Fahrraddilemma

Wann immer es im Sommer nicht regnet, stürmt, bewölkt oder zu heiß ist, bilde ich mir gerne ein, die geborene Fahrradfahrerin zu sein. Autofahren ist dann was für ignorante Weicheier – ich bin mit dem Radl da! Einkäufe erledigen? Zur Arbeit fahren? – mach ich mit dem linken Oberschenkelmuskel, Baby!

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Noch Parkplätze frei

Und dabei ist es noch so schön romantisch. Denn obwohl ich in Funktionsjacke und Radlhelm nicht so aussehe – in meiner Vorstellung wallt mein blumengeschmücktes Haar im Sommerwind und mein Hippiekleid flattert mir um die Beine (und gerät selbstverständlich weder in die Kette noch in die Speichen vom Hinterrad). Ach, es könnte alles so schön sein – wäre die Sportstadt Kelheim (das hab nicht ich erfunden, Leute!), die Heimat eines Vereins mit dem Namen Run&Bike, die so malerisch am Donauradweg liegt nicht eine Autofahrerstadt. Ja, so ist das.

 

Entnervtes Hupen hinter mir im Kreisverkehr (wo soll ich denn hin?), entwürdigende Regeln für linksabbiegende Radfahrer (absteigen und mit dem Rad zweimal an Fußgängerampeln auf Grün warten), oder mitten auf dem Radweg abgestellte Baustellenschilder sind nur ein paar Beispiele,

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Engstelle

wie meine Freude am schwungvollen Dahinradeln jeden Morgen abrupt ausgebremst wird. Ganz abgesehen davon natürlich, dass es nicht mal für Touristen einen bequemen Radweg mitten in die Innenstadt gibt (hier spricht aus mir die Ladenbesitzerin, die durchaus mal dezent darauf hinweisen will, dass es schon Möglichkeiten gäbe, potenzielle Käufer in die Stadt zu lotsen… nur mal dezent angemerkt).

Und während ich mein Rad pflichtbewusst (und nur für diesen Blogbeitrag) die Fußgängerbrücke hinaufschiebe, denke ich mit Wehmut an meinen Wochenendtrip nach Amsterdam – der Stadt, in der die Radfahrer das Sagen haben. Gut, es war stellenweise echt nicht lustig und für Fußgänger lebensgefährlich…

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Amsterdam

aber die Radlfahrer dort fahren mit einem Selbstverständnis, das beneidenswert ist. Breite Radwege, Vorfahrt – und es ist einfach total flach. Ginge nicht ein bisschen was davon auch hier in der niederbayrischen Kleinstadt? Breitere Radwege vielleicht, auf denen nicht alle paar Meter ein Auto parkt? Oder ordentliche Verbindungen in die Stadt? Abbiegespuren an Kreuzungen? Seufz…

Für die nachmittägliche Fahrt zur Arbeit nehme ich dann doch lieber das Auto. Ich muss Material transportieren und außerdem sieht es nach Regen aus (es ist auf alle Fälle total unumgänglich). Ich komme keine hundert Meter weit, da trete ich das erste Mal massiv auf die Bremse. Radfahrer vor mir. Rennradfahrer. In der Gruppe. In Fahrradpelle. Mitten auf der Straße. „Wozu gibt’s einen Radweg, ihr Idioten!“, schreie ich entnervt. Das geht nicht. Das geht echt nicht. Meine Stadt gehört den Autofahrern. Und so wird es immer sein.

 

Ein Gedanke zu „Fahrraddilemma

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