ungesagt – nur aufgeschrieben

Es ist unfassbar, was Lob mit einem macht! Ich bin gestern mit Lob und Liebe überschüttet worden. Und dabei bin ich doch gerade noch so verärgert gewesen – wann war das gleich nochmal?

Der Theaterspielkreis Saal an der Donau e.V. bekam gestern für seine Inszenierung des Theaterstücks „Kartoffelkathi“ den Kunst- und Kulturpreis des Landkreises Kelheim verliehen. Als Vereinsmitglied sowie als Autorin und Regisseurin des Stücks durfte ich zusammen mit unserem Vereinsvorsitzenden eine Rede halten.

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Es muss wohl auch gestern gewesen sein als ich die Rede verfasst habe, die ich eigentlich hätte halten wollen, sie aber nicht gehalten habe weil es mir unangebracht erschien. Und ungerecht den tollen Spielern und meinem Verein gegenüber. Und jetzt, wenn ich mir die Rede so ansehe, weiß ich, dass das auch ganz gut gewesen ist. Trotzdem muss das mal gesagt werden. Also, mit viel Liebe im Herzen und ganz viel Dankbarkeit –

Hier ist die Rede, die ich NICHT gehalten habe:

„Liebe Jury, ich freue mich ehrlich über diesen Preis. Und ich bin diesen vielen tollen Menschen, die dieses Stück ermöglicht haben, wahnsinnig dankbar. Aber es gibt da eine Sache, die dieses Stück betrifft, die mich umtreibt. Und die möchte ich jetzt loswerden:

Ich denke, ich war wiedereinmal nicht deutlich genug. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Dieses Theaterstück ist wunderbar geworden, alle haben sich reingehängt, es war perfekt so wie es war. Und doch hätte ich es etwas anders inszenieren können. Es ärgert mich ein wenig, dass ich mich nicht getraut habe. Kurz zusammengefasst geht es doch in ‚Kartoffelkathi‘ um Folgendes: Da sind fremde Menschen in einem Lager. Vielleicht sind sie gefährlich, vielleicht einfach nur anders. Als die Hauptfigur des Stücks das Leid und die Not dieser Menschen sieht, bleibt ihr nichts anderes übrig, als zu helfen. Dabei gerät sie an Grenzen – auch an die eigenen.

Ist das eine Geschichte, die es so nur in der Vergangenheit gegeben hat? Wirklich?

Ja, ‚Kartoffelkathi‘ ist inspirert von einer Erzählung über meine Urgroßmutter aus dem Jahr 1945. Manchmal denke ich mir aber, ich hätte diesen Zusammenhang gar nicht herstellen sollen. Weil ich feststellen musste, dass viele Leute eben nur diesen Zusammenhang sehen – oder sehen wollen. ‚Kartoffelkathi‘ ist für sie ein Stück über ‚Damals‘. Und ‚Damals‘ ist vorbei. Basta.  Ist ja auch bequem: Zweiter Weltkrieg – schon schlimm. Schachtel auf – ‚Kartoffelkathi‘ rein – Schachtel zu – weitermachen.

Es ist meiner Feigheit geschuldet, dass der aktuelle Bezug nicht so durchgekommen ist, wie gedacht. Inwiefern aktueller Bezug? Gibt es da einen? Nicht nur einen.

Nur mal kurz angemerkt: In Lybien werden Flüchtlinge in Lagern misshandelt oder sogar ermordet, und in Deutschland sind tatsächlich manche der Meinung, man müsste die Boote der Flüchtlinge dort wieder hinschicken. In vielen Ländern – mit denen Deutschland notwendige wirtschaftliche Vereinbarungen hat – werden Menschenrechte mit Füßen getreten, Kritiker gegängelt und eingesperrt. Und ist Polen noch ein Rechtsstaat? Was ist mit Ungarn? Der italienische Innenminister will Sinti und Roma zählen. Der deutsche Innenminister bekommt jetzt seine Ankerzentren und wird von dort aus weiter Menschen in Krisengebiete wie Afghanistan abschieben. Die AfD sitzt im Bundestag! Auf der Straße werden Menschen aufgrund ihrer Religion oder ihrer Hautfarbe beschimpft. Reicht das erstmal?

Und die Kiste mit meiner ‚Kartoffelkathi‘ ist zu – und sie bleibt geschlossen. Preisgekrönt, wunderbar – aber geschlossen.

Nochmals vielen herzlichen Dank für diesen Preis. Und so bin ich heute ziemlich stolz und glücklich, dass unsere harte Arbeit für dieses Stück so eine tolle Würdigung erhält.  Andererseits bin ich aber auch traurig, dass die Aufforderung, die in ‚Kartoffelkathi‘ mitschwingt, so undeutlich ist, dass man sie nicht hört. Deshalb hier nochmal in laut:

Schau hin! Schau hin, wenn sie anfangen Menschen auszugrenzen! Schau hin, wenn sie sie gängeln und einsperren! Schau auf die Menschen, erkenne ihre Menschlichkeit und du wirst nicht anders können, als menschlich zu handeln.“

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