alles einzeln

„Wie könnt ihr denen nur helfen? Gerade ihr? Ihr Frauen?“ Der Mann, der uns bei einer Mahnwache ansprach, schaffte es gerade noch so nicht auszusprechen, dass er Asylbewerber generell für Vergewaltiger hielt – aber es wurde doch ziemlich deutlich. Und wir Frauen müssten schon einen Grund haben, warum wir uns (und ich glaube, er erwähnte auch unsere Kinder) immer wieder mit „denen“ abgäben. Wie so oft in solchen Situationen, hatte ich keine schnelle Antwort parat. „Wa..? Wäääh?“, war das, was mir über die Lippen kam.

Das war irgendwann letzten Herbst. Und heute bin ich wieder mit einer ähnlichen Situation konfrontiert. „Du wirst doch einsehen, dass man nicht alle Menschen Afrikas nach Deutschland holen kann.“ „Kriminelle Ausländer muss man doch abschieben dürfen!“ „Wenn einer woanders registriert ist, dann hat der bei uns doch nichts zu suchen.“ „Wieso jemanden reinlassen, der eh keine Chance hat zu bleiben?“ „Wieso willst du das nicht kapieren?“

Die Antwort könnte hier wieder ein unverständliches Gestammel sein – aber diesmal will ich mir Mühe geben. Denn die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Weil ich zu allen diesen Beispielen eine Geschichte kenne.

Ich kenne Menschen, die in lybischen Lagern gewesen sind und dort misshandelt wurden. Ich kenne jemanden, der bei der Überfahrt übers Mittelmeer beinahe gestorben wäre. Ich habe das Gesicht eines jungen Mannes vor Augen, der nach Italien in die Obdachlosigkeit abgeschoben wurde, weil er nunmal dort registriert war. Ich kenne sicherlich Leute, die gelogen haben, um nach Deutschland zu kommen. Ich weiß von Menschen, die sich eher das Leben nehmen würden, als zurück zu gehen. „Illegale“, Untergetauchte, Verschwundene – auch dazu habe ich Gesichter. Ich kenne Idioten, die sich im Suff geprügelt haben. Und weiß von Jungs, die hier zu Recht eine Strafe absitzen mussten, weil sie sich grob daneben benommen haben. Ich hatte mit Frauen zu tun, die kaum hinter ihrem Mann hervorgeschaut haben und mit welchen, die sich in Deutschland erst einmal das Kopftuch von den Haaren gerissen haben. Da ist dieser träge Mann, der sich einfach nicht aufraffen kann zu arbeiten und der, der zwei Jobs hat. Da ist der Bauingenieur, die Lehrerin, der Student, der Analphabet, der Trinker, der Tagelöhner. Da ist der, der mir unheimlich ist. Da sind die, die mit mir Theater spielen.

Die BILD titelte am 21.6.2018: „Ich habe 40 Menschen ermordet und will Asyl“

Und vielleicht kenne ich auch da jemanden. Weil in Kriegen die einen die anderen umbringen.

schwarz und weiß

Für mich haben sie alle nur eines gemeinsam – das Recht, hier um Asyl zu bitten.

Denn ich kann das einfach nicht pauschal sehen. Und es kotzt mich an (entschuldigt die Formulierung), wenn in der öffentlichen Wahrnehmung aus Menschen abstrakte Begriffe gemacht werden. „Flüchtlingswelle“, „Asyltourismus“, „Illegale“, „Gefährder“, „Nichtsnutze“, „Vergewaltiger“.

Es ist doch so. Wenn man jemanden kennenlernt, seine vielen verschiedenen Facetten entdeckt und versucht ihn zu verstehen, dann wird es unmöglich pauschal zu urteilen.

Das gilt übrigens auch für Rassisten. Ich übe mich in Differenzierung. Es gibt sicher vielfältige (allesamt beknackte) Gründe, andere aufgrund ihrer Herkunft abzulehnen. Aber: Verhältst du dich rassistisch, verhältst du dich wie ein Arschloch. Und weil das so ist, ist mir auch das Schimpfwort wurscht. Basta.

Ein Gedanke zu „alles einzeln

  1. Oh ja…
    Vor allem bei dem Thema „Vergewaltigung“ kommt mir auch das Kotzen.
    In meinem Umfeld kenne ich viele Frauen, die sexuell belästigt und einigen Frauen, die auch vergewaltigt wurden.
    Ich selbst bin keine Ausnahme.
    Und keiner der Täter war ein Flüchtling oder „Ausländer“…
    Wo ist der Aufreger bei den „deutschen“ Tätern? Warum wird da unterschieden? Warum keine Schweigeminute der Afd im Bundestag für Opfer „deutscher“ Täter? Warum regen sich diese Hetzer nur bei Gewalttaten ausländischer Bürger auf?
    Diese scheiß Rassisten und Hetzer.

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