Differenzierter Mist

„Ich kann es nicht glauben, dass wir wieder wegen der gleichen Scheiße auf die Straße gehen müssen!“

Die Frau, die das gesagt hat, wird kommende Woche 70. Ich kenne sie erst ein paar Jahre näher und muss sagen: Ja, sie ist wirklich schon viel auf die Straße gegangen. Gegen Atomkraft, für Umweltschutz, gegen Rassismus, für Klimaschutz, gegen Abschiebungen, für Abrüstung, gegen Krieg, für Frieden und so weiter und so weiter. Ab und zu bin ich mitgegangen. So wie heute. Da standen wir gemeinsam mit vielen anderen. Sie mit ihrem Schild, das sagte „Stoppt den Krieg in der Ukraine“, ich mit dem Bedürfnis unter Menschen zu sein, die die Lage in der Ukraine ähnlich sehen, wie ich.

Denn wie ich die Lage sehe, wurde in den vergangenen Tagen erschüttert. „Informier dich doch mal richtig“, wurde mir geschrieben, als ich den Aufruf zu oben beschriebener Mahnwache in den sozialen Medien geteilt habe. „Weißt du, wie es wirklich war, die letzten 8 Jahre in der Ostukraine?“ Nein, das weiß ich nicht. „Denkst du, dass die NATO keinen Dreck am Stecken hat?“ Nein, das denke ich nicht. „Warum kümmert dich jetzt ein Krieg in der Ukraine?“ Weil… „Warum kümmerst du dich nicht um die Konflikte anderswo?“ Ja, weil, das ist… „Warum sind dir die Leute in Syrien oder Afghanistan egal?“ Moment, das sind sie doch gar nicht… „Kann es daran liegen, dass diese Menschen dunkelhäutig sind und du dich deswegen nicht scherst?“ OB DU VIELLEICHT DEINE KLAPPE HALTEN KANNST, FRAGE ICH?

Tatsache ist, dass ich mich für eine Teilnahme an einer Mahnwache nicht rechtfertigen muss. Und wenn doch, dann ist das meine Antwort: Ich sehe Herrn Putins Reden. Höre seine (übersetzten) Worte. Und sofern das nicht ein Deepfake* ist, habe ich alles, was ich wissen muss. Russische Soldaten befinden sich auf dem Boden eines anderen souveränen Staats und führen dort Krieg. Das bestreitet er nicht. Und er droht anderen Ländern mit nie dagewesenen Konsequenzen (und das kann in den Augen vieler Menschen nur ein Atomschlag sein – denn alles andere ist schon dagewesen).

Völlig unabhängig davon, wie kompliziert die Lage in den vergangenen Jahren in der Ukraine gewesen ist; Völlig unabhängig davon, dass die NATO und „der Westen“ selbst Dreck am Stecken haben; Völlig unabhängig davon, was sonst für grauenvolle Dinge auf der Welt passieren: Das geht nicht. Und das sage nicht nur ich, sondern auch so gleichgeschaltete Mainstreamheinis wie der UN-Sicherheitsrat oder die Staatschefs der EU.

„Eine Mahnwache wird Herrn Putin nicht von seinem Krieg abbrignen. Was nützt sie dann?“, werde ich gefragt. Na klar, wenn ich in Kelheim mit ein paar versprengten Hanseln auf die Straße stehe, nutzt das niemandem in der Ukraine. Genausowenig wie die Mahnwachen gegen Abschiebungen irgendeine Abschiebung verhindert haben. Genausowenig, wie die Demonstrationen gegen Rechts, zu der mich die oben erwähnte Demo-„Veteranin“ mitgenommen hat, die AfD verhindert haben.

Ich verrate euch was: Man macht das für sich selbst. Um sich selbst seiner Haltung zu versichern. Es schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Und das hilft gegen Angst und Ohnmacht – bis zu einem gewissen Grad. Das mag egoistisch klingen. Vielleicht ist es das auch. Aber vielleicht hilft es auch den paar Ukrainer*innen die heute dabei waren, gegen ihre Angst und ihre Ohnmacht, wenn sie wissen, dass sie nicht alleine sind. Und das ist schon was. Für das würde ich immer wieder auf die Straße gehen. Hoffentlich muss ich das nicht mehr, wenn ich 70 bin.

Wenn ihr Menschen in der Ukraine helfen möchtet, oder Menschen, die aus der Ukraine flüchten, beziehungsweise geflüchtet sind: Meldet euch bitte bei den zuständigen Stellen. Dem Landkreis, der Stadt, dem BRK, oder bei Vereinen wie dem Bündnis für Menschenwürde Kelheim e.V.

*Deepfakes (engl. Koffer- oder Portemanteau-Wort zusammengesetzt aus den Begriffen „Deep Learning“ und „Fake“) beschreiben realistisch wirkende Medieninhalte (Foto, Audio und Video), welche durch Techniken der künstlichen Intelligenz abgeändert und verfälscht worden sind. (Quelle: Wikipedia 27.02.2022)

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