Adrenalinjunkie

Ich habe Höhenangst. Echt dämliche Höhenangst. Keine 10 Pferde bringen mich in einen Hochseilgarten und nur mit Mühe erklimme ich Treppen mit Gitterstufen. Nein, ich klettere nichtmal auf eine Leiter um die Zimmerdecke zu weißeln. Wie sich Menschen freiwillig, nur mit einem Fallschirm auf dem Rücken von Klippen oder aus Flugzeugen in die Tiefe stürzen können, wird mir für immer ein Rätsel bleiben.

Und doch dachte ich mir vergangenes Wochende kurz: „Basejumper, Freeclimber und wiesiealleheißen – es sind alles armselige Schluffis gegen uns!“

Ich stehe mit den anderen Spielern hinter der Bühne, die Hand schon am Türgriff der Kulisse. Die Musik läuft. Nur noch wenige Sekunden bis zu meinem Auftritt. Der Puls klopft in meinen Ohren. Ich bin konzentriert bis in die Haarspitzen.

Dann legen wir los. Wir stürzen uns nicht in die Tiefe, sondern auf die Bühne. Haben keinen Fallschirm dabei, stattdessen den Text (oh bittebitte!) im Kopf und den Willen, abzuliefern. Das Stück, das wir spielen – „Taxi Taxi“ von Ray Cooney – besteht aus schnellem Sprechen und noch schnellerem Laufen. Aus Sprüngen auf und über eine Couch, aus Tobsuchtsanfällen und absoluter Verwirrung. Kein tiefgründiges, instensives Theater mit vielschichtigen Charakteren, sondern Sport.

Ehrlich, ich mochte es zu Anfang nicht besonders. Zu viele tausendmal wiederholte Klischees, schablonenartige Rollenbilder wie aus einer anderen Zeit, zu viele Wörter, die einfach nicht über meine Lippen kommen wollten. Aber mittlerweile muss ich zugeben – es entspannt mich ungemein.

Taxi, Taxi

Foto/Bildrechte: Andrea Kugler

In diesem Stück auf der Bühne zu stehen, ist wie ein kleiner Urlaub. Ich renne, ich schreie, ich heule. Ich sage Sätze, die ich niemals sonst sagen würde. Ich meine, ich sage tatsächlich: „Das ist der Untergang des Abendlandes!“ – ausgerechnet ich! Und das ist noch lange nicht das Schrägste.

Hinterher bin ich heiser und verschwitzt – aber unglaublich gut drauf. Und zu sehen, dass unser Publikum ebenfalls erschöpft vom vielen Lachen aus dem Theater torkelt, hebt meine Laune gleich noch mehr.

Ich freue mich schon auf die nächsten Aufführungen an den kommenden vier Wochenenden. Es werden vier Urlaubstrips voller Adrenalin – nichts für Schluffis.

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