. Ganz schön viele bekannte Gesicher, ehrlich gesagt. Also los: Netzwerken, netzwerken, netzwerken!

Erst die Rede. Ob die wohl lange dauert? Ich hab Durst. Moment: Ist er sich bewusst, dass die Satzkombi: „Zwei große Hotels in Kelheim mussten schließen… Sie dienen momentan als Unterkunft für Flüchtlinge. Wir hoffen, dass das nicht so weitergeht.“ leicht missverstanden werden könnte?

Hat denn deine politisch korrkte, genderneutrale Gscheidhaferlgehirnwindung nie Pause? Mach dich mal locker.

Jaja, schon gut. Er hat ja auch gesagt, wir wären Schmuck. Ist ja auch ein Kompliment – irgendwie.

LOCKER machen!

Jahaa. Oh, Musik! Wie kommt man denn als Jugendlicher dazu, Tuba spielen zu lernen?

Jetzt mecker hier nicht rum, nur weil die Musik nicht dein Geschmack ist. Siehst du, die Frau da vorne, die wippt mit dem Fuß.

Ich mecker ja gar nicht. Ich sag nur: Tuba spielen als Jugendlicher – das erfordert Schneid! Und muss man eigentlich genau SO dasitzen, wenn man Klarinette spielt?

Das ist doch total egal, so lange man gut spielt. Und die spielen gut. Außerdem: Sei ruhig, die nächste Rede steht an.

Bist du sicher, dass das kein Liedtext von Dieter Bohlen ist? „Der Jugend gehört die Zukunft“. Ich hätte in Zukunft gerne was zu trinken. Und jetzt? Noch eine Rede. Ach was. Soll ich mich trauen und auf die Uhr schauen? Ich muss an meinen Papa denken. Der hatte solche Empfänge bis vor zwei Jahren noch am laufenden Band. Hoffentlich war er dabei nicht oft durstig.

Psssst! Jetzt kommt der lustige Teil.

Sicher. Aber ein Sketch ohne Schlusspointe endet eben ohne Lacher. Da können die da auf der Bühne noch so ambitioniert spielen. Kommt jetzt echt noch eine Rede? Ja. Und ein Interview mit Fußballern. Wem ist denn das eingefallen?

Beschwer dich nicht! Würdest du deinen walartigen Körper auch mal zu sportlichen Höchstleistungen antreiben, würdest du dich auch über eine Würdigung freuen.

Ja schon. Aber ich würde als Journalist nicht so ein Foto machen…

Bist du nun endlich still? Bestimmt ist es gleich aus.

Haahaa! Jetzt dauert es dir auch zu lang, was?

Ich höre dich nicht, ich höre dich nicht.

Nein! Die Dame da vorne kündigt noch jemanden an. Wer ist er? Ah, das ist… das Wort „Fatzke“ liegt mir auf der Zunge.

Du kennst den doch gar nicht! Vielleicht ist der ganz sympathisch. Außerdem hat er Geld! Er wird den Wittelsbacher Hof in Kelheim retten. Und er hat rote Schuhe und übersetzt das Wort „Lifestyle“ für uns biedere Kleinstädter ins Deutsche. Das ist doch nett!

Nett wäre, wenn er wissen würde, dass es in Kelheim weder einen Gasthof „zum Stern“noch „zur Glocke“ noch „zur Post“ gibt. Aber meinetwegen, alles Gute für seine Nachtclubpläne.

Typisch Kelheimerin. Mensch, sei doch mal offen für neue Ideen.

Boah, DAS sagst du nicht zu mir! Ui, jetzt ist es aus. Und die Band spielt „Thriller“.

Du kannst keinen Moonwalk, das weißt du, oder?

Schon gut. Ich verschwende meine Energie lieber in der Schlacht um die Getränke. Das ist jetzt wichtiger. Oh was für ein Glück – endlich sit.

Du bist anstrengend.

Du auch. Und jetzt?

Tu, wozu du hier bist! Netzwerken, netzwerken, netzwerken.

Okay, dann los. Wie macht man das?

Kontakte knüpfen.

Wie denn?

Smalltalk! Du meine Güte.

Wenn ich dich richtig verstanden habe, ist es jetzt Zeit für einen netten Ratsch. Und noch einen. Und noch einen. Schöne Veranstaltung hier. Oh, halb zwölf!