Viele Reden, kurzer Sinn

Eine Schulaula, voll besetzt. Technische Probleme mit dem Mikrofon. Hektisches Fotografieren der Eltern – entgegen aller vorheringen Hinweise, das bitte zu unterlassen. Grußworte. Reden. Zeugnisübergabe. Applaus.

Darauf lassen sich die meisten Schulabschlussfeiern herunterbrechen, denke ich. Und es sind überwiegend auch eher langweilige Veranstaltungen. Doch das fällt zum Glück nicht auf, weil die Gäste so aufgeregt sind, dass es eh wurscht ist. Der Sohn, die Tochter, man selbst hat das Abitur (die Mittlere Reife, den Quali, wasauchimmer) geschafft! Der Rest ist Nebensache. Und so erwartet man sich auch nicht recht viel von den Grußworten und den Festreden.

Eine kleine Auswahl aus der Abiturientenverabschiedung meines Kindes:

„Sie sind die Elite Deutschlands“

„Jetzt beginnt eine aufregende Zeit.“

„Schön war’s.“

„Freunde gefunden… gelernt… gelacht… sich auch mal geärgert… aber trotzdem…“

„Bildung ist nicht gleich Wissen.“ (anscheinend das neue „nicht für die Schule lernen wir…“)

„Vielen Dank an alle, die uns auf unserem Weg begleitet haben.“

„Besuchen Sie Ihre alte Schule vielleicht mal wieder. Wir würden uns freuen.“

„Feiern S‘ g’scheit!“

Und dann mittendrin zwei Formulierungen aus zwei unterschiedlichen Reden, die trotz der ganzen Stolzhormone zu mir durchgedrungen sind:

Die erste (sinngemäß): „Und denken Sie dran, Sie müssen nicht studieren. Ziehen Sie ruhig auch einen handwerklichen Beruf in Betracht.“

Die zweite: „The Road Not Taken von Robert Frost ist eines der wohl am häufigsten fehlinterpretierten Gedichte.“ Konkret ging es um diesen letzten Absatz:

(von http://www.poetryfoundation.org
Übersetzt von Paul Celan:
Dies alles sage ich, mit einem Ach darin, dereinst
und irgendwo nach Jahr und Jahr und Jahr:
Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander,
und ich – ich schlug den einen ein, den weniger begangnen,
und dieses war der ganze Unterschied.

von denkzeiten.com)

Der wohl häufig so interpretiert wird, dass der weniger ausgetretene Weg, der bessere sei und… blabla… dingenskirchen… stimmt das wohl nicht.

In meinem Kopf vermischen sich diese beiden Formulierungen und nerven mich mit der Frage, welche Wege ich in meinem Leben genommen habe und welche ich meinen Kindern empfehlen würde.

Als unstudierte Handwerkerin mit durchaus gutem Abitur würde ich aus meiner Erfahrung heraus meinem Kind raten: NEIN! Zieh erstmal keinen handwerklichen Beruf in Betracht. Wenn du kannst, studiere! Studiere was auch immer. Aber studiere. Ich weiß, das ist eine ziemlich unpopuläre Einstellung und klingt nach Eislaufmutti mit unverwirklichten Träumen. Ja, stimmt schon irgendwie. Tatsache ist aber: Ich habe mich nach dem Abitur für einen handwerklichen Beruf entschieden (den ich wirklich wirklich mag! Ehrlich!) und habe den Weg betreten „that has made all the difference“. Einen Weg zurück zum Studium gab es nicht mehr. Und das hat mich in meinen beruflichen Ambitionen schon so oft ausgebremst, dass ich es gar nicht mehr zählen kann.

So kann man zum Beispiel als ausgebildete Rundfunkredakteurin beim Bayrischen Rundfunk nur einen Redakteurs-Job ergattern, wenn man studiert hat. Egal was! Wirklich und ehrlich wahr: EGAL WAS! (Und um einem das zu sagen, lassen sie einen extra in München antanzen)

So kann man als Quereinsteigerin an einer staatlichen Schule nur unterrichten, wenn man studiert hat. Nicht unbedingt Pädagogik, aber halt was anderes.

So bringt einem die Zusatzausbildung zur Theaterpädagogin nur wirklich was, wenn man schon mal ein paar Semester (vorzugsweise) Pädagogik studiert hat.

Und das ist nur ein kleiner Teil meiner Erfahrungen. Und die möchte ich meinem Kind ersparen. Deshalb: Wenn du kannst, Kind, studiere. Uns wenn’s dir keinen Spaß macht, kannst du immer noch töpfern.

Wobei auch dafür eine Stelle im Gedicht steht:

(von Paul Celan übersetzt mit:
Doch wissend, wie’s mit Wegen ist, wie Weg zu Weg führt,
erschien mir zweifelhaft, daß ich je wiederkommen würde.

von denkzeiten.com)

Will sagen (wenn ich es nicht falsch interpretiere): So einfach ist das nicht, mit den Entscheidungen. Denn sind sie mal getroffen, gibt es kein Zurück.

So ist das eben im Leben und das ist die meiste Zeit auch ganz okay so. Aber es fällt uns besonders in den Momenten auf, in denen wir andere Menschen sehen, die alle diese Entscheidungen noch vor sich haben. Bei Schulabschlussfeiern zum Beispiel. In vollen Schulaulen, mit quietschenden Rückkopplungen und gezückten Handykameras liegen sie in der Luft – diese Möglichkeiten!

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2 Gedanken zu „Viele Reden, kurzer Sinn

  1. Als Akademikertochter, die unbedingt studieren musste, obwohl es mir nicht lag, die Jahre um Jahre an Studiengänge verloren hat, die zwar zu einem Abschluss, aber zu keinem Beruf geführt haben und bis heute in mir ein Gefühl des Scheiterns hinterlassen haben, würde ich folgendes sagen: Tu was dir dein Herz in der Nacht leise zu flüstert, das was du wirklich willst und hör bloß nicht auf jemanden anderen und wenn du wählen musst, ob du dich selbst enttäuscht oder jemanden anderen, dann enttäusche den anderen, auch wenn es die eigenen Eltern sind. Aber davor: Mach frei! Geniesse die Zeit und atme den Sommer und mach vll. ein Freiwilliges Soziales Jahr, damit du siehst was du alles in dieser Gesellschaft bewirken kannst! Und hör auf keinen Fall auf mich! LG und herzlichen Glückwunsch zum Abitur!

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