Versifft

Zu seinen wilden Zeiten, fuhr mein Mann ein Auto, das über und über mit Aufklebern bedeckt war – an den Stellen, an denen man nicht nach draußen sehen musste, versteht sich. Es wird gemunkelt, dass dieses Auto nur durch diese Aufkleber zusammengehalten wurde – hätte man einen entfernt: Totalschaden. Aufkleber für den Zusammenhalt.

Mittlerweile fährt mein Mann ein unbeklebtes Auto – ist dabei aber selbstverständlich noch wild (hallo Schatz!) – dafür zieht etwas anderes Aufkleber, Flugblätter und Plakate magisch an: Mein Laden.

2014 kam das erste kleine Schild in die Tür. „Refugees welcome“ und „réfugiés sont bienvenus“ stand darauf (ersetzt durch ein „Kelheim ist bunt. Refugees are welcome“ vor einem Jahr). Hinzu kamen die welcome-Feder, ein Aufkleber der GRÜNEN, einer von ProAsyl und einer für Integration und Inklusion. Ein offener Brief mit dem Thema „Integration statt Abschiebung“ hängt über dem Plakat mit dem Aufruf zur Demo und im Schaufenster werbe ich um eine Spende für die Flüchtlingshilfe.

Derzeit ist mein Laden so vollgeklebt und vollgehangen, dass es selbt dem arglos vorbeieilenden Passanten sofort ins Gesicht springen muss: Das hier ist der Platz eines „linksgrünversifften Gutmenschen“. Tritt ein – woher du auch immer kommst – kauf Keramik oder Holzsachen ein und lass am besten auch noch ein paar Euro für die Flüchtlingshilfe da.

Ich finde das eigentlich ganz gut so. Doch neulich kam eine Kundin – zufälligerweise engagiert in der Flüchtlingshilfe Landshut – die mir zu so viel Mut gratulierte. „Wir brauchen das. Gerade jetzt, wo alles so auseinanderdriftet. Dass jemand Haltung zeigt“, meinte sie, bezahlte und ließ gleich noch eine Spende da. Mich ließ sie grübelnd zurück. Mutig?

Aufkleber6

Mein Laden zeigt schon immer wie ich bin. Auch, dass ich in den vergangenen Jahren – sagen wir mal – extremer geworden bin. Die Rassisten, ja die konnten und können gerne draußen bleiben. Alle anderen stören sich ja nicht an meinem  „linksgrünversifften“ Ladenschmuck. Dachte ich. Aber ist das immer noch so? Auch ich merke, wie alles auseinanderdriftet. „They will shoot you“, warnte mich vor Kurzem ein Bekannter mit Blick auf mein „Kelheim ist bunt“-Schildchen. Erschießen? Was? Näh. „Du weißt schon, dass da einige Leute bei dir nicht mehr kaufen werden?“, fragte mein wilder Mann. Und immer öfter höre ich durch meine dünnen Schaufensterscheiben: „Refjutschis wellkamm – so a Schmarrn!“

Was ist denn los? Ist es denn nicht mehr normal, sich gegen Rassismus auszuprechen? Und für Flüchtlingshilfe? Ist das tatsächlich extrem links? Und muss man dieses „links“ meiden?

Fakt ist, im Gegensatz zu den Aufklebern auf dem Auto meines Mannes, halten die in meinem Laden nichts zusammen. Vielleicht spalten sie ja sogar. Vielleicht trennen sie die einen von den anderen. Aber wen von wem?

Meines Erachtens sollten – so wie es gerade überall geschieht (Helene Fischer, chapeau!) – viele viele Menschen, bei allen möglichen Gelegenheiten öffentlich ausdrücken (laut, sehr laut), dass es selbstverständlich ist, kein Rassist zu sein. Dass die Mitte der Gesellschaft nicht rassistisch ist. Dass die Mitte ein friedliches Zusammenleben will, in einem demokratischen Europa. Dass ein „refugees-welcome“ immer noch gilt. Und dass man mit einem derartigen Aufkleber nicht linksversifft ist, sondern einfach nur – keine Ahnung – ein Teil dieser Mehrheit.

In meinem Laden liegen übrigens seit heute „Kein Kreuz der AfD“-Flyer der Initiative gegen Rechts Regensburg. Vermutlich brauche ich sie für meine Kunden nicht. Wer trotz oder gerade wegen meiner Aufkleber in meinen Laden kommt, der wählt die sowieso nicht.Aufkleber5

#wirsindmehr #bloggerfuerfluechtlinge #bayernbleibtbunt

 

12 Gedanken zu „Versifft

  1. Super gesagt. Ich liebe deine Wolperdinge Presse. Gutmensch zu sein ist erfüllend, gibt das Leben noch mehr Sinn. Und viel Dankbarkeit ist dein Lohn. Darum sind wir Gurmenschen. Ich bin nicht so poetisch wie du aber du verstehst was ich meine.

  2. Ein sehr lesenswerter Artikel! Bleib so, speak your mind! Man sollte sich meiner Meinung nach nicht verstecken, oder etwas lassen, weil es andere vielleicht nicht gut finden könnten. Klar, werden einige kopfschüttelnd daran vorbei gehen, aber die will man dann wahrscheinlich auch nicht als Kunden, oder?
    Liebe Grüße vom Wendlandrand,
    Katharina

  3. Ganz ehrlich, ich gehe lieber in solche „linksgrünversiffte“ Läden als in solche, die eindeutig dem Establishment angehören 😉 – da trage ich sicherlich das Erbe der 68er mit sämtlichen Begleiterscheinungen in mir…
    Viele Grüße
    Salvia von Liebstöckelschuh

  4. Bei dem beklebten Auto musste ich gerade lachen. Ich kannte mal jemanden, dessen Auto war rundum so vollgemüllt, dass man als Beifahrer nur mit angewinkelten und auf etwas drauf gestellten Beinen sitzen konnte, und das Auto wurde wohl durch Schlamm zusammen gehalten 😀 Deine Einstellung zu Flüchtlingen finde ich richtig toll! Die Welt braucht mehr so Leute wie dich 🙂

  5. Sehr gut geschrieben! Es ist doch so, dass die meisten nur gut reden, aber wenn es darauf ankommt einfach nicht dazu stehen können. Wir haben in Hannover auch Läden die ganz klar sagen: „Nein zu Rassismus, Ja zu jedem einzelnen Menschen“. Und um ehrlich zu sein, da gehe ich viel lieber hin als in Läden, wo alles kritisch beäugt wird und die Menschen aus Angst über Veränderungen den Kopfschütteln oder gar noch schlimmer reagieren.

    Bleib wie du bist!

    Liebe Grüße,
    Mo

  6. Hey, das mit dem Auto ist ja lustig – davon hätte ich auch gerne ein Foto gesehen. 🙂 Zeigst du uns eins…? Ich bin ja ein Fan von solch künstlerischen Gestaltungen, die dann auch noch eine Message haben. Finde es gut, dass du auch darüber bloggst. 🙂
    Liebe Grüße,
    Marie

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